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Mittwoch, 11. September 2024

Tschutora und die Liebe zu den Tieren und den Menschen in Zeit&Raum

Tschutora

…… so verlieren vorwiegend ältere Fräulein und eingefleischte Junggesellen unter den pensionierten Beamten ihr Herz an Kanarienvögel und Hunde. Zwar akzeptiert er die Mutmaßung, daß, wer Tiere liebt, kein böser Mensch sein kann, doch hegt er zugleich den Verdacht, daß manche es einfach bequemer und billiger finden, ein Tier statt eines Menschen zu lieben. Ihm erscheint es als Ausflucht, etwa so, als versuche jemand, sein gewaltiges Liebesdefizit Menschen gegenüber mit Trinkgeld oder aus der Portokasse zu begleichen.

» Tiere lieben ... «, sinnt er weiter, auch das ist nur so eine Floskel. Am Ende liegt ihm gar nichts an Tieren, normalerweise jedenfalls. Wenn er an Rinder, Kaninchen oder Hunde, an ihr Schicksal im allgemeinen denkt, so rührt ihn das nicht sonderlich. Ihm ist stets und in allem nur am Individuum gelegen, er liebt auch nicht »die Menschheit«, sondern pflegt Beziehungen ausschließlich und allenfalls mit gewissen von ihm selbst gewählten Menschen. Jedes allgemeine Gefühl, jeder kategorische Enthusiasmus erfüllt ihn mit Argwohn; hat er doch die Erfahrung gemacht, daß diejenigen, die für »die Menschheit« oder für »die Tierwelt« insgesamt und bedingungslos ein großes Herz haben, oft einen Josef oder einen herrenlosen Hund, der sie anbettelt, mit einem Achselzucken verrecken lassen. 

Es fällt ihm dennoch schwer, den Widerstand aufzugeben; die Scham, die ihn überkommt, wenn er sich um ein Tier kümmert, wohl wissend, daß jetzt gerade hundert Millionen Menschen auf der Erde ... - doch wie soll er sich mit hundert Millionen Menschen abgeben? Wie soll er sie alle lieben? Wie kann er etwas für sie tun, wenn er keinen einzigen von ihnen kennt? Vielleicht sollte man die Welt doch einfach da anpacken, wo sie einem am nächsten ist, wo man sie zu fassen bekommt? Und was für eine schockierende und deprimierende Entdeckung ist für ihn auch die Tatsache, daß Leben auf dieser Welt immer zugleich Leben gegen andere ist, vor allem wenn man anfängt, mit wachsender Hingabe für jemanden zu leben. Die Welt ist voll von rachitischen Kindern, krebskranken Greisen, unbegabten Autoren, mißverstandenen Genies, unansehnlichen Frauen und Ringern mit Leistenbruch: Ihm ist bewußt, daß seine vornehmste Aufgabe darin bestände, diesen zu helfen, möglichst allen und nachhaltig - und dann, wenn all das erledigt ist und er immer noch einen kleinen Überschuß an Gefühlen, Hingabe und Eifer hat, dann darf er diesen zum Beispiel auch an einen Hund verschwenden ... Doch eine solche Lösung, die zugleich mit einer umfassenden Erlösung der Welt verbunden ist, wird, wie er befürchtet, nicht leicht zu erreichen sein. 

 Tschutora weiß noch nicht, wie lang eine Minute oder ein Tag ist, ihm fehlt auch das Gefühl dafür, was mehrere Tage sind. Geht ein Hausgenosse fort und bleibt eine halbe Stunde weg, so ist er bei dessen Rückkehr genauso glücklich, empfängt ihn mit ebenso wilden Sprüngen, strahlenden Augen und sich freudig überschlagendem Bellen, als wäre sie oder er nach tagelanger Abwesenheit heimgekehrt. Auch wenn Theres nur für eine Minute aus dem Zimmer geht, wird sie anschließend so begeistert begrüßt, als käme sie von einer langen Reise zurück. Noch wird er nur von seinem »Instinkt« durch die Gefahren und Möglichkeiten der vier Dimensionen geleitet, diese in der Zeit sich vollziehende mehrdimensionale Welt ist für ihn noch immer nur irgendein wohliges Durcheinander, Wissen und Erfahrung konnten die angenehm schweifende Ziellosigkeit, in der er lebt, noch nicht zerstreuen. Er kommt ganz gut ohne Zeitgefühl aus: Seine Herrschaften beneiden ihn um die uneingeschränkte Freiheit, in der er sich weder durch Mutmaßungen noch durch Vorurteile stören läßt. Er lebt ohne Zeit, und auch die Gesetze des Raums sind ihm gleichgültig.

 Was für eine wilde, unbändige Freude, wenn einer ·der Hausleute heimkommt! Es hat noch nicht geläutet, und auch Schritte sind auf den Stufen nicht zu hören, doch der Winzling Tschutora, der absolut nichts von Zeit, Raum und Entfernungen versteht, ist bereits aus seinem Dösen aufgeschreckt und sitzt in Habachtstellung. Gewiß hat er noch nicht den leisesten Laut vernommen, der Heimkommende ist womöglich erst unten an der Haustür, und es werden noch Minuten vergehen, bevor sich der Schlüssel im Schloß der Wohnungstür dreht. Tschutora aber weiß längst Bescheid und blickt dem Herannahenden mit ungeduldiger Erwartung entgegen. Welche Sinnesorgane sind es, die ihm diese Information übermitteln? Die Augen, die Ohren, die Nase? Unzulängliche Begriffe allesamt. Ein viel feineres Instrumentarium, mit dem Tschutora die Welt wahrnimmt, überprüft und registriert, ist bereits in Funktion, wenn der Ankommende gerade erst in die Gasse einbiegt. Drahtlos, über Frequenzen, die mysteriöser und rätselhafter sind als alles, was der Mensch mit seinen subtilsten Apparaturen zu empfangen vermag, erreicht ihn die Information; Membranen von größerer Schallempfindlichkeit als jedes Mikrophon übermitteln ihm Geräusche, für deren Wahrnehmung der Mensch kein geeignetes Instrument besitzt; hier tritt jenes nicht zu benennende Fluidum, ein Begleitphänomen des organischen Lebens, in Aktion, dessen Schwingungen uns so wenig bekannt sind wie die Beschaffenheit des elektrischen Stromes und das, was wir bequem und vereinfachend »Instinkt« nennen. So ist Tschutora also längst über die Absicht des Heimkehrenden iformiert, wenn dieser noch an der nächsten Straßenecke mit einem Nachbarn plaudert. Als Kreatur ist er minderwertiger, kann nicht reden, und seine Bildung läßt zu wünschen übrig, Tschutora ist auch nicht in der Lage, die höheren Weihen der Hundeausbildung zu erlangen, er mag nicht auf zwei Beinen gehen, und es gibt nur wenig Hoffnung, daß er dereinst im Zirkus Karriere macht, wo gelehrte und gelehrige Hunde vor dem faszinierten und applaudierenden Publikum zweibeinig auf dem Seil tanzen und dabei in der Pfote einen roten Sonnenschirm schwenken. Nein, Tschutora ist gedrungen, fast plump, sogar ein bißchen gewöhnlich, ein Bauer, wie Theres zu sagen pflegt. Doch dafür besitzt er andererseits nebensächliche Fähigkeiten, dank derer er zum Beispiel vom Herannahen einer vertrauten Person schon Minuten vor deren Ankunft Kenntnis hat. Er setzt sich in Positur, rennt zur Eingangstür, nimmt hier in der Stadtwohnung, zwischen Mauern und Mobiliar, Witterung auf wie ein Jagdhund in freier Wildbahn, der - wie es in der Jägersprache heißt - »das Wild ausmacht«. Sie muß in der Nähe sein! ... vermeldet er mit der Sprache seines ganzen Wesens, die nervösen Ohren, der hochstehende buschige Schwanz senden Signale aus. Und Tschutora irrt sich nicht, niemals. ·Sie muß bereits durchs Tor gehen, kommt schon die Stiege hoch, teilt er in immer begeisterter geäußerten Morsezeichen mit. Dann kläfft er einmal in seiner Aufregung. Stürzt ins andere Zimmer, stellt sich vor den Herrn, bellt ihn an, hüpft ihm aufs Knie, rast zurück zur Tür, versucht mit den Vorderpfoten die Türklinke zu erreichen, wirft sich mit der Brust gegen die Tür, jagt noch einmal in Kreisen durch die Wohnung, sein Geheul, Gerenne und andere Zeichen der Freude, die alle Erklärungen überflüssig machen, annoncieren überschwenglich: »Sie kommt! ... Verstehst du denn nicht? ... Sie ist da! Was für ein Glück! Juchhe! Gleich tritt sie ein!« Dann stemmt er die Vorderpfoten gegen die Tür, verharrt in der Stellung, um sie gleich ganz in Besitz zu nehmen. Und erst jetzt dreht sich der Schlüssel im Schloß der Vorzimmertür.

Mit einem Satz springt er an der Eintretenden hoch, plumpst auf den Boden zurück, rutscht aus, überschlägt sich ....., hüpft wieder an der Dame hoch, quittiert ihre Heimkehr mit fröhlichem Gebell, mit Schweifeln und Schnuppern. Hechelnd und mit hängender Zunge, aber strahlenden Auges und mit unmißverständlich liebevollem Blick, fixiert er die Erscheinung, die den Gefahren der Welt entgangene, heimgekehrte Dame.

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Aus "Ein Hund mit Charakter" von Sandor Marai.

Im übrigen habe ich mit Katzen diesselbe Erfahrung gemacht: Irgendwie scheint die Zeit der Menschen und Tiere nicht ganz synchron zu  laufen.

 

 


Montag, 31. Oktober 2022

Eine Lichtenberg-Sammlung...

...die ich noch nicht ordnen konnte. Vielleicht gebe ich zu einigen noch einen Kommentar dazu.

👬👬👬👬👭👭👭👭😙😙😙👊👊👊

Die Haare stehen einem zu Berge, wenn man bedenkt: was für Zeit und Mühe auf die Erklärung der Bibel gewendet worden ist.  Und was wird am Ende der Preis dieser Bemühungen nach Jahrhunderten oder -tausenden sein? Gewiß kein anderer als der: die Bibel ist ein Buch von Menschen geschrieben, wie alle Bücher. Von Menschen die etwas anderes waren als wir, weil sie in etwas andern Zeiten lebten; etwas simpler in manchen Stücken waren als wie wir, dafür aber auch sehr viel unwissender; daß sie also ein Buch sei worin manches Wahre und manches Falsche, manches Gute und manches Schlechte enthalten ist.

