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Sonntag, 5. November 2023

Verrückter Zufall

Verrückter Zufall

(Anton Zeilinger)

 Ich möchte zuerst Einstein verteidigen. Er  hat eine korrekte mathematische Vorhersage gemacht, nur wollte er sie selbst nicht glauben. Er hat gemeint, die Welt kann nicht so verrückt sein. Aber die Welt ist so verrückt! Was bedeutet das? Einerseits, daß es einen reinen Zufall gibt. Der Zufall kann vielleicht manchmal so stark sein, daß nicht einmal Gott weiß, was herauskommen wird. Dann werde ich immer gefragt: Gott ist doch allwissend. Meine Antwort darauf: Ja. Vielleicht hat er die Welt so geschaffen, daß es den Zufall gibt. Was gibt dir das Recht, die Allmacht Gottes einzuschränken? Der zweite Punkt, der mir ganz wichtig ist: In gewissen Fällen können wir nicht davon sprechen, daß das, was wir beobachten, bereits vor der Beobachtung existiert hat. Das ist etwas, was unserem Weltbild total widerspricht.

……….

Ich kenne einige Kollegen, auch Nobelpreisträger, die gläubig sind. Es gibt auch andere, nichtchristliche Glaubensrichtungen unter den Physikern, da gibt es keinen Widerspruch. Den Widerspruch zwischen Religion und Naturwissenschaften gibt es nur, wenn die Religion etwas sagt, wo sie eigentlich nicht zuständig ist, oder wenn die Naturwissenschaft etwas sagt, wo sie eigentlich nicht zuständig ist.

Es gibt Dinge, die sich außerhalb der wissenschaftlichen Beweisbarkeit befinden. Zum Beispiel, was am Beginn des Universums war. Wer hat die Naturgesetze festgelegt? Das, hat Einstein gemeint, wäre eine Rolle Gottes. Ja, es gibt Kollegen, Physiker, die der Meinung sind, daß der einzelne zufällige Prozeß ein elementarer Schöpfungsakt ist. Auch diese Position kann man haben. Ich sage, das muß nicht so sein. Aber man hat die Freiheit, das mit oder ohne eine Rolle Gottes zu sehen. Das ist dann letztlich eine persönliche Sache. 

🌟🌟🌟🌟🌟

Gott würfelt nicht,sagte Einstein. Vielleicht doch, meine ich. Schließlich hat ER ja auch die Gesetze der Wahrscheinlichkeit gemacht.

Mittwoch, 11. Oktober 2023

Wahrheit in Bildern

 Wie leicht müßte es einem solchen Geist (Jesus) gewesen sein, ein System für die reine Vernunft zu erdenken, das alle Philosophen völlig befriedigt hätte. Aber wo sind die Menschen dazu: Es wären vielleicht Jahrhunderte verstrichen, wo man es gar nicht verstanden hätte, und so etwas soll dienen das menschliche Geschlecht zu leiten und zu lenken und in der Todesstunde aufzurichten? Ja was würden nicht die Jesuiten aller Zeiten und aller Völker daraus gemacht haben? Was die Menschen leiten soll muß wahr, aber allen verständlich sein. Wenn es ihm auch in Bildern beigebracht wird, die er sich bei jeder Stufe der Erkenntnis anders erklärt.


Lichtenberg

Montag, 19. September 2022

Verdampft

 Marai Sandor:

Aus der institutionalisierten Religion verdampft genau das, was die Religion ist. 

Wie aus der Literatur und der Kunst der Inhalt verdampft, sobald sie institutionell sind.

Freitag, 11. September 2020

Andacht

 »Man sage nicht, daß eine Stimme uns heimlich und deutlich anvertraue, was recht sei. Dieselbe Stimme, die dem Christen zuruft, seinem Feinde zu vergeben, ruft dem Seeländer zu, ihn zu braten, und mit Andacht ißt er ihn auf.«

