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Samstag, 26. November 2022

Ultimativ

 

Weder leugnen noch glauben. 


Lichtenberg

Dienstag, 22. Februar 2022

Selbst-Denken

 Lichtenberg:

 Man empfiehlt Selbst-Denken oft nur, um die Irrtümer anderer beim Studieren von Wahrheit zu unterscheiden. Es ist ein Nutzen, aber ist das alles? wie viel unnötiges Lesen wird uns erspart. Ist denn Lesen Studieren? Es hat jemand mit großem Grunde der Wahrheit behauptet, daß die Buchdruckerei Gelehrsamkeit zwar mehr ausbreitet aber im Gehalt vermindert hätte. Das viele Lesen ist dem Denken schädlich. Die größten Denker, die mir vorgekommen sind, waren gerade unter allen den Gelehrten, die ich habe kennen gelernt die, die am wenigsten gelesen hatten. Ist denn Vergnügen der Sinne gar nichts?

 Wenn man die Menschen lehrt, wie sie denken sollen und nicht ewig hin, was sie denken sollen: so wird auch dem Mißverständnis vorgebeugt. Es ist eine Art von Einweihung in die Mysteria der Menschheit. Wer im eignen Denken auf einen sonderbaren Satz stößt, kommt wohl wieder davon ab, wenn er falsch ist. Ein sonderbarer Satz hingegen, der von einem Mann von Ansehen gelehrt wird, kann Tausende, die nicht untersuchen, irre führen. Man kann nicht vorsichtig genug sein in Bekanntmachung eigner Meinungen, die auf Leben und Glückseligkeit hinaus laufen, hingegen nicht emsig genug, Menschen Verstand und Zweifel einzuschärfen. Hieher gehört die Sentenz every man's reason is every man's oracle.

Die Gottes-Gelehrten können nicht behutsam genug sein bei Ausdehnung des Richteramts der Offenbarung über Dinge, wo die Vernunft auch dereinst entscheiden wird. Bei dem jetzigen Zustand unserer Kenntnisse spricht sie mit Recht die Sprache des Zweifels, allein wird sie immer so zu sprechen Ursache haben? Die Vernunft macht täglich Eroberungen aus dem Vergangnen und durch diese Eroberungen gestärkt nützt sie das Gegenwärtige. Es könnte sein, ich hoffe es nicht, daß die christliche Religion durch Begebenheiten künftiger Zeiten vieles verlöre.

Die Naturkündiger der vorigen Zeit wußten weniger als wir, und glaubten sich sehr nahe am Ziel: wir haben sehr große Schritte darauf zu getan und finden nun, daß wir noch sehr weit ab sind. Bei den vernünftigsten Weltweisen nimmt die Überzeugung von ihrer Unwissenheit zugleich mit ihrem Wachstum an Erkenntnis zu.

***

 Man wird bei allen Menschen von Geist eine Neigung finden sich kurz auszudrücken, geschwind zu sagen was gesagt werden soll. Die Sprachen geben daher keine schwache Kennzeichen von dem Charakter einer Nation ab. Wie schwer ist es nicht einem Deutschen den Tacitus zu übersetzen. Die Engländer sind schon konziser als wir, ich meine ihre guten Schriftsteller. 

Sonntag, 6. Februar 2022

Zeitgeschmack

 Ich kann nicht leugnen, mein Mißtrauen gegen den Geschmack unserer Zeit ist bei mir vielleicht zu einer tadelnswürdigen Höhe gestiegen. Täglich zu sehen wie Leute zum Namen Genie kommen, wie die Keller-Esel zum Namen Tausendfuß, nicht weil sie so viele Füße haben, sondern weil die meisten nicht bis auf 14 zählen wollen, hat gemacht, daß ich keinem mehr ohne Prüfung glaube.

G.Ch. Lichtenberg


"Keller-Esel" meint Kellerassel.

Mittwoch, 11. November 2020

Kritiker kritisch gesehen

 Günter Grass: über Lichtenberg und Reich-Ranitzky:

 „Nach dem Wolkenbruch heute nacht dampft der Garten. Vorsicht! Keine überflüssige Bewegung! Allenfalls Lichtenberg lesen, dessen Prosa kühlt. Wie er die Kritiker zu seiner Zeit (mit Nachhall bis heute) trifft, wie er sich immer wieder - und nicht ohne Genuß - den »Frankfurter Rezensenten« vornimmt. Gleich kommt mir, wie aufgerufen, ein gegenwärtiges Exemplar in die Quere, dessen eloquenter Pfusch sich ungeschmälerter Wirkung erfreut, weil weit und breit kein Lichtenberg dem Beckmesser sein einzig gültiges Werkzeug, die Meßlatte des Sozialistischen Realismus nachweist. Dabei erinnere ich mich an seine umtriebene Präsenz während der letzten Treffen der Gruppe 47: ein amüsanter Literaturnarr, liebenswert noch in seinen Fehlurteilen. Erst als ihm die Chefetage der FAZ Macht zuschanzte - das große Geld weiß, was frommt -, wurden seine Verrisse übellaunig bis bösartig, mißriet er zu Lichtenbergs »Frankfurter Rezensenten«.“