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Ich wüßte nicht welches angenehmer und nützlicher wäre, die Bewegung aller Planeten zu kennen, oder diese Annalen einiger vorzüglicher Menschen. Die Welt würde dadurch sehr gewinnen.

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Ob ich gleich weiß, daß sehr viele Rezensenten die Bücher nicht lesen die sie so musterhaft rezensieren, so sehe ich doch nicht ein was es schaden kann, wenn man das Buch lieset, das man rezensieren soll.

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Der schwächste aller Menschen ist der Wollüstling, der nach dem Leibe sowohl als der nach dem Geist, ich meine der Hurer und der Betbruder, der der mit Mädchen und der mit Religion hurt. Gott bewahre alle Menschen vor einem so hurenden Könige und Minister. Und Gott behüte einen solchen König und Minister vor vernünftigen Untertanen.

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Die Träume können dazu nützen, daß sie das unbefangene Resultat, ohne den Zwang der oft erkünstelten Überlegung, von unserm ganzen Wesen darstellen. 

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Ein Schullehrer und Professor kann keine Individuen erziehn, er erzieht bloß Gattungen. 

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Wenn man alt wird, muß man sich wieder junge Katzen und junge Ziegen anschaffen, um das bißchen Konsonanz das sich noch in den weichsten Fibern findet wieder zu erwecken.

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Verhunzdeutschen. Er hat es verhunzdeutscht.

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Es ist eine schöne Ehre die die Frauenzimmer haben, die einen halben Zoll vom Arsch abliegt!

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Das Höchste wozu sich ein schwacher Kopf von Erfahrung erheben kann, ist die Fertigkeit die Schwächen besserer Menschen auszufinden.

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Ich vergesse das meiste was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe, ich weiß aber so viel, beides trägt nichts desto weniger zu Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei.

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Was man so sehr prächtig Sonnenstäubchen nennt sind doch eigentlich Dreckstäubchen.

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Der Mann machte sehr viel Wind. B.O nein! wenn es noch Wind gewesen wäre, es war aber mehr ein wehendes Vakuum.

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Die Superklugheit ist eine der verächtlichsten Arten von Unklugheit.

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Wenn nur der Scheidepunkt erst überschritten wäre. Mein Gott wie verlangt mich nach dem Augenblick wenn die Zeit für mich aufhören wird Zeit zu sein, in dem Schoß des mütterlichen Alles und Nichts, worin ich damals schlief als der Hainberg angespült wurde, als Epikur, Cäsar, Lukrez lebten und schrieben und Spinoza den größten Gedanken dachte der noch in eines Menschen Kopf gekommen ist.

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Ich glaube von Grund meiner Seele und nach der reifsten Überlegung, daß die Lehre Christi, gesäubert von dem verfluchten Pfaffenschmier, und gehörig nach unserer Art sich auszudrücken verstanden, das vollkommenste System ist, Ruhe und Glückseligkeit in der Welt am schnellsten, kräftigsten, sichersten und allgemeinsten zu befördern, das ich mir wenigstens denken kann. Allein ich glaube auch daß es noch ein System gibt, das ganz aus der reinen Vernunft erwächst und eben dahin führt, allein es ist nur für geübte Denker und gar nicht für die Menschen überhaupt, und fände es auch Eingang, so müßte man doch die Lehre Christi für die Ausübung wählen. Christus hat sich zugleich nach dem Stoff bequemt, und dieses zwingt selbst dem Atheisten Bewunderung ab. Wie leicht müßte es einem solchen Geist gewesen sein ein System für die reine Vernunft zu erdenken, das alle Philosophen völlig befriedigt hätte. Aber wo sind die Menschen dazu? Es wären vielleicht Jahrhunderte verstrichen, wo man es gar nicht verstanden hätte, und so etwas soll dienen das menschliche Geschlecht zu leiten und zu lenken und in der Todesstunde aufzurichten? Ja was würden nicht die Jesuiten aller Zeiten und aller Völker daraus gemacht haben? Was die Menschen leiten soll muß wahr aber allen verständlich sein. Wenn es ihm auch in Bildern beigebracht wird, die er sich bei jeder Stufe der Erkenntnis anders erklärt. 

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Eine ganze Milchstraße von Einfällen.

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Eine große Rede läßt sich leicht auswendig lernen und noch leichter ein großes Gedicht. Wie schwer würde es nicht halten, eben so viel ohne allen Sinn verbundene Wörter, oder eine Rede in einer fremden Sprache zu memorieren. Also Sinn und Verstand kömmt dem Gedächtnis zu Hülfe. Sinn ist Ordnung und Ordnung ist doch am Ende Übereinstimmung mit unserer Natur. Wenn wir vernünftig sprechen, sprechen wir nur immer unser Wesen und unsere Natur. Um unserm Gedächtnisse etwas einzuverleiben suchen wir daher immer einen Sinn hineinzubringen oder eine andere Art von Ordnung. Daher Genera und Species bei Pflanzen und Tieren, Ähnlichkeiten bis auf den Reim hinaus. Eben dahin gehören auch unsere Hypothesen, wir müssen welche haben, weil wir sonst die Dinge nicht behalten können.  So suchen wir Sinn in die Körperwelt zu bringen. Die Frage aber ist, ob alles für uns lesbar ist. Gewiß aber läßt sich durch vieles Probieren, und Nachsinnen auch eine Bedeutung in etwas bringen was nicht für uns oder gar nicht lesbar ist. So sieht man im Sand Gesichter, Landschaften usw. die sicherlich nicht die Absicht dieser Lagen sind. Symmetrie gehört auch hieher. Silhouette im Dintenfleck pp. Auch die Stufenleiter in der Reihe der Geschöpfe, alles das ist nicht in den Dingen, sondern in uns. Überhaupt kann man nicht gnug bedenken, daß wir nur immer uns beobachten, wenn wir die Natur und zumal unsere Ordnungen beobachten.

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Die Fliege, die nicht geklappt sein will, setzt sich am sichersten auf die Klappe selbst.

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Man kann würklich nicht wissen ob man nicht jetzt im Tollhaus sitzt.

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Die meisten Glaubens-Lehrer verteidigen ihre Sätze, nicht weil sie von der Wahrheit derselben überzeugt sind, sondern weil sie die Wahrheit derselben einmal behauptet haben.

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Was mögen wohl die Huren in den alten Zeiten geworden sein? Ob es da wohl auch Betschwestern gab?

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Die Vorstellung, die wir uns von einer Seele machen, hat viel Ähnliches mit der von einem Magneten in der Erde. Es ist bloß Bild. Es ist ein dem Menschen angebornes Erfindungsmittel sich alles unter diesen Formen zu denken.

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Wer eine Scheibe an seine Garten-Tür malt, dem wird gewiß hineingeschossen.

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Die Dinge außer uns sind nichts anderes als wir sie sehen, für uns wenigstens nicht, denn wir können bloß Relationen bemerken, weil die beobachtende Substanz ja beständig in das Mittel tritt. Gott selbst sieht in den Dingen nur sich.

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Sehr viele und vielleicht die meisten Menschen müssen, um etwas zu finden, erst wissen, daß es da ist.

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Es gibt große Krankheiten, an denen man sterben kann; es gibt ferner welche die (man), ob man gleich nicht eben daran stirbt, doch ohne viel Studium bemerkt und fühlt; endlich gibt es aber auch welche, die man ohne Mikroskop kaum erkennt, dadurch nehmen sie sich aber auch recht abscheulig aus und dieses Mikroskop ist Hypochondrie. Ich glaube, wenn sich die Menschen recht darauf legen wollten die mikroskopischen Krankheiten zu studieren, sie würden die Satisfaktion haben, alle Tage krank zu sein.

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Man hat vieles über die ersten Menschen gedichtet, es sollte es auch einmal jemand mit den beiden letzten versuchen.

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Um den Menschen nützliche Wahrheiten zu predigen ist alles erlaubt, was niemanden schadet oder kränkt, also auch Feenmärchen. Kein Mensch findet es mehr absurd daß die Tiere in der Fabel sprechen, warum sollte er es abgeschmackt finden, daß es Perlen regnet? Ein weiser Mann wird mehr tun, als mancher Zauberer in einem Feen-Märchen, wenn er einen Dumpfkopf weise machen könnte, warum soll er nicht in der Absicht etwas dichten?

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Bei einem Menschen, der mit Gottesfurcht prahlt, muß man nie eigentliche christliche Gesinnungen suchen.

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Es gibt sehr viele Menschen, die unglücklicher sind als du - gewährt zwar kein Dach darunter zu wohnen, allein sich bei einem Schauer darunter zu retirieren ist das Sätzchen gut genug.

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Neue Bäder heilen gut.

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Vom Wahrsagen läßt sichs wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen.

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Sympathie ist ein schlechtes Almosen.

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Die Menschen, die erst die Vergebung der Sünden durch lateinische Formeln erfunden haben, sind an dem größten Verderben in der Welt schuld.

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Da gnade Gott denen von Gottes Gnaden.

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Ora & non labora.

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Selbst unsere häufigen Irrtümer haben den Nutzen, daß sie uns am Ende gewöhnen zu glauben, alles könne anders sein, als wir es uns vorstellen. Auch diese Erfahrung kann generalisiert werden, so wie das Ursachen-Suchen, und so muß man endlich zu der Philosophie gelangen, die selbst die Notwendigkeit des principii contradictionis leugnet.

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Die beiden Begriffe von Sein und Nichtsein sind bloß undurchdringlich in unsern Geistes-Anlagen. Denn eigentlich wissen wir nicht einmal was Sein ist, und so bald wir uns ins Definieren einlassen, so müssen wir zugeben daß etwas existieren kann was nirgends ist. Kant sagt auch so was irgendwo.

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Es ist doch fürwahr zum Erstaunen, daß man auf die dunkeln Vorstellungen von Ursachen den Glauben an einen Gott gebaut hat, von dem wir nichts wissen, und nichts wissen können, denn alles Schließen auf einen Urheber der Welt ist immer Anthropomorphismus.

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Ich habe das Register der Krankheiten angesehn, und habe die Sorgen und traurige Vorstellungen nicht darunter gefunden, das ist sehr unrecht.

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Gott, der Vergelder alles Guten.

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Im Namen des Herrn sengen, im Namen des Herrn brennen morden und dem Teufel übergeben, alles im Namen des Herrn.

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Viel Hasen sind der Hunde Tod, sagt der Oberförster, dem man seinen Hund aus Versehen tod geschossen hatte weil der Schützen zu viele waren.