H. v. Kleist



Montag, 4. Mai 2020

Römisches

Mag Luther der Führer und oberste Repräsentant der Christen sein, denen der Durst nach Freiheit etwas Natürliches und Selbstverständliches ist, also der Individualisten, der über Durchschnitt Differenzierten an Geist, Charakter und Gewissen - es bleibt dann doch eben jener übergroße Teil der Menschheit übrig, der lieber gehorcht als selber entscheidet, der schwachen Geistes, aber doch guten Willens ist und die Denk- und Gewissenskämpfe jener andern gar nicht kennt. Diesen Teil der Menschheit in Ordnung zu halten, am Versumpfen oder Entarten zu hindern, ihm für Leben und Sterben einen Trost zu spenden, und überdies manches schöne Fest, dazu sind Kirchen wie die von Rom gut. Sie haben Millionen geholfen, das Leben zu bestehen und schöner zu machen, und haben uns andere überdies mit den herrlichsten Architekturen, Mosaiken, Fresken und Skulpturen beschenkt, lauter Dinge, die von Protestanten zwar entweder kaputtgeschlagen oder hochgeschätzt, niemals aber geschaffen werden können.

H. Hesse


Samstag, 15. Dezember 2018

Alles Symbole

   Und so wird denn im allgemeinen auch das Göttliche symbolisiert mit Hilfe von etwas, das es nicht ist: Die göttlichen Attribute sind und bleiben bloß menschliche Eigenschaften - wo nicht gar allzu menschliche Eigenschaften. Gott bleibt es nicht erspart, auf eine mehr oder weniger anthropomorphe Art und Weise symbolisiert zu werden. Sollten wir daraufhin das Recht haben, alles Religiöse aufgrund all der anthropomorphen Zutaten in Bausch und Bogen zu verwerfen? Ist es nicht vielmehr so, daß die (sowieso asymptotische) Annäherung an das Geheimnis und Rätsel der letzten Wahrheit eher auf dem symbolischen Wege als auf einem bloß abstrakten etwas hergibt? Konrad Lorenz - jawohl, Konrad Lorenz! - war es, der im Rahmen eines Fernsehinterviews wörtlich sagte: » Wenn Sie global den Wahrheitsgehalt einer Weltanschauung betrachten, den Wahrheitsgehalt der Hinterhuberbäuerin in Grünau und den Wahrheitsgehalt der Weltanschauung von B. F. Skinner, so kommen Sie drauf, daß die Bäuerin, die an die unbefleckte Empfängnis Mariens und an den lieben Gott und alle Heiligen glaubt, der Wahrheit näher ist als der Behaviorist.«!
…..
So ergibt sich denn, daß sich die Religion sehr wohl als ein System von Symbolen definieren ließe - von Symbolen für etwas, das sich nicht mehr in Begriffen einfangen und dann in Worten ausdrücken läßt; aber ist nicht das Bedürfnis, Symbole zu prägen beziehungsweise zu gebrauchen, ein fundamentales Merkmal und Kennzeichen der condition humaine? Oder ist nicht die Fähigkeit zu sprechen beziehungsweise die Fähigkeit, das Gesprochene zu verstehen, ein konstitutives Charakteristikum des Menschseins? Es mag also durchaus legitim sein, die einzelnen Sprachen, wie sie die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte entwickelt hat, als je ein »System von Symbolen« zu definieren.
…..