 🔆

Und hier noch ein paar Lichtenberg-Originale:

 » Ich sehe die Rezensionen als eine Art von Kinderkrankheiten an, die die neugebornen Bücher mehr oder weniger befällt. Man hat Exempel, daß die gesündesten daran sterben, und die schwächlichen oft durchkommen. Manche bekommen sie gar nicht. Man hat häufig versucht, ihnen durch Amulette von Vorrede und Dedikation vorzubeugen oder sie gar durch eigene Urteile zu inokulieren, es hilft aber nicht immer.«

 »Dinge zu bezweifeln, die ganz ohne weitere Untersuchung jetzt geglaubt werden, das ist die Hauptsache überall«,

 »Warum glaube ich dieses? Ist es auch würklich so ausgemacht?«

 »Zweifle an allem wenigstens Einmal, und wäre es auch der Satz: zweimal 2 ist 4« -

 »Immer sich fragen: sollte hier nicht ein Betrug stattfinden? und welches ist der natürlichste, in den der Mensch unvermerkt verfallen, oder den er am leichtesten erfinden kann?«

"Zweifel muß nichts weiter sein als Wachsamkeit, sonst kann er gefährlich werden."

Mittwoch, 25. Dezember 2019

Der Zweifler

Der Zweifler
Immer wenn uns
Die Antwort auf eine Frage gefunden schien
Löste einer von uns an der Wand die Schnur der alten
Aufgerollten chinesischen Leinwand, so daß sie herabfiele und
Sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der
So sehr zweifelte.
Ich, sagte er uns
Bin der Zweifler, ich zweifle, ob
Die Arbeit gelungen ist, die eure Tage verschlungen hat.
Ob, was ihr gesagt, auch schlechter gesagt, noch für einige Wert hätte.
Ob ihr es aber gut gesagt und euch nicht etwa
Auf die Wahrheit verlassen habt dessen, was ihr gesagt habt.
Ob es nicht vieldeutig ist, für jeden möglichen Irrtum
Tragt ihr die Schuld. Es kann auch eindeutig sein
Und den Widerspruch aus den Dingen entfernen; ist es zu eindeutig?
Dann ist es unbrauchbar, was ihr sagt. Euer Ding ist dann leblos
Seid ihr wirklich im Fluß des Geschehens? Einverstanden mit
Allem, was wird? Werdet ihr noch? Wer seid ihr? Zu wem
Sprecht ihr? Wem nützt es, was ihr da sagt? Und nebenbei:
Läßt es auch nüchtern? Ist es am Morgen zu lesen?
Ist es auch angeknüpft an vorhandenes? Sind die Sätze, die
Vor euch gesagt sind, benutzt, wenigstens widerlegt? Ist alles belegbar?
Durch Erfahrung? Durch welche? Aber vor allem
Immer wieder vor allem anderen: Wie handelt man
Wenn man euch glaubt, was ihr sagt? Vor allem: Wie handelt man?
Nachdenklich betrachteten wir mit Neugier den zweifelnden
Blauen Mann auf der Leinwand, sahen uns an und
Begannen von vorne.
Bert Brecht

Dabei kann B. B. ja Karl Popper noch gar nicht gelesen haben.....?

Mittwoch, 20. November 2019

Trost bei Lichtenberg

  »Dinge zu bezweifeln, die gantz ohne weitere Untersuchung jetzt geglaubt werden, das ist die Hauptsache überall« 
»Warum glaube ich dieses? Ist es auch würklich so ausgemacht »
»Zweifle an allem wenigstens Einmal, und wäre es auch der Satz: zweimal 2 ist 4«
»Immer sich fragen: sollte hier nicht ein Betrug stattfinden? und welches ist der natürlichste, in den der Mensch unvermerkt verfallen, oder den er am leichtesten erfinden kann? «
 Lichtenberg in den »Vermischten Anmerckungen für Physic und Mathematic«

Heute sind Zweifel an der Mainstream-Kilma-Hysterie nicht erlaubt.