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Wir nehmen Dinge wahr vermöge unsrer Sinnlichkeit. Aber was wir wahrnehmen sind nicht die Dinge selbst, das Auge schafft das Licht und das Ohr die Töne. Sie sind außer uns nichts. Wir leihen ihnen dieses. Eben so ist es mit dem Raume, und der Zeit. Auch wenn wir die Existenz Gottes nicht fühlen, beweisen können wir sie nicht. 

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Für die Seele sorgen nur allein die Pastoren und die Philosophen, die sich oft den Handel einander verderben; für den Leib, außer dem Arzt und Apotheker, die Feldbauern, Müller, Bäcker, Brauer, Fleischer und Brannteweinbrenner, für das adoptierte Fell unzählige Weber, Schneider, Schuster, Hutmacher, Gerber, und dann endlich für das Wohnhaus der Schnecke der Baumeister, Zimmermann, Tischler, Schlosser, also für die Seele der Pastor allein. Freilich müssen hier noch die Wissenschaften eingewebt werden!

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Für den Verlust von Personen, die uns lieb waren, gibt es keine Linderung als die Zeit, und sorgfältig und mit Vernunft gewählte Zerstreuungen, wobei uns unser Herz keine Vorwürfe machen kann.

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Eine große Rede läßt sich leicht auswendig lernen und noch leichter ein großes Gedicht. Wie schwer würde es nicht halten, ebensoviel ohne allen Sınn verbundene Wörter, oder eine Rede in einer fremden Sprache zu memorieren. Also Sinn und Verstand kömmt dem Gedächtnis zuhilfe. Sinn ist Ordnung und Ordnung ist doch am Ende Übereinstimmung mit unserer Natur. Wenn wir vernünftig sprechen, sprechen wir nur immer unser Wesen und unsere Natur. Um unserm Gedächtnisse etwas einzuverleiben suchen wir daher immer einen Sinn hineinzubringen oder eine andere Art von Ordnung. Daher Genera und Species bei Pflanzen und Tieren, Ähnlichkeiten bis auf den Reim hinaus. Eben dahin gehören auch unsere Hypothesen, wir mussen welche haben, weil wir sonst die Dinge nicht behalten können. Dieses ist schon längst gesagt, man kömmt aber von allen Seiten wıeder darauf. So suchen wir Sinn in die Körperwelt zu bringen. Die Frage aber ist, ob alles für uns lesbar ist. Gewiß aber läßt sich durch vieles Probieren, und Nachsinnen auch eine Bedeutung in etwas bringen was nicht für uns oder gar nicht lesbar ıst, So sieht man im Sand Gesichter, Landschaften u.s.w. die sicherlich nicht die Absicht dieser Lagen sind. Symmetrie gehört auch hieher. Silhouette im Tintenfleck pp. Auch die Stufenleiter ın der Reihe der Geschöpfe, alles das ist nicht in den Dingen, sondern ın uns. Überhaupt kann man nicht gnug bedenken, daß wir nur immer uns beobachten, wenn wir die Natur und zumal unsere Ordnungen beobachten. 

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Mancher Schriftsteller sobald er ein bißchen Beifall erhält glaubt alles von ihm interessiere die Welt, Der Schauspiel-Schmierer Kotzebue hält sich sogar berechtigt dem Publico zu sagen, daß er seiner sterbenden Frau ein Klistier gesetzt habe.


        Daran muß ich immer denken, wenn ein Schauspieler seine politischen Ansichten zum Besten gibt....


 

Mittwoch, 6. April 2022

Gegenwart

 Für Leute, die nur Vergangenheit und Zukunft kennen und nicht in jedem Momente der Gegenwart eine Ewigkeit leben können, ja für solche muß der Tod schrecklich sein! Wenn ihnen die beiden Krücken Raum und Zeit entfallen, dann sinken sie ins ewige Nichts.


H. Heine

Samstag, 27. März 2021

Zeit und Ewigkeit

 Die unendliche Streitfrage um ein Leben "nach dem Tode" ist schon im Ansatz falsch. Nach meiner Ansicht erlischt mit dem Zeitpunkt des Todes auch die "Illusion der Zeit" (Einstein), "vor" und "nach" haben keine Bedeutung mehr. 

Ewig bedeutet also "zeitlos".                 ∞ = Ø >>>time-out<<<

Und so bekommt auch der alte Spruch von Solon

NEMO ANTE MORTEM BEATUS

seinen Sinn. Vielleicht liegt in der Zeitlosigkeit die Glückseligkeit - auch die himmlische. Und nicht im imaginären NICHTS.

🌞

Und diesen bemerkenswerten Satz fand ich bei K. P.  Liessmann:

Wobei Ewigkeit in diesem Zusammenhang ncht als unendliche Dauer missverstanden werden darf. Ewigkeit bedeutet, aus der Zeit hinausgefallen zu sein, bedeutet reine Gegenwärtigkeit.

und diese Passage bei Eugène Ionesco:

Warnende oder prophetische Träume kennen die Psychologen seit jeher. Wir in der westlichen Welt wollen nicht daran glauben, weil sich für uns die Ereignisse in der Zeit abspielen. Tatsächlich denken wir kausal. Es gibt ein Vorher ınd ein Nachher, das zweite ist für uns die Wirkung des ersten. Vorher, nachher, Kausalität, Zeit. Die Orientalen werden von uns Okzidentalen nicht verstanden, denn die Orientalen sehen die Dinge innerhalb einer Gesamtheit von Wechselbeziehungen und Bedeutungen. Das ıst natürlich eine andere Art, sich die Welt zu erklären. denn jede Wahrheit ist nur die Erklärung, die wir für eine Sache oder für die Dinge finden. Um diese Phänomene, die uns ungewöhnlich oder absurd scheinen, zu begreifen, müßten wir einfach unser historisches, kausales Denken durch ein räumliches ersetzen. Eine Raumvorstellung statt einer Zeitvorstellung. Könnten wir uns entschließen, weder historisch noch räumlich zu denken, wären wir sogar freier, denn dann hätten wir eine andere Vorstellung von der Welt, oder vielmehr, da jede bildliche Vorstellung ım Raum ist, eine nicht-bildliche Erklärung der Welt. 

Und Alois Brandstetter: "Ewigkeit ist nicht die endlose Fortsetzung von Zeit." 

Siehe auch:

 https://kumpfuz.blogspot.com/2019/06/todliche-sicherheit.html 

https://kumpfuz.blogspot.com/2018/07/zeitverlust.html

https://kumpfuz.blogspot.com/2017/05/zeit-leben.html

😖 Und Schopenhauer darf, kann, muß auch noch seinen Senf dazugeben:

Jeder ist nur als Erscheinung vergänglich, hingegen als Ding an sich zeitlos, also auch endlos. Als Ding an sich ist er der Wille, der in allem erscheint, und der Tod hebt die Täuschung auf, die sein Bewußtsein von dem der übrigen trennt: dies ist die Fortdauer.

Kein Stäubchen, kein Atom Materie kann zu nichts werden, - und des Menschen Geist ängstigt sich damit, daß der Tod die Vernichtung seines Wesens sei!

Du, als Individuum, endest mit dem Tode. Allein das Individuum ist nicht dein wahres und letztes Wesen, vielmehr eine bloße Äußerung desselben: es ist nicht das Ding an sich selbst, sondern nur dessen Erscheinung, welche in der Form der Zeit sich darstellt und demgemäß Anfang und Ende hat. Dein Wesen an sich selbst hingegen kennt weder Zeit, noch Anfang, noch Ende. 


Freitag, 27. Juli 2018

Zeitverlust

Im Augenblick seines Absterbens verliert der Mensch nicht nur das Bewußtsein, nicht nur das Bewußtsein der Zeit, sondern er verliert auch die Zeit selbst. Er verliert sie im Tode ganz genau so, wie er sie im Zeitpunkt seiner Geburt überhaupt erst gewinnt. Nur Dasein in Raum und Zeit und, in einem damit, im Leibe - nur solches Dasein »hat« die Zeit, »hat« eine Vergangenheit und eine Zukunft. Geistiges Sein jedoch, als geistiges, »ist« nicht »da«; es ist, im Gegensatz zum »da-sein«, ein Sein jenseits von Raum und Zeit.

Wo es keine Zeit, wo es weder Vergangenheit noch Zukunft gibt, dort verliert aber auch alles Gerede von »früher« oder »später«, »vor« oder »nach«, »prä« oder »post« seinen Sinn. Was »Prä-« oder »Post-« ist, ist eo ipso nicht »Existenz«. Geistige Existenz ist uns nicht anders bekannt als in Ko-existenz mit dem Psychophysicum. Jede Aussage über geistige Existenz jenseits dieser Ko-existenz, jenseits von Leib, Raum und Zeit, entbehrt des Sinnes. Wir können um geistige Existenz nur wissen, sobald und solange sie mit Leib und Seele ver-ein-t, sobald und solange sie durch Leib und Seele er-gänzt ist zur Einheit und Ganzheit des Wesens »Mensch«. Was darüber hinaus ist, was jenseits von Leib, Raum und Zeit ist, was sich im Bereich des reinen Seins abspielt - darum zu wissen ist unmöglich.

Daß so etwas wie eine »Seelen«-Wanderung unmöglich ist, haben wir gehört: wir sehen aber auch, daß ein Fortleben des Geistigen un»denkbar« ist: es kann nicht gedacht werden, es läßt sich nicht vorstellen. Dennoch könnte es möglich sein - und es ist nicht nur möglich, sondern auch notwendig; denn das Gegenteil davon wäre ja keinesfalls möglich: daß nämlich dasjenige, was wesentlich jenseits von Raum und Zeit ist, jemals sterben können sollte. In diesem Sinne schlage ich vor, an Stelle von Fortleben der Person von Überleben zu sprechen - aber nicht so, als ob damit gemeint wäre, daß die geistige Person ihren leiblich-seelischen Tod überlebt, sondern in dem Sinne, in welchem wir bereits einmal von »Übersinn« gesprochen haben - worunter wir »einen über menschliches Fassungsvermögen wesentlich hinausgehenden Sinn« verstanden haben -, also im Sinne eines über-Lebens, das heißt eines Modus des Lebens, von dem wir uns keinen Begriff mehr machen, den wir nicht mehr fassen können.
V.  E.  Frankl 

Es ist irgendwie beglückend, wenn man in der Literatur etwas ausgedrückt findet, das man selber zwar ähnlich gedacht, aber nie hätte formulieren können.