Unsere Auffassung von Religion - Religion im weitesten Sinne des Wortes - hat nur noch herzlich wenig zu tun mit konfessioneller Engstirnigkeit und deren Folge, religiöser Kurzsichtigkeit, die in Gott anscheinend ein Wesen sieht, das im Grunde nur auf eines aus ist, und das ist: daß eine möglichst große Zahl von Leuten an ihn glaubt, und überdies noch genau so, wie eine ganz bestimmte Konfession es vorschreibt. »Glaubt nur«, sagt man uns, »und alles wird okay sein.« Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß es sinnvoll ist, wenn eine Kirche von mir verlangt, daß ich glaube. Ich kann doch nicht glauben wollen - ebensowenig wie ich lieben wollen, also zur Liebe mich zwingen kann, und ebensowenig, wie ich mich zur Hoffnung zwingen kann, nämlich gegen besseres Wissen. Es gibt nun einmal Dinge, die sich nicht wollen lassen - und die sich daher auch nicht auf Verlangen, auf Befehl herstellen lassen. Um ein einfaches Beispiel beizubringen: Ich kann nicht auf Befehl lachen. Wenn jemand will, daß ich lache, dann muß er sich schon dazu bequemen, mir einen Witz zu erzählen. Analog verhält es sich aber auch mit der Liebe und dem Glauben; sie lassen sich nicht manipulieren. Als intentionale Phänomene, die sie sind, stellen sie sich vielmehr erst dann ein, wenn ein adäquater Inhalt und Gegenstand aufleuchtet. Wollen Sie jemanden dazu bringen, daß er an Gott glaubt, dann müssen Sie ihm Gott glaubhaft (» believable«) machen - und vor allem müssen auch Sie selbst glaubwürdig (»credible«) wirken.
…..
Sprach ich nicht von einer Religiosität, aus der heraus jeder zu seiner persönlichen Sprache findet, wenn er sich an Gott wendet? Tatsächlich gipfelt die Ich-Du-Beziehung, in der Martin Buber bekanntlich das Wesen der geistigen Existenz sieht, im Gebet, im besonderen in dessen dialogischer Struktur. Nur daß wir berücksichtigen müssen, daß es nicht nur ein inter-personales, sondern auch ein intra-personales Sprechen gibt, nämlich die Zwiesprache mit sich selbst, das Selbstgespräch. … Gott ist der Partner unserer intimsten Selbstgespräche. Das heißt praktisch: Wann immer wir ganz allein sind mit uns selbst, wann immer wir in letzter Einsamkeit und in letzter Ehrlichkeit Zwiesprache halten mit uns selbst, ist es legitim, den Partner solcher Selbstgespräche Gott zu nennen - ungeachtet dessen, ob wir uns nun für atheistisch oder gläubig halten. Diese Differenzierung wird eben im Rahmen einer operationalen Definition irrelevant. Unsere Definition verbleibt im Vorfeld der Aufgabelung in die theistische beziehungsweise in die atheistische Weltanschauung. Eine Differenz macht sich erst bemerkbar, sobald das eine Lager darauf besteht, daß es sich eben um Selbstgespräche und nichts als Selbstgespräche handelt, während das andere Lager zu wissen glaubt, daß der Mensch  - mag er sich nun dessen bewußt sein oder nicht - eben »Zwie«-Sprache hält mit jemandem, und zwar jemand anderem als seinem Selbst. Aber ist es denn wirklich so wichtig, ob die »letzte Einsamkeit« eine bloße Schein-Einsamkeit ist oder nicht? Ist nicht vielmehr das einzig Wichtige, daß sie eben die »letzte Ehrlichkeit« zustande bringt? Denn sollte es Gott geben, so bin ich sowieso davon überzeugt, daß er es nicht weiter übelnehmen wird, wenn ihn jemand mit dem eigenen »Selbst« verwechselt und ihn daraufhin einfach umbenennt.
…..
Solches Denken ist jedoch allemal auf Symbole angewiesen, und die einzelnen Religionen beziehungsweise Konfessionen sind je ein System von Symbolen. Insofern gleichen sie den einzelnen Sprachen.