Dienstag, 1. Oktober 2019

Fundamentales

Das genaue Gegenteil der Wissenschaftlichen Haltung ist jeder Fundamentalismus, nicht weil Fundamentalisten eine Wahrheit haben, an die sie fest glauben (die können auch Wissenschaftler haben) oder weil es eine irrationale Wahrheit ist (sie ist gelegentlich durchaus rational), sondern weil es eine letzte und absolute Wahrheit ist, die Gegengründe nicht nur selber nicht sucht, sondern auch dann nicht zur Kenntnis nimmt, wenn andere sie geltend machen. Der Fundamentalismus ist keine bestimmte religiöse oder weltanschauliche Glaubensdenomination. Er ist eine Geisteshaltung, Vielleicht eine Charaktereigenschaft: lauter Antworten zu wissen und nie Fragen. Fundamentalisten sind im doppelten Sinn unbeirrbar: «nicht bereit, die Möglichkeit ins Auge zu fassen, daß sie im Irrtum sein könnten » (J. Rauch). Der Stil der Wissenschaft dagegen ist unbegrenzte Skepsis: Alles mag sich als falsch erweisen.

Dieter E. Zimmer

Sonntag, 23. September 2018

Philosophie

»Es ist weder gut, die von der Philosophie aufgeworfenen Fragen zu vergessen, noch uns einzureden, daß wir zweifelsfreie Antworten dafür gefunden haben.  Leben, ohne Gewißheit zu besitzen und sich von der Unsicherheit dennoch nicht lähmen zu lassen, das ist vielleicht das Wesentliche, was die Philosophie ihren Jüngern heutzutage beibringen kann.«
B. Russell.


Siehe auch:  https://kumpfuz.blogspot.com/search?q=Zweifel und http://kumpfus.blogspot.com/2008/01/hheres.html#links

Dienstag, 10. Juli 2018

Zweifeln

"Zweifeln kann man an allem, und unter zehnmal zweifelt man neunmal gewiss mit vollem Recht." 

J.  Nestroy

Dienstag, 15. August 2017

Verstand

In einem Streitgespräch über religiöse Fragen lehnt einer der Teilnehmer die Existenz alles Übernatürlichen radikal ab.
 
«Sie glauben also an gar nichts?» fragt ihn ein Geistlicher.
«Ich glaube nur an das, was ich mit meinem Verstand begreifen kann.» 
Der Geistliche zuckt mit den Achseln und sagt: «Nun ja, das kommt letzten Endes aufs gleiche
heraus.»

*
«Solange ich Gott nicht sehen kann, leugne ich seine Existenz», sagte ein Atheist zu einem Pfarrer.
«Wenn das Ihr einziges Argument ist », antwortete der, «dann leugne ich aus dem gleichen Grund Ihren Verstand.»
*
Stoßgebet eines Skeptikers: «Gott, wenn es dich gibt, rette meine Seele, wenn ich eine hab’! »
*
Ein notorischer Zweifler betritt mit einem Freund eine wegen ihrer Kunstwerke berühmte Kirche und beugt beim Eintritt das Knie.
«Ich denke, du glaubst nicht an Gott? » sagt der Freund.
«Natürlich nicht », sagt der andere. «Aber weiß ich denn, ob ich recht habe? »

Samstag, 4. Februar 2017

Moral, Glaube, Zweifel

Moral ist nicht schon die Erkenntnis des Notwendigen.
Moral ist das Verwirklichen dieser Erkenntnis.

Das Schlimmste, glaube ich, ist, glauben zu
wollen, was es nun sei, was man glauben will, sei es das
Christentum oder irgendeine Ideologie. Denn wer glau-
ben will, muß seine Zweifel unterdrücken, und wer seine
Zweifel unterdrückt, muß sich belügen. Und nur wer seine
Zweifel nicht unterdrückt, ist imstande, sich selbst zu bezweifeln,
ohne zu verzweifeln, denn wer glauben will, verzweifelt,
wenn er plötzlich nicht glauben kann. 

Aber wer sich bezweifelt, ohne zu verzweifeln, 
ist vielleicht auf dem Wege zum Glauben. 

Ohne ihn vielleicht je zu erreichen. Was für ein Glaube es jedoch ist,
dem so einer entgegengeht, ist seine Sache. Es ist sein Geheimnis, das er
mit sich nimmt, denn jedes Glaubensbekenntnis ist unbeweisbar,
und was nicht bewiesen werden kann, soll man für sich behalten.

F. Dürrenmatt

Montag, 17. November 2014

prudenter dubitare ...



...könnte man so übersetzen: G'scheit zweifeln. Gemeint war wohl eher: Vorsichtig zweifeln - das Zitat stammt ja aus der katholischen Dogmatik, soviel ich weiß. Man hatte es damals so elegant zu machen wie Montaigne, der ja immer auf der Hut vor der Inquisition sein musste.

Wie auch immer: Mittlerweile sehe ich mich eher wie der Bub am Strassenrand, der nicht versteht, warum die Leute des Kaisers neue Kleider bejubeln.

http://de.wikipedia.org/wiki/Des_Kaisers_neue_Kleider

Die meisten Leute ersparen sich die knifflige Phase des Zweifels und springen in jenen Fällen, in denen ihnen etwas unglaubhaft vorkommt, gleich zum Leugnen.