"Der Begriff "Leben nach dem Tod" hat eine zeitliche Dimension, die ich nicht für richtig halte. Ich glaube, dass es ein Leben außerhalb der materiellen Welt gibt. Es gibt eine geistige Welt außerhalb der materiellen Existenz. Aber mit Physik hat das nichts zu tun, sondern das ist nur meine persönliche Ansicht."

A. Zeilinger, Quantenphysiker

Mittwoch, 3. Januar 2018

Carpe diem

Weil die GEGENWART allein die real erfüllte Zeit ist und unser ganzes wirkliches Dasein in ihr konzentriert und auf sie beschränkt ist, so sollte man sie stets einer heitern Aufnahme würdigen, jede erträgliche und von unmittelbaren Schmerzen freie Gegenwart mit Bewußtsein als solche genießen, d. h. sie nicht trüben durch verdrießliche Gesichter über die verfehlten Hoffnungen der Vergangenheit oder die Sorgen der Zukunft. 

Schopenhauer

Samstag, 9. Dezember 2017

Personenbeschreibung

"Charakter einer mir bekannten Person.
....von der Religion hat er als Knabe schon sehr frei gedacht, nie aber eine Ehre darin gesucht ein Freigeist zu sein, aber auch keine darin, alles ohne Ausnahme zu glauben. Er kann mit Inbrunst beten und hat nie den 9o. Psalm ohne ein erhabenes, unbeschreibliches Gefühl lesen können(*) ..... Er weiß nicht was er mehr haßt, junge Offiziers oder junge Prediger, mit keinen von beiden könnte er lange leben .... Lesen und Schreiben ist für ihn so nötig als Essen und Trinken, er hofft es wird ihm nie an Büchern fehlen. An den Tod denkt er sehr oft und nie mit Abscheu, er wünscht daß er an alles mit so vieler Gelassenheit denken könnte, und hofft sein Schöpfer wird dereinst sanft ein Leben von ihm abfordern, von dem er zwar kein allzu ökonomischer, aber doch kein ruchloser Besitzer war." 

G. Chr. Lichtenberg
http://www.lichtenberg-gesellschaft.de/leben/l_leb_goe_licht.html
(*) PSALM 90:Ein Bittgebet des Mose, des Mannes Gottes. O Herr, du warst uns Wohnung von Geschlecht zu Geschlecht.
Ehe geboren wurden die Berge, ehe du unter Wehen hervorbrachtest Erde und Erdkreis, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen, du sprichst: Ihr Menschenkinder, kehrt zurück!
Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.
Du raffst sie dahin, sie werden wie Schlafende. Sie gleichen dem Gras, das am Morgen wächst:
Am Morgen blüht es auf und wächst empor, am Abend wird es welk und verdorrt.
Ja, unter deinem Zorn schwinden wir hin, durch deine Zornesglut werden wir starr vor Schrecken.
Unsere Sünden hast du vor dich hingestellt, unsere verborgene Schuld in das Licht deines Angesichts.
Ja, unter deinem Grimm gehen all unsere Tage dahin, wir beenden unsere Jahre wie einen Seufzer. Die Zeit unseres Lebens währt siebzig Jahre, wenn es hochkommt, achtzig. Das Beste daran ist nur Mühsal und Verhängnis, schnell geht es vorbei, wir fliegen dahin.

Samstag, 23. September 2017

Existenzanalyse

Viktor E. Frankl:

Die Existenzanalyse stellt, angesichts der tatsächlichen Vergänglichkeit alles Seins, folgende Behauptung auf: Vergänglich sind eigentlich nur die Möglichkeiten, die Chancen zur Wertverwirklichung, die Gelegenheiten, die wir zum Schaffen oder zum Erleben - oder zum Leiden (nämlich zum rechten Leiden, zum aufrechten Leiden von wirklich Unabänderlichem, von echt Schicksalhaftem) haben: sobald wir diese Möglichkeiten jedoch verwirklicht haben, sind sie nicht mehr «vergänglich», vielmehr sind sie «vergangen››, sie sind vergangen – und das will heißen: eben in ihrem Vergangensein «sind›› sie. Denn gerade in ihrem vergangensein sind sie ja aufbewahrt, und nichts kann ihnen mehr etwas anhaben, nichts kann mehr das, was einmal geschehen, was einmal vergangen ist, aus der Welt schaffen: einmal vergangen, ist es vergangen ein für allemal und «für alle Ewigkeit» (>>>Fußnote am Ende des Textes),
 Ich habe die Frage, wie sich ein «Optimist der Vergangenheit» zum Pessimisten verhält, einmal an folgendem Gleichnis klar­zumachen versucht: Der Pessimist gleicht einem Manne, der vor einem Wandkalender steht und wehmütig zusieht, wie dieser Kalender - von dem er täglich ein Blatt abreißt - immer schmächtiger und schmächtiger wird. Der Optimist hingegen gleicht einem, der das Kalenderblatt, das er jeweils entfernt, fein säuberlich auf die bisher abgenommenen Blätter legt, sich auf der Rückseite Notizen macht darüber, was er an diesem Tage getan oder erlebt bat, und nicht ohne Stolz auf die Gesamt­heit dessen zurückblickt, was da alles in diesen· Blättern fest­gelegt - was alles in diesem Leben «festgelebt» ist.
Bedenken Sie doch nur einmal, was solch ein Gesichtspunkt gegenüber dem Vergangensein - wobei wir ja von nun an immer den Akzent auf «Sein» setzen! - praktisch, im Leben des Men­schen, bedeuten kann. Stellen Sie sich doch bloß einmal vor, eine Kriegerwitwe wäre verzweifelt und hielte ihr künftiges Le­ben für sinnlos, eben weil sie ihren Mann verloren und vielleicht nur ein einziges Jahr des Eheglücks erlebt hat. Was muß es ihr doch bedeuten, zu hören und zu wissen, daß sie immerhin die­ses Jahr reinen Glücks «hinter sich gebracht» hat, daß sie es hineingerettet hat ins Vergangensein, wo es geborgen ist «für alle Zeit», und daß ihr nichts und niemand mehr die Tatsache, es eben nun einmal erlebt zu haben, nehmen kann.
Nun könnte einer fragen: Wer wird nach dem Tode dieser Frau die Erinnerung an ihren Mann und an ihr Glück «leben­dig» erhalten? Dazu wäre nun folgendes zu sagen: Ob sie oder überhaupt jemand erinnernd daran zurückdenkt oder nicht, das ist ebenso unwesentlich, wie es unwesentlich ist, ob wir an etwas, was neben uns noch besteht, denken oder auf es hinblicken, oder nicht: es besteht unabhängig von unserem Bewußtsein und von dessen Zuwendung zu ihm, und so besteht nicht nur alles unabhängig von unserer subjektiven Hinwendung, sondern eben­so unabhängig besteht es auch fort. Freilich «nehmen wir nichts ins Grab mit»; aber ist die Totalität des Le­bens, das wir gelebt haben und im Sterben eben fertiggelebt haben, ist diese Totalität nicht etwas, was außerhalb aller Grä­ber bleibt, und außerhalb ihrer eben auch bleibt? Und nicht nur trotz der Vergänglichkeit bleibt, sondern eben gerade in seinem Vergangensein aufbewahrt bleibt?
   Nun, vergänglich ist alles. Gebe sich niemand der Illusion hin, daß etwa ein leibliches Wesen, das leibhafte Kind, das wir in die Welt gesetzt haben, weniger vergänglich sei als vielleicht ein großer Gedanke oder die große Liebe - der jenes Kind ent­sprungen sein mag. Vergänglich ist all dies gleichermaßen. «Das Leben des Menschen währet siebzig· Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig, und wenn es köstlich war, . dann ist es Mühe und Arbeit gewesen.» Nun: der «große Gedanke» dauert, in der Zeit, vielleicht sieben Sekunden; und wenn er gut war, dann hat er die Wahrheit enthalten. Aber vergänglich ist er, der große Gedanke, genau so und nicht mehr als das kleine Kind oder die große Liebe; vergänglich ist alles.
Aber auch ewig ist alles. Und nicht nur das, sondern es ver­ewigt sich auch ganz von selbst. Darum brauchen wir uns gar nicht darum zu kümmern, daß «wir» es verewigen; sobald wir es nur einmal «gezeitigt» haben, sobald es von unserem Leben «gezeitigt» wurde, - verewigen tut es sich schon von selbst. Wir haben also nicht darum Sorge zu tragen, daß etwas verewigt werde; aber umso mehr tragen wir Verantwortung - Verant­wortung dafür, was alles da verewigt wird, indem es eben von uns gezeitigt wird.
Ins Protokoll der Welt «aufgenommen» wird alles, unser gan­zes Leben, all unser Schaffen, Lieben und Leiden; aufgenom­men wird es in dieses Protokoll und «aufgehoben», aufbewahrt bleibt es in ihm. Und das Protokoll der Welt ist unverlierbar; das macht den Trost und unsere Hoffnung aus. Aber es ist nicht nur unverlier­bar, sondern auch unkorrigierbar, und das ist eine Warnung und eine Mahnung an uns. Denn wenn wir sagten, daß sich nichts Vergangenes aus der Welt schaffen lasse, bedeutet das nicht eine Mahnung, es eben in die Welt zu schaffen? Und jetzt zeigt sich, daß wir nicht nur dem existenzphilosophischen Pes­simismus (der Gegenwart) einen Optimismus der Vergangenheit entgegensetzen konnten, sondern, daß wir auch, gleichzeitig da­mit, dem quietistischen Fatalismus (der Zeitlosigkeit) einen Ak­tivismus der Zukunft gegenüberstellen könnten. Denn gerade angesichts der «ewigen» Aufbewahrtheit des Seins im Vergan­gensein wird nun alles darauf ankommen, was wir, in der Gegen­wart, imAugenblick, in dieses Vergangen-Sein «hineinschaffen».
Aber was ist eigentlich dieses «Schaffen ins Sein», in dieVer­gangenheit? Es ist letztlich ein Schöpfen aus dem Nichts - aus dem Nichts der Zukunft. Und jetzt verstehen wir auch, warum alles Sein so vergäng­lich ist, warum alle Dinge so flüchtig sind: Alles ist «flüchtig» - weil es auf der Flucht ist. Auf der Flucht vor dem Nichts der Zukunft in das Sein der Vergangenheit. Wie in einem horror vacui, einem Schrecken vor dem Nichts fürchtet alles das Nichts der Zukunft, flüchtet vor diesem Nichts, und stürzt in die Ver­gangenheit und in ihr Sein. Aber vor dem «Engpaß» der Gegen­wart - da staut es sich und drängt es sich, und da «harrt alles der Erlösung» ... Der Erlösung, die ihm zuteil wird, indem es - als Ereignis - im Vergehen eingeht ins Vergangensein oder - als unser Erlebnis und unsere Entscheidung - von uns eingelassen wird in die Ewigkeit.
Der Engpaß der Gegenwart, diese enge Stelle, die vom Nichts der Zukunft hinüberführt ins (ewige) Sein der Vergangenheit, ist nun, als Grenzfläche zwischen dem Nichts und dem Sein, zu­gleich die Grenzfläche - der Ewigkeit. Daraus ergibt sich aber nicht weniger als daß die Ewigkeit, als begrenzte, eigentlich eine endliche Ewigkeit ist. Sie reicht jeweils nur bis zur Gegenwart heran. Bis zu jener Gegenwart, in der wir entscheiden, was da Einlaß findet in die Ewigkeit. So ist diese Grenzfläche der Ewig­keit, diese Grenzfläche zwischen dem Nichts der Zukunft und dem Sein der Vergangenheit, in einem damit jene Stätte, auf der in jedem Augenblick die Entscheidung fällt, was als von uns Gezeitigtes sich von selber verewigt.
Und nun sehen wir ein weiteres: Wenn man im alltäglichen Sinne von Zeitgewinn spricht, dann denkt man immer an einen Gewinn von Zeit durch Hinausschieben in die Zukunft. Wir aber wissen jetzt: wir «gewinnen Zeit» - wir gewinnen «an» Zeit, oder wir gewinnen die Zeit «für uns», indem wir etwas, statt es in die Zukunft hinauszuschieben, gerade umgekehrt in die Vergangenheit hineinretten.
Wie ist es nun aber, wenn die Sanduhr, die uns so lange als Gleichnis gedient hat, ausgeronnen ist? Wie ist es also, wenn - die Zeit verronnen ist? Wenn das Dasein demnach «geronnen ist», wenn es zur Endgültigkeit gerinnt? Dies ist der Fall im Tode.
Im Tode ist alles immobil geworden, nichts ist disponibel; dem Menschen steht nichts mehr zur Verfügung - kein Leib und keine Seele mehr ist ihm da verfügbar: es kommt zum totalen Verlust des psychophysischen Ich. Was bleibt, ist nur noch das Selbst, das geistige Selbst. Der Mensch hat also nach dem Tode kein Ich mehr - er «hat» überhaupt nichts mehr, er «ist» nur mehr: eben sein Selbst.
Und wenn man behauptet, im Sterben sehe der Mensch, etwa der im Gebirge abstürzende Kletterer, sein ganzes Leben wie in einem Filmraffer in unheimlicher Schnelligkeit nochmals vor sich ablaufen, dann könnten wir jetzt sagen: im Tode ist der Mensch der Film selbst geworden. Er ist nunmehr sein Leben, sein gelebtes Leben; er ist seine eigene Geschichte, sowohl die ihm geschehene als die von ihm geschaffene. Und so ist er auch sein eigener Himmel und seine eigene Hölle, je nachdem.
So· gelangen wir aber auch zu der Paradoxie, daß die eigene Vergangenheit des Menschen die eigentliche Zukunft ist, die er zu gewärtigen hat (Der lebende Mensch hat Vergangenheit und hat Zukunft; der Sterbende hat keine Zukunft mehr, sondern nur mehr Vergangenheit, der Tote aber ist seine Vergangenheit.)
 Im Tode hat der Mensch zwar kein Leben, aber dafür ist er es. Und daß es das gewesene Leben ist, das er nunmehr «ist», das kann uns nun nicht mehr stören; wissen wir doch, daß das Gewesensein die sicherste Form von Sein über­haupt ist.
Dieses Gewesensein aber ist recht eigentlich ein Gewesensein im Sinne des Perfectum - und keineswegs mehr etwa des Im­perfectum. Denn das Leben ist ja jetzt vollendet - erst als voll­endetes «ist» es ja. Während also im Laufe der Zeit, im Verlauf des Lebens, ähnlich wie beim Hindurchlaufen der Sandkörner durch die enge Stelle der Sanduhr, immer aufs neue immer nur einzelne faits accomplis in die Vergangenheit eingehen, istjetzt, nach dem Tode, das ganze Leben, die Lebenstotalität, eingegan­gen ins Vergangensein - als par-fait accompli.
Aber dies führt uns zugleich zu einer zweiten Paradoxie, und einer doppelten noch dazu: Denn wenn wir davon sprachen, daß wir etwas in die Welt schaffen, indem wir es in das Sein der Ver­gangenheit hineinschaffen, dann ist es erstens der Mensch selbst, der sich in die Welt schafft, er setzt «sich selbst» in die Welt; und zweitens wird er nicht mit seiner Geburt in die Welt gesetzt, sondern er setzt sich selber in die Welt erst im Tode.
Wenn wir aber bedenken; daß es ja das Selbst ist, das er im Tode (selber) in die Welt setzt, dann werden Wir über diese Paradoxie nicht mehr erstaunt sein. Denn das Selbst «ist» ja eigentlich nicht, es «wird» doch immer erst. Es kann somit gar nicht anders «sein» denn als gewordenes, eben als fertig gewor­denes. Und fertig geworden ist es erst - im Augenblick des Todes.
Freilich, vom alltäglichen Menschen wird der Tod immer wieder mißverstanden. - Wenn der Wecker ratscht und uns aus dem Traum aufschreckt, dann erleben wir, noch im Traum be­fangen, den «Weckreiz» wie einen furchtbaren Einbruch in die Traumwelt, und wir wissen nicht, daß uns der Wecker zu un­serem eigentlichen Sein, zur Tagwelt aufweckt. Ergeht es nun dem Sterbenden nicht ähnlich? Erschrecken wir Sterbliche nicht ebenfalls vor dem Tode? Mißverstehen nicht auch wir, daß und inwiefern er uns zu einer eigentlicheren, realeren Realität un­serer selbst erweckt?
Und die zärtliche Hand, die uns aus dem Schlaf weckt - mag ihre Bewegung noch so zärtlich sein: wieder erleben wir nicht ihre ganze Zärtlichkeit, nein, wir empfinden sie wie einen schrecklichen Einbruch in unsere Traumwirklichkeit, sobald sie versucht, unseren Schlaf hinwegzuscheuchen; auch den Tod, der unser Leben fortnimmt von uns, erfahren wir im allgemeinen wie etwas Furchtbares, - das an uns geschieht, und wir ahnen kaum, wie gut er es mit uns meint.
Wir sagten vorhin, der Tod würde vom alltäglichen Menschen mißverstanden; das ist zu wenig gesagt: die Zeit wird miß­verstanden. Denn wie steht der durchschnittliche Mensch zur «Zeit»? Er sieht nur das Stoppelfeld der Vergänglichkeit - aber er sieht nicht die vollen Scheunen der Vergangenheit. Er will, daß die Zeit stillstehe, auf daß nicht alles vergänglich sei; aber er gleicht darin einem Manne, der da wollte, daß eine Mäh­- und Dreschmaschine stille steht und am Platz arbeitet, und nicht im Fahren; denn während die Maschine übers Feld rollt, sieht er - mit Schaudern - immer nur das sich vergrößernde Stoppelfeld, aber nicht die gleichzeitig sich mehrende Menge des Korns im Innern der Maschine. So ist der Mensch geneigt; an den vergangenen Dingen nur zu sehen, daß sie nicht mehr da sind; aber er sieht nicht, in welche Speicher sie gekommen. Er sagt dann: sie sind vergangen, weil sie vergänglich sind - aber er sollte sagen: vergangen sind sie; denn: «einmal» gezeitigt, sind sie «für immer» verewigt.
Fußnote: Was zu Ende ist, ist endgültig zu Ende; aber es ist eben auch end­gültig: in seinem Zu-Ende-sein bleibt es gültig, und insofern bleibt es auch - bestehen. Die Einstellungswerte aber sind die ein­zigen, deren Verwirklichung buchstäblich noch bis zum letzten Augenblick möglich ist; denn buchstäblich bis zum letzten Augen­blick ist es dem Menschen möglich, zum Schicksal sich ein-, sich um­zustellen - zu allem Schicksal, und so denn auch zum schicksalhaft gewordenen (weil fertig gewordenen) Lebensganzen. So und nur so ist es auch zu verstehen, daß Menschen zu der Auffassung gekom­men. sind, das ganze Leben lasse sich auch noch rückwirkend durch eine einzige große Reue in einem einzigen kleinen Moment, eben «im letzten Moment», sühnen, weihen, sinnvoll machen.

http://kumpfus.blogspot.co.at/2008/01/grbel.html


Freitag, 8. September 2017

Meine Katze hat Zeit

"Meine Katze hat Zeit. Die Zeit ist ihr angeboren und einverleibt wie ihr Fell, ihre Ohren, ihre Krallen, ihre zeitlos schönen Augen. Ihre Zeit ist immer nur Gegenwart, und innerhalb dieser Gegenwart der Augenblick. Nur auf diesen Augenblick konzentriert sie ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihre Gelüste. Sie denkt weder vor noch nach; sie lebt jetzt, nur jetzt. Jetzt liegt sie in ihrem Sessel und schläft; zumindest in diesem, in ihrem Augenblick."  
"Ich glaube, meine Katze kennt keine »Warums«. Was gestern gewesen ist, interessiert sie nicht mehr; was morgen kommt, ist ihr gleichgültig. Sie weiß nicht, was Zeit ist. Ich muß mir die Zeit nehmen, einteilen, stehlen; manchmal vertreibe ich mir die Zeit, manchmal vergeude ich sie, manchmal mache ich mir die Zeit bewußt. Die Zeit und ich, wir leben getrennt voneinander, und obwohl ich oft sage, ich hätte keine Zeit, weiß ich dennoch sehr genau, daß nicht ich Zeit habe, daß die Zeit vielmehr mich hat.
Werner Koch
Zur Illustration der real existierenden Herrschaftsverhältnisse:

Donnerstag, 24. August 2017

Leben ist Zeit

.-.