V. E. Frankl

♬♬♬♬ Eine Antwort auf eine lange offene Frage! ♫♫♫♫

Samstag, 9. Dezember 2017

Personenbeschreibung

"Charakter einer mir bekannten Person.
....von der Religion hat er als Knabe schon sehr frei gedacht, nie aber eine Ehre darin gesucht ein Freigeist zu sein, aber auch keine darin, alles ohne Ausnahme zu glauben. Er kann mit Inbrunst beten und hat nie den 9o. Psalm ohne ein erhabenes, unbeschreibliches Gefühl lesen können(*) ..... Er weiß nicht was er mehr haßt, junge Offiziers oder junge Prediger, mit keinen von beiden könnte er lange leben .... Lesen und Schreiben ist für ihn so nötig als Essen und Trinken, er hofft es wird ihm nie an Büchern fehlen. An den Tod denkt er sehr oft und nie mit Abscheu, er wünscht daß er an alles mit so vieler Gelassenheit denken könnte, und hofft sein Schöpfer wird dereinst sanft ein Leben von ihm abfordern, von dem er zwar kein allzu ökonomischer, aber doch kein ruchloser Besitzer war." 

G. Chr. Lichtenberg
http://www.lichtenberg-gesellschaft.de/leben/l_leb_goe_licht.html
(*) PSALM 90:Ein Bittgebet des Mose, des Mannes Gottes. O Herr, du warst uns Wohnung von Geschlecht zu Geschlecht.
Ehe geboren wurden die Berge, ehe du unter Wehen hervorbrachtest Erde und Erdkreis, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen, du sprichst: Ihr Menschenkinder, kehrt zurück!
Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.
Du raffst sie dahin, sie werden wie Schlafende. Sie gleichen dem Gras, das am Morgen wächst:
Am Morgen blüht es auf und wächst empor, am Abend wird es welk und verdorrt.
Ja, unter deinem Zorn schwinden wir hin, durch deine Zornesglut werden wir starr vor Schrecken.
Unsere Sünden hast du vor dich hingestellt, unsere verborgene Schuld in das Licht deines Angesichts.
Ja, unter deinem Grimm gehen all unsere Tage dahin, wir beenden unsere Jahre wie einen Seufzer. Die Zeit unseres Lebens währt siebzig Jahre, wenn es hochkommt, achtzig. Das Beste daran ist nur Mühsal und Verhängnis, schnell geht es vorbei, wir fliegen dahin.

Donnerstag, 17. August 2017

Vodoo

"Ich kann unmöglich alles wissen, was geschieht bzw. was hinter den Dingen steckt. Ich gehe davon aus, dass mir sehr viel verschlossen ist.
Ich glaube z.B. selbst nicht an die Wandlung der katholischen Hostie, bin mir aber sicher, dass bei dieser Sache in der Messe etwas passiert, was jenseits meines eigenen Erfahrungsbereiches liegt, weil ich keinen Zugang dazu habe, persönlich. Darum würde ich auch niemals in profaner oder abfälliger Weise von der Hostie reden (Keks, Löschpapier), sondern den korrekten Ausdruck verwenden, den Katholiken selbst verwenden. Alles andere käme mir einer Entheiligung gleich. Sowas habe ich auch nicht nötig, so herablassend zu sein.
Ich würde mich nie mit einem Vodoo-Schamanen anlegen, und ich weiß, dass Leute gestorben sind, weil sie von einem südamerikanischen Indio-Medizinmann verwünscht wurden.
Wenn ein Christ mir sagt, er glaube, dass Jesus übers Wasser gehen konnte, habe ich kein Problem damit, das als Wunder zu sehen. Warum sollte das nicht so sein? Wer bin ich, dass ich glaube, alles zu wissen und darüber endgültige Urteile abzugeben?
Eine Welt ohne Wunder und spirituelle Geschehnisse ist für mich eine kalte und lieblose Welt, in der ich nicht leben möchte. Sorry.
Und ich tue m. E. gut daran, anderen zuhören, wenn sie von Wundern und von ihren Religionen erzählen und ihren Kulturen erzählen und sie für ernst zu nehmen. Auch wenn ich sie nicht selbst erleben kann oder sie nachvollziehen oder sie in meine eigene Spiritualität übertragen kann.
Ich kann auch nicht die wundersamen Traumstraßen der australischen Aborigines abgehen, weil ich dazu keinen Zugang habe, aber ich gehe davon aus, dass sie trotzdem existieren, und ich bin froh über sie, und bin unendlich froh, dass sie sie nicht nicht unter dem Druck der westlichen Welt aufgegeben haben nachzugehen. Unsere Welt wäre sonst um eine Dimension ärmer geworden.
Ich meine, man muss nicht überall mitmischen, um was zu kapieren oder Dinge für ernst zu nehmen. Mir langt es, wenn andere Menschen Dinge ernst nehmen und dies mir vermitteln können."
8. März 2007 von "Long John Silver" (alias aus einem deutschen Blog)

Vom "Vibrato" abgesehen ungefähr auch meine Position.