Relativ absolut

"So haben wir, wenn sich uns eine neue Lehre verstellt, große Ursache, mißtrauisch zu sein und zu bedenken, daß, bevor sie gemacht wurde, eine andere im Schwange war; und daß, so wie diese von jener umgeworfen ist, in Zukunft eine dritte entstehen könnte, die der zweiten gleicherweise den Stoß versetzt. Bevor die Grundsätze, die Aristoteles eingeführt hat, in Ansehen kamen, war die menschliche Vernunft mit anderen so zufrieden wie wir heute mit denen des Aristoteles."
..............
"Was ist das für eine Sittlichkeit‚ die ich heute in Geltung sehe und morgen nicht mehr, die zum Verbrechen wird, wenn man den Fluß überquert? Was ist das für eine Wahrheit, die an den Bergen aufhört und in der Welt dahinter als Lüge gilt?"
............
 "Schließlich, weder wir noch die Gegenstände haben eine beständige Wirklichkeit. Wir, unser Urteil, alle sterblichen Dinge fließen und rollen ohne Unterlaß fort. Also kann man nicht mit Sicherheit von einem auf das andere schließen und der Urteilende und das Beurteilte schaukeln und verändern sich andauernd. Wir haben keine Beziehung zum Sein, weil die ganze Natur des Menschen beständig in der Mitte zwischen Geburt und Tod steht, nichts als einen dunklen Schein und Schatten wirft und eine ungewisse schwache Meinung. Und wenn man etwa einmal seine Gedanken darauf richtet, ihr Wesen zu fassen, so ist es nicht mehr oder weniger, als wenn jemand das Wasser fassen wollte: je mehr er zusammendrückt und festhält, was seiner Natur nach durch alles hindurchfließt, um so mehr wird er verlieren, was er ergreifen und festhalten wollte. Weil demnach alle Dinge dem Übergang von einer Veränderung zur nächsten unterworfen sind, findet sich auch die Vernunft betrogen, wenn sie darin eine greifbare Substanz sucht; denn sie kann nichts Dauerndes und Bleibendes ergreifen, weil alles entweder entsteht und noch nicht ist oder schon zu sterben beginnt, bevor es noch geboren wurde.
( ... ) Die Blüte des Lebens stirbt und vergeht, wenn das Alter eintritt, und die Jugend endet in der Blüte des Mannesalters, die Kindheit in der Jugend und das Säuglingsalter in der Kindheit, und der gestrige Tag stirbt im heutigen, und der heutige wird im morgigen sterben; und es ist nichts, das bleibt, und nichts, was immer eines wäre. ( ... ) Ebenso geht es der Natur, die gemessen wird, und der Zeit, die sie mißt. Denn auch in ihr ist nichts, das bliebe oder Bestand hätte; sondern alle Dinge in ihr sind entweder geboren oder werden geboren oder sterben. Deshalb wäre es eine Sünde, von Gott, welcher allein ist, zu sagen: er war oder er wird sein. Denn diese Ausdrücke bezeichnen die Wandlungen, die Übergänge und die Vergänglichkeit dessen, was nicht dauern noch seine Wirklichkeit behalten kann. Daher muß man schließen, daß Gott allein ist, nicht nur nach irgendeinem Maß der Zeit, sondern in einer unveränderlichen und unbewegten Ewigkeit, die von keiner Zeit gemessen wird und keiner Wandlung unterworfen ist. Vor dem nichts ist, nach dem nichts sein wird, in welchem kein Ding neuer oder jünger als ein anderes ist; sondern er ist ein wirklich Seiendes, das durch ein einziges Jetzt das Immerdar ausfüllt; und es gibt nichts, was wirklich ist, als ihn allein, ohne daß man sagen könnte: Er war; oder: Er wird sein; ohne Anfang und ohne Ende." 

(die letzten Sätze sind eine Paraphrase von Plutarchs "De E apud delphos")
Montaigne, Essais.

Freitag, 18. August 2017

Speed

".... die Telegraphie tat etwas, was Morse nicht vorhergesehen hatte, als er prophezeite, sie werde »das ganze Land in eine einzige Nachbarschaft verwandeln«. Sie zerstörte die bis dahin geläufige Definition von Information und gab so dem öffentlichen Diskurs eine neue Bedeutung. Zu den wenigen, die diese Folgewirkung erkannten, gehörte Henry David Thoreau, und in seinem Buch Walden schrieb er: »Wir beeilen uns sehr, einen magnetischen Telegraphen zwischen Maine und Texas zu konstruieren, aber Maine und Texas haben möglicherweise gar nichts »Wichtiges miteinander zu besprechen. [. . .] Wir beeilen uns, den Atlantischen Ozean zu durchkabeln, um die Alte Welt der Neuen ein paar Wochen näher zu rücken; vielleicht lautet aber die erste Nachricht, die in das große amerikanische Schlappohr hineinrinnt: Prinzessin Adelheid hat den Keuchhusten.«.
Wie sich zeigte, hatte Thoreau ganz recht. Er begriff, daß der Telegraph seine eigene Definition von Diskurs hervorbringen würde, daß er einen Austausch zwischen Maine und Texas nicht nur möglich machen, sondern auf ihm bestehen würde....."
Neil Postman

"Sehe keinen Vorteil dabei, wenn eine Stunde früher in Potsdam".
Friedrich Wilhelm III bei der Eröffnung der Eisenbahn Berlin-Potsdam 1838.


"I hob zwoar ka Ohnung wo i hinfoahr,
Aber dafür bin i gschwinder duat".
Bronner/Qualtinger 

Sonntag, 6. August 2017

Mittwoch, 2. August 2017

Es

"Wie wir  schon sahen, ist nichts ernüchternder als eine erfüllte Hoffnung, und nichts trügerischer als eine versagte.
Er hatte also den Punkt erreicht, daß er sich seines Suchens voll bewußt war, und damit auch seiner ewigen Frage an alle Inhalte und Aspekte der Welt: Ist es das? Und nun ergab sich eines Tages ein ganz kleiner Wandel; eben einer von jenen, die so klein sind, daß sie Großes herbeiführen. So unwahrscheinlich es klingen mag, es war die winzige Verschiebung der Betonung von das auf es, wodurch die Frage plötzlich »Ist es das?« lautete. Und sofort kam ihm die Antwort: Kein »Das«, kein Ding da draußen in der Welt, kann je mehr als ein Name des Es sein - und Namen sind Schall und Rauch. In diesem Augenblick fiel die Trennung zwischen ihm und es weg; zwischen Subjekt und Objekt, wie die Philosophen sagen würden. Kein Das konnte je dieses Es sein. Was die Welt nicht enthält, kann sie auch nicht vorenthalten, sagte er zu seinem eigenen Erstaunen immer wieder vor sich hin; und dazu noch die für ihn merkwürdig bedeutungsvollen Worte: Ich bin icher als ich. Auf einmal war es ihm klar, daß die Suche der einzige Grund des bisherigen Nichtfindens gewesen war; daß man da draußen in der Welt nicht finden und daher nie haben kann, was man immer schon ist. 
Und damit erfüllte sich für ihn jenes Wort der Apokalypse, wonach die Zeit nicht mehr sein wird - und er stürzte in die zeitlose Fülle des gegenwärtigen Augenblicks. 
Aber nur für den Bruchteil einer Sekunde stand er in dieser Zeitlosigkeit, denn um sie zu bewahren, verfiel er sofort auf die Patendlösung, dem Erlebnis einen Namen zu geben und nach seiner Wiederholung zu suchen ..."

P. Watzlawick, Vom Schlechten des Guten. 

Mittwoch, 24. Mai 2017

Zeit leben

Lange Zeit leben und kurze Zeit leben: durch den Tod wird das ganz einerlei. Denn Dinge, die nicht mehr sind, sind weder kurz noch lang.
Montaigne
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Im Tod schüttelt man das Joch der Zeit ab, man fällt aus ihr heraus - dorthin, wo man schon vor der Geburt war. Zeit ist also gleichbedeutend mit Leben und - wenn man Einstein folgt - auch eine Illusion.  Aber wessen?

Sonntag, 20. November 2016

Das Vergangene

"Das Vergangene ist nicht tot,
es ist nicht einmal vergangen."


William Faulkner

Samstag, 29. Oktober 2016

Widerstreit der Ideen von Raum und Zeit

Tang vom Hause Yin fragte Gi von Hia: „Gab es am Urbeginn eine Welt?“ Gi von Hia sprach: „Wenn es am Urbeginn keine Welt gegeben hätte, wie könnte es dann heute eine Welt geben? Da könnten die Menschen in Zukunft auch behaupten, daß es heute keine Welt gebe.“ Tang von Yin fragte: „Dann gibt es also in der Welt kein Vorher und kein Nachher.“ Gi von Hia sprach: „Ende und Anfang sind nicht fest begrenzt. Jeder Anfang kann als Ende gesehen werden, jedes Ende kann als Anfang genommen werden: Wie soll ich ihren Verlauf erkennen können? Was jenseits der Welt liegt, was vor den Erscheinungen ist, ist etwas, was ich nicht erkennen kann.“ Tang von Yin fragte: „Gibt es dann im Raum eine äußere Grenze und letzte einfache Teile?“ Gi von Hia sprach: „Das weiß ich nicht.“
Tang fragte dringender. Gi antwortete: „Wenn es einen leeren Raum gibt, dann hat er keine Grenzen, wenn es nur erfüllten Raum gibt, dann hat er letzte einfache Teile. Wie kann ich dies erkennen? Man kann jenseits der Grenzen des Leeren sich noch einmal ein grenzenlos-grenzenloses Leere denken, innerhalb der unendlich kleinen Teile noch einmal unendlich-unendlich kleine Teile. Da jenseits des Grenzenlosen wieder ein grenzenloses Grenzenloses und innerhalb des unendlich kleinen wieder ein unendlich-unendliches Kleines ist, so kann ich mir vorstellen, daß es keine Grenzen und keine letzten einfachen Teile gibt, mir nicht aber vorstellen, daß es Grenzen und einfache Teile gibt.“ Tang fragte abermals und sprach: „Und wie ist es jenseits der vier Meere?“ Gi sprach: „So wie hier bei uns.“ Tang fragte: „Wie willst du das beweisen?“ Gi sprach: „Wenn ich nach Osten gehe, komme ich nach Ying. Dort sind die Leute wie hier. Wenn ich frage, wie es östlich von Ying ist, ist es dort wie in Ying. Gehe ich nach Westen, komme ich nach Bin. Dort sind die Leute wie hier. Wenn ich frage, wie es westlich von Bin ist, ist es dort wie in Bin. Daher weiß ich, daß es jenseits der vier Meere, jenseits der vier Wüsten, jenseits der vier Pole nicht anders ist als hier. Weil immer ein Größeres das Kleinere in sich schließt, gibt es kein Ende und keine Grenzen. Es gibt etwas, was die Natur in sich faßt, wie es auch etwas gibt, was die Welt in sich faßt. Weil es etwas gibt, was die Natur in sich faßt, gibt es kein Ende. Weil es etwas gibt, was die Welt in sich faßt, gibt es keine Grenze. Wie kann ich wissen, ob es um unsere Welt herum nicht noch eine größere Welt gibt? Anderseits übersteigt das auch das Wissen. Daraus folgt, daß die Welt auch zur Natur gehört Die Natur aber ist unvollkommen.“ 


Nach rund eineinhalb Jahrtausenden nähert sich die Wissenschaft wieder diesen 

Samstag, 6. August 2016

Außer der Zeit

"Ich aber, der ich keinen gnädigen Herrn kenne, habe in letzterem das einzige faktische Hervortreten der Freiheit des Willens, die ihm als dem Ding an sich zusteht, erkannt, und Malebranche hat gesagt: "la liberté est un mystere". In diesem Mysterio der theologischen Gnade oder philosophischen Freiheit liegt die Lösung des Weltknotens. Hier ist der Weg und der Steg, die Türe, die aus der Welt führt: ich aber kann sie nur zeigen, nicht Ihnen öffnen, noch auch sagen, was dahinter ist oder vorgeht und wie etwan, was in der Zeit sich als Veränderung darstellt, außer der Zeit und an sich beschaffen sei.“
A. Schopenhauer

Montag, 11. Januar 2016

Unmöglich

"Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden." - 
Hermann Hesse.

".... das Unmögliche behandeln, als wenn es möglich wäre."
Goethe.

"....s'is alles Schimäre, aber mi unterhalt's"
Nestroy

"Weil ein jeder Ziele hat..."
Blaguss

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Da ist es nun nicht mehr weit zu Hitchcocks McGuffin bzw. der berühmten Karotte oder Knackwurst:



Samstag, 8. August 2015

Rüdiger von der Zeit

"Was die Macht der Zeit betrifft, so wird sie  hinreißend beschrieben in der berühmten Szene im „Rosenkavalier“,  als die Marschallin ahnt,  daß sie ihren um einige Jahre jüngeren Liebhaber Octavian bald an eine Jüngere verlieren wird. Die Jungen triumphieren, sie bekommen, was sie wollen, bloß weil sie jünger sind, daran, an diese Macht der Zeit, muß die Marschallin denken, mit einiger Bitterkeit, wie sich versteht. Doch dann fällt ihr ein, daß sie ja auch einmal jünger war, und ihr auch einmal alle Triumphe, in der Liebe und auch sonst, in den Schoß gefallen waren.

Was erzürn ich mich denn? Ist doch der Lauf der Welt.
Kann mich auch an ein Mädel erinnern.
Wo ist die jetzt? Ja, such dir den Schnee vom vergangenen Jahr.
Das sag ich so: 
Aber wie kann das wirklich sein,
daß ich die kleine Resi war 
und daß ich auch einmal die alte Frau sein werd!...
Die alte Frau, die alte Marschallin!
Siehgst es, da geht’s, die alte Fürstin Resi!‘
Wie kann denn das geschehen?
Wie macht denn das der liebe Gott?
Wo ich doch immer die gleiche bin.
Und wenn ers schon so machen muß, 
warum laßt er mich denn zuschauen dabei, 
mit gar so klarem Sinn? Warum versteckt ers nicht vor mir…

Die Macht der Zeit ist nicht nur die Vergänglichkeit und das Altern, nein, man muß sich dabei, wie die Marschallin sagt, auch noch zuschauen. Man wird sich dessen bewußt. Und das hat Konsequenzen. Dramatisch sind sie, weil dazu ja auch das Bewußtsein der Sterblichkeit, der eigenen Befristung gehört. Zum Glück allerdings weiß man nur, daß man sterben wird, nicht aber wann. Das bedeutet eine große Erleichterung, die man sich durch allzu ehrgeizige medizinische Prognosen  nicht verscherzen sollte. Unsere Erfahrung der Zeit konfrontiert uns also mit dem Altern und der Sterblichkeit. Aber es kommt noch etwas hinzu: Wir erleben ja nicht nur die linearen Zeit des Nacheinander, des Früher und Später, sondern wir erleben eine dreidimensionale Zeit aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und das bedeutet:. Wir erfahren das Nicht-Mehr und das Noch-Nicht, was gewiß eine Bereicherung ist, aber doch auch eine schwierige Berührung mit dem Nichtwirklichen, entweder weil es vergangen ist oder weil es künftig ist.   Vollkommen wirklich ist eigentlich nur die Gegenwart. Aber auch diese ist im nächsten Moment schon wieder verschwunden. Auch darüber, über dieses Mysterium der Zeit, klagt die Marschallin:

wie man nichts packen kann,
wie alles zerlauft zwischen den Fingern,
alles sich auflöst, wonach wir greifen,
alles zergeht, wie Dunst und Traum

Sobald wir, wie die Marschallin, auf die Zeit achten, merken wir, wie diese gegenwärtig erlebte Wirklichkeit sich unablässig in die Vergangenheit auflöst und verschwindet. Es verschwindet natürlich nicht alles. Das Äußere bleibt noch eine Weile lang, doch die entsprechenden inneren Zustände fließen ab, bis dieses Äußere wie eine stehengebliebene Fassade oder Ruine wirkt.
Ein Beispiel: Ich nehme einen Brief zur Hand. Er ist zerrissen. Ich weiß noch, bei welcher Gelegenheit es geschah, ich kann auch versuchen, mir den inneren Zustand von damals - Erregung, Enttäuschung, Wut -  in Erinnerung zu rufen, doch selbst wenn ich ihn jetzt noch zu spüren glaube, kann ich nicht wissen, ob es auch wirklich der Zustand von damals ist. Es fehlt das ‚Original‘, an dem ich die gegenwärtige Erinnerung messen könnte. Das Ungeheuerliche, was man häufig vergißt: Alle subjektiven Zustände sind verschwunden und können, trotz aller Aufzeichnungssysteme  niemals als dieselben wiedererlebt werden.
Weil das so ist, hat Marcel Proust auch so großes Aufhebens gemacht von jenem Augenblick, da er die reine Wiederkehr des Vergangenen zu erleben meinte. Das große deja vu. Mit der Geschmackserinnerung der in den Tee getauchten Madelaine ist ihm plötzlich  ein längst vergangener Zustand der Kindheit wieder gegenwärtig, nicht als erinnerter sondern eben als ‚originaler‘. Das Ich damals und das Ich jetzt verschmelzen für einen lichterlohen Moment. Für Proust ein platonischer Erlösungsaugenblick von Überzeitlichkeit. Ein solcher Momente der Wiederkehr bestätigt als geradezu mystische Ausnahme die Regel, welche besagt, daß in der Zeit nichts wiederkehrt, weil,  selbst wenn es wiederkehrte, wir es als solches nicht identifizieren könnte, da die Vergleichsgröße, eben das vergangene Original, nicht zur Verfügung steht. Wir können ein Musikstück auf einer CD immer wieder hören. Es bleibt dasselbe Musikstück. Aber wie einem zumute war, als man es das erste Mal hörte, können wir nur vermuten.  Wissen können wir es nicht. Die Vergangenheit unserer Seelenzustände ist unwiderruflich verloren. Um so rätselhafter ist dann das Gefühl, daß man doch irgendwie derselbe bleibt oder, mit den Worten der Marschallin gesagt:

Aber wie kann das wirklich sein,
daß ich die kleine Resi war
und daß ich auch einmal die alte  Frau sein wird!…
Wie kann denn das geschehn,…

Die Zeit verändert einen und läßt es doch zu, daß man zu sich selbst auch weiterhin „Ich“ sagen kann. Man gewöhnt sich daran, in den besten Momenten allerdings kann man darüber erstaunen, daß obwohl alles vergeht und durch einen hindurchgeht, man sich selbst irgendwie gleichbleibt. Wahrscheinlich allerdings nur, weil einen die anderen, nicht zu vergessen das Finanzamt, als den gleichen ansehen.
Weil unaufhörlich die Dinge und Menschen in die Vergangenheit entschwinden, gibt es so unendlich vieles, für das man selbst jeweils der einzige und vor allem der letzte Zeuge ist und wenn die Zeugen verschwinden, stürzt das einst Wirkliche vollkommen ins Unwirkliche. Es ist dann so, als wäre es nie gewesen. Was von keinem mehr erinnert wird, ist aus der Welt verschwunden.
Gegen diese Furie des Verschwindens hat  Jorge Luis Borges halb ernst halb ironisch eine Art ornithologischen Gottesbeweis ersonnen, der ungefähr so geht:  Ich habe geträumt und wache auf. Mir träumte, ich sah einen Zug Vögel. Ich habe sie nicht gezählt. Kein anderer kennt meinen Traum. Es war aber eine bestimmte Menge. Also muß es Gott geben, nur er weiß, wieviel Vögel es waren, die durch meinen Traum flogen. Der zugrundeliegende Gedanke ist der: Damit etwas im Sein bleibt, muß es in einem Bewußtsein sein. Sonst ist es als wäre es nie gewesen. Wenn man sich aber ein Bewußtsein vorstellt, das alles Sein enthält, dem kein Ereignis ins Nicht-Sein entgleitet, dann ist der Name für dieses alles Sein umfassende und deshalb alles im Sein haltende Bewußtsein – Gott. So jedenfalls hat man ihn sich in den Religionen vorgestellt, als Herr der Zeit, oder man könnte auch sagen als ein riesiges Speichersystem, wo alles was geschehen ist und, noch verrückter, was künftig geschehen wird, in sich versammelt enthält. Das erst wäre im eigentlichen Sinne die Macht über die Zeit, die imstande wäre, die Macht der Zeit, durch die alles vergeht, zu brechen. Überflüssig zu sagen, daß solche Macht über die Zeit göttlich ist, uns jedenfalls ist sie unzugänglich.
Doch in einem anderen Sinne üben wir durchaus Macht aus über die Zeit, doch nur so, daß wir die Macht haben,  etwas mit ihr zu machen: daß wir sie vergesellschaften und bewirtschaften.   Die große Klage der Marschallin über die Macht der Zeit klingt aus mit den Versen:

Manchmal hör ich sie fließen unaufhaltsam.
Manchmal steh ich auf, mitten in der Nacht,
und laß die Uhren alle stehen