Freitag, 3. März 2017

Genauso geht es zu

Martin Walser:
"Neulich im Fernsehen, das gewöhnliche Hin und Her zwischen Gegnern und Befürwortern. Der wortführende Gegner war verzeichnet als Publizist und als Atheist. Die Regie holte ihn oft ins Bild, wenn einer der Befürworter sprach. Er bot ein ausdauerndes Schmunzeln. Ein unangreifbares, ein allem überlegenes Schmunzeln. Es war deutlich, der Befürworter hatte keine Chance. Und die Regie und der Moderator waren ganz auf der Seite dieses unantastbaren Schmunzelns. Selbstzufriedenheit strahlte der Publizist aus. Wie kann man bloß noch an Gott glauben! Das strahlte der Publizist und Atheist aus. Und das darumherumsitzende Publikum zeigte durch Beifall, dass es auch dieser Meinung war. Der Moderator machte, wenn er zum Befürworter sprach, ein parodistisches Toleranzgesicht. 
Mir fiel dazu ein: Die Medien sind der Stammtisch der Nation. Zu dem Atheisten fiel mir ein: Er hat keine Ahnung. Wer sagt, es gebe Gott nicht und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Führen wir uns ein Motiv der Religion vor von der Genesis bis ins zwanzigste Jahrhundert. Ein Motiv, das wissen will, ob Gott gerecht sei. Gründe so zu fragen, gab es in der Geschichte Europas genug. 
 Es ist eine eher unglückliche Entwicklung, dass Religion etwas geworden ist, was nicht mehr ohne Kirchliches gedacht wird. Wer sich heute fast instinktiv erhaben fühlt über alles Religiöse, weiß vielleicht nicht, was er verloren hat. Polemisch gesagt: Rechtfertigung ohne Religion wird zur Rechthaberei. Sachlich gesagt: Verarmt zum Rechthaben. 
Augustinus und die anderen, die einen Gott rechtfertigten, der Esau vorgeburtlich hasst und Jakob ebenso vorgeburtlich liebt, die haben damit ihre Welterfahrung ausgedrückt. Sie haben einen realistischen Roman geschrieben. Genau so geht es zu in dieser Welt. Und dass sie ihren Romanhelden Gott freisprechen, heißt nur: auch Gott ist nicht schuld daran, dass es so zugeht in der Welt. Es geht so zu, ohne dass jemand schuld ist. Auch Gott ist nur eine Ausdrucksfunktion des Weltgeschehens. Darin wird mehr ahnbar als sichtbar der Funke der Verbesserungswürdigkeit der Welt. Also der Funke, der Geschichte heißt oder Zukunft oder Utopie. Einfach weil wir, was ist und wie es ist, nicht bewegungslos ertragen. 
Wenn ich von einem Atheisten, und sei es von einem „bekennenden“, höre, dass es Gott nicht gebe, fällt mir ein: Aber er fehlt."