Die Marschallin hält also die Uhren an, um die Zeit anzuhalten. Aber natürlich weiß sie, daß sie zwar die Uhren anhalten kann, nicht aber die Zeit. Denn die Zeit ist keine Uhr.
Was ist denn überhaupt eine Uhr? Sie ist ein Instrument mit regelmäßigen, periodischen Geschehensabläufen mit deren Hilfe die Dauer eher unregelmäßigen Geschehensabläufe, und das ist der Rest des Lebens, gemessen werden. Früher nahm man als Maßeinheit Naturabläufe – die Bewegung der Gestirne oder der Sonne. Als Uhr konnte aber auch zum Beispiel dienen eine bestimmte Sandmenge, die durch einen engen Hals rinnt: die Sanduhr. Noch später begann man mechanische Uhren zu konstruieren. Aber die gesellschaftliche Gewohnheit der Zeitmessung hat dazu geführt, daß im allgemeinen Bewußtsein die ‚Zeit’ selbst häufig verwechselt wird mit den Instrumenten, mit deren Hilfe man sie mißt. Als ob die Zeit etwas ist, das taktmäßig wie etwa der Sekundenzeiger voranschreitet. Schon dieser Ausdruck ‚voranschreitet’ ist mißverständlich. Die Zeit ‚schreitet’ nicht, eher ‚fließt’ sie. Aber auch das ist nur eine ziemlich hilflose Metapher. Auch die Marschallin probiert einige Metaphern aus, sie zerläuft, sie zergeht, sie rieselt , sagt sie.
Wenn die Zeit als reines Objekt auch so schwer zu fassen ist, die Uhren sind sehr wohl zu fassen. Sie üben, wenn sie einmal existieren, eine große Macht im Zusammenleben der Menschen aus. Die Uhr ist nicht nur ein physisches sondern vor allem ein gesellschaftliches Objekt. Sie ist, so könnte man sagen, ein Instrument zur Vergesellschaftung der Zeit, sie koordiniert die zeitlichen Bezugspunkte des gesellschaftlichen Getriebes, zunächst im lokalen Rahmen und später global und kosmisch. In der Neuzeit ist die Uhr derart dominierend geworden, daß man zu dem Schluß kommen kann, die Uhr ist trotz oder sogar wegen der Digitalisierung immer noch die maßgebende Maschine des modernen Industriezeitalters. Englische Industriearbeiter zerschlugen im 19. Jahrhundert bei einigen Revolten nicht etwa nur die Maschinen, an denen sie arbeiteten, sondern auch die Uhren über den Fabrikanlagen. Ihr Zorn richtete sich gegen die verhaßten und allgegenwärtigen Symbole der Zeitmessung.
Die Uhren koordinieren das gesellschaftliche Geschehen, aber die Uhren müssen auch untereinander koordiniert werden, zwischen raumentfernten Punkten. Vor allem die Eisenbahn und ihre Fahrpläne im 19.Jahrhundert machen es nötig. Vorher hatte jeder Ort seine eigene Zeit, jetzt ist es erforderlich und auch technisch möglich, auf Gleichzeitigkeit umzustellen. Es ist kein Zufall, daß der junge Albert Einstein, der die Relativität der Zeit entdeckte, in Bern daran arbeitete, die eidgenössischen Bahnhofsuhren auf Gleichzeitigkeit zu bringen. Zu welchen Rätselhaftigkeiten das führt, ist bekannt.
Erst mit den gewachsenen Koordinierungsleistungen der Uhren konnte sich - menschheitsgeschichtlich übrigens zum ersten Mal – das erstaunliche Phänomen der Pünktlichkeit herausbilden. Die Uhren zeigen nicht nur an, was ist – sondern wirken als Verhaltenssteuerung. Dazu paßt, daß die größten und auch schönsten Uhren schon bald an den Kirchtürmen prangten und von dort ihre mahnende Botschaft erschallen ließen. Später finden wir sie an den Bahnhöfen und in den Werkhallen bis sie schließlich an unseren Handgelenk als Armbanduhren auftauchen. Von diesem Augenblick an wissen alle, was die Stunde geschlagen hat.
Ein dichtes gesellschaftlich geknüpftes Netzwerk der Zeit legt sich seitdem über das Leben. Das war früher anders. Zeitregelungen gab es zwar auch, aber sie waren längst nicht so engmaschig wie heute. Der gesellschaftlich erzeugte Zeitdruck erhöht sich. Was aber ist es genau, das da drückt, wenn der Zeitdruck zunimmt?
Den Zeitdruck gibt es unter dem Eindruck, daß die Zeit knapp ist.
Die Zeit ist knapp. Wie kann Zeit überhaupt ‚knapp’ werden? Entscheidend ist es nun, sich klar zu machen, daß Zeit selbst nicht knapp werden kann, sie wird knapp nur im Verhältnis zu bestimmten Vorhaben. Jede Tätigkeit, jedes Ereignis beansprucht eine bestimmte Dauer. Steht diese nicht hinreichend zur Verfügung, kann die Zeit knapp werden. Die Knappheit der Zeit ist also keine Eigenschaft der Zeit, sondern ein Problem, das bei ihrer Nutzung für bestimmte Tätigkeiten und in bestimmten gesellschaftlichen Organisationsformen auftritt.
Wir leben heutzutage unter einem strikten Zeitregime. Genau geregelte Arbeitszeit, Freizeit, Schul- und Ausbildungszeit. So sehr ist man eingespannt in die gesellschaftlichen Zeitpläne, daß Horvath einmal die geistvolle Bemerkung machen konnte:

Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme nicht dazu…

Das Gefühl der Zeitverknappung wächst mit der Dynamik der Beschleunigung, die vor allem ökonomische Ursachen hat. Die Beschleunigungsdynamik kam in Gang, nicht nur weil man sich im Raum immer schneller bewegen konnte, sondern weil es ökonomisch bei den eingesetzten Kapitalien auf schnelle Verwertung durch Erfolge am Markt ankam. Unsere Ökonomie ist letztlich Zeitökonomie. Produktiver sein, heißt schneller sein. So entsteht der Zwang zur Beschleunigung bei den Produktionsmethoden und beim Wechsel der Produkte. Auch die ‚Lebenszeit’ der Produkte muß verkürzt werden. Zur Beschleunigungsökonomie gehört deshalb die Wegwerfökonomie. Der Abfall bleibt nicht nur hinter uns, wir schieben ihn auch wie eine riesige Bugwelle vor uns her. Das gilt für den Müll jeder Art, auch für Schulden und den vom extrem beschleunigten spekulativen Finanzhandel erzeugten Finanzmüll,  der in bad banks ausgelagert wird. Man kann sicher sein, daß uns die dort gelagerten kontaminierten sogenannten Finanzprodukte ebenso wie etwa der Atommüll noch große Schwierigkeiten bereiten werden. Besonders weil inzwischen die EZB mit dem Kauf der faulen Staatsanleihen selbst zu einer finanziellen Mülldeponie geworden ist, allerdings ausgestattet mit der Lizenz zum Gelddrucken.
Doch bei aller Beschleunigung dürfen wir nicht vergessen: Ebenso wie die Zeit selbst nicht knapp werden kann, so kann sich auch die Zeit nicht beschleunigen, sondern nur die Ereignisse, mit denen wir sie vollstopfen. Zeitknappheit und Beschleunigung sind nicht Eigenschaften der Zeit selbst sondern eine Folge des gesellschaftlichen Umgangs mit ihr. Dabei geht es heute nicht nur um Beschleunigung von Ereignissen, sondern auch um das Gegenteil, nämlich um Verzögerung und Aufschub. Wenn man befürchten muß, daß bestimmte Entwicklungen über kurz oder lang auf einen Kollaps zutreiben, finanziert man einen Aufschub, um die Stunde der Wahrheit hinauszögern, mit Krediten, von denen die Geber wie die Nehmer wissen, daß sie nie zurückgezahlt werden.  Das ist bekanntlich das Betriebsgeheimnis der Griechenlandrettung. Gekaufte Zeit hat Wolfgang Streek, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, diesen Vorgang genannt. Klar ist, daß unter diesen Bedingungen der gekauften Zeit sich der Zeitdruck und in Folge davon die Beschleunigung dann doch steigert. Und wieder ist es, wie gesagt, nicht die Zeit selbst, die drückt, sondern die selbst geschaffenen Fristen und Termine.

Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Civilisation in eine neue Barbarei aus schreibt Nietzsche und fährt fort: Es gehört desshalb zu den nothwendigen Correkturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, das beschauliche Element in grossem Masse zu verstärken.

Die Verstärkung des beschaulichen Elements – das sagt sich so leicht. Natürlich muß man auch bei sich selbst anfangen. Aber die Erfolge werden beschränkt sein, wie der Berliner Volksmund weiß:  ‚Mensch, geh in dir!‘, - ‚War ik schon, is och nischt los.‘
Im Ernst, eigentlich ist nicht mehr und nicht weniger erforderlich als eine neue Zeitpolitik, eine Revolution des gesellschaftlichen Zeitregimes. Man müßte andere Arten der Vergesellschaftung und Bewirtschaftung der Zeit entwickeln und durchzusetzen. Und dabei wird die ‚Zeit’ notwendig zu einem politischen Thema und gerät in den Bereich der politischen Entscheidungen. Die politische Klasse hat das noch kaum begriffen. Es hat auch lange genug gedauert, bis man die ‚Natur’ als Thema der Politik entdeckte. Und so wird es wohl noch ein wenig dauern bis man bemerkt: Es ist eine politische Machtfrage, die verschiedenen Geschwindigkeiten, die der Ökonomie und die der demokratischen Entscheidungsprozeduren auf­einander abzustimmen, was darauf hinauslaufen würde, die Ökonomie unter das Zeitmaß demokratischer Entscheidungen zu bringen. Ebenso ist es eine politische Machtfrage, ob es der Finanzwirtschaft weiterhin erlaubt bleiben soll, mit der Zukunft so gemeingefährlich zu spekulieren, wie sie das bisher getan hat und noch tut. Es ist eine politische Machtfrage zu entscheiden, welchen Preis an Umweltschäden und Lebensbelastungen wir zu zahlen bereit sind - nur um eine schnellere Fortbewegungsart zu ermöglichen. Es ist eine politische Machtfrage, Lebenszyklen und Arbeitsprozesse zu synchronisieren. Und es ist eine politische Machtfrage, wieviel Zeit wir den Kindern geben und lassen wollen und den Alten und dem Altern. Bei alledem sind wir nicht Herrn der Zeit. Aber an der Art und Weise der Vergesellschaftung der Zeit können wir sehr wohl etwas ändern.
In diesem Sinne hat die Marschallin im „Rosenkavalier“ schon wieder recht, wenn sie des Nachts aufsteht und die Uhren anhält."

Rüdiger Safranskis Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2015