Montag, 17. Oktober 2016

Religion und Glaube

 "...diese unsere Auffassung von Religion hat nur noch
herzlich wenig zu tun mit konfessioneller Engstirnigkeit und de-
ren Folge, religiöser Kurzsichtigkeit, die in Gott anscheinend ein
Wesen sieht, das im Grunde nur auf eines aus ist, und das ist:
daß eine möglichst große Zahl von Leuten an ihn glaubt, und
überdies noch genau so, wie eine ganz bestimmte Konfession es
vorschreibt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß Gott so
kleinlich ist. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, daß es sinn-
voll ist, wenn eine Kirche von mir verlangt, daß ich glaube. Ich
kann doch nicht glauben wollen - ebensowenig wie ich lieben
wollen, also zur Liebe mich zwingen kann, und ebensowenig,
wie ich mich zur Hoffnung zwingen kann, nämlich gegen besse-
res Wissen. Es gibt nun einmal Dinge, die sich nicht wollen las-
sen - und die sich daher auch nicht auf Verlangen, auf Befehl
herstellen lassen. Um ein einfaches Beispiel beizubringen: ich
kann nicht auf Befehl lachen. Wenn jemand will, daß ich lache,
dann muß er sich schon bemühen und mir einen Witz erzählen.
Und analog verhält es sich auch mit der Liebe und dem Glau-
ben; sie lassen sich nicht manipulieren. Als intentionale Phäno-
mene, die sie sind, stellen sie sich vielmehr erst dann ein, wenn
ein adäquater Inhalt und Gegenstand aufleuchtet.
Eines Tages wurde ich von einer Reporterin des amerikani-
schen Time-Magazins interviewt, und die Frage war, ob der
Trend von der Religion wegführt. Ich sagte, der Trend führe
nicht von der Religion weg, sehr wohl aber von jenen Konfessio-
nen, die anscheinend nichts anderes zu tun haben, als gegenein-
ander zu kämpfen und sich gegenseitig die Gläubigen abspenstig
zu machen. Nun fragte mich die Reporterin, ob dies heißt, daß
es früher oder später zu einer uníversalen Religion kommen
wird, was ich aber verneinte: im Gegenteil, sagte ich, wir gehen
nicht auf eine universale, vielmehr auf eine personale - eine zu-
tiefst personalisierte Religiosität zu, eine Religiosität, aus der
heraus jeder zu seiner persönlichen, seiner eigenen, seiner ur-
eigensten Sprache finden wird, wenn er sich an Gott wendet.
Dies bedeutet selbstverständlich noch lange nicht, daß es keine
gemeinsamen Rituale und Symbole geben wird. Gibt es doch
auch eine Vielzahl von Sprachen - und doch: gibt es nicht für
viele unter ihnen ein gemeinsames Alphabet?
So oder so, in ihrer Verschiedenheit gleichen die verschiedenen
Religionen den verschiedenen Sprachen: niemand kann sagen,
daß seine Sprache den anderen überlegen ist - in jeder Sprache
kann der Mensch an die Wahrheit herankommen - an die eine
Wahrheit -, und in jeder Sprache kann er irren, ja lügen. Und
so kann er denn auch durch das Medium jeder Religion hindurch
zu Gott finden - zu dem einen Gott.
Es fragt sich nur, ob sich überhaupt von Gott und nicht viel-
mehr nur zu ihm sprechen läßt. Den Satz von Ludwig Wittgen-
stein: „whereof one cannot speak, thereof one must be silent“ --- wovon man nicht sprechen kann, davon muß man schweigen -- können wir ja nicht nur aus dem Englischen ins Deutsche, sondern auch aus dem Agnostischen ins Theistische übersetzen - von dem man nicht sprechen kann, zu dem muß man beten.
Heute wenden sich Patienten an den Psychiater, weil sie am
Sinn ihres Lebens zweifeln oder gar daran verzweifeln, einen Le-
benssinn überhaupt zu finden. Eigentlich brauchte sich aber
heute niemand über Mangel an Lebenssinn zu beklagen; denn
er braucht nur seinen Horizont zu erweitern, um zu bemerken,
daß zwar wir uns des Wohlstands erfreuen, andere aber im Not-
stand leben; wir erfreuen uns der Freiheit; wo aber bleibt die
Verantwortlichkeit für die anderen? Vor Jahrtausenden hat sich
die Menschheit zum Glauben an den einen Gott durchgerungen:
zum Monotheismus - wo aber bleibt das Wissen um die eine
Menschheit, ein Wissen, das ich Monanthropismus nennen
möchte? "

P. Watzlawik

Montag, 24. August 2015

Toleranz

"Die Toleranz muss jedem Bürger die Freiheit lassen, zu glauben, was er will. Aber sie darf nicht so weit gehen, die Frechheit und Zügellosigkeit junger Hitzköpfe gutzuheißen, die das vom Volk Verehrte dreist beschimpfen".

Friedrich II.
------------------
(Stichwort Islam-Karikaturen)


"Toleranz besteht nicht darin, daß man die Ansicht eines anderen teilt, sondern nur darin, daß man dem anderen das Recht einräumt, überhaupt anderer Ansicht zu sein. Andererseits wird Toleranz aber auch dann mißverstanden, wenn man so weit geht, daß man dem anderen auch noch das Recht zugesteht, selber und seinerseits - intolerant zu sein."
V. E. Frankl 

Mittwoch, 25. Februar 2015

Atheisten



Viele Atheisten sind "nur" Gegner jeglicher Religion; lediglich jene, die jeglicher Übernatur ein entschiedenes Nein entgegensetzen, sind als "Hardcore-Atheisten" zu bezeichnen. Aber auch sie können es nicht genau wissen.

Siehe auch: http://kumpfus.blogspot.co.at/2008/01/hheres.html

Montag, 23. Februar 2015

Wie auch Christen und Buddhisten metzeln

Wie auch Christen und Buddhisten metzeln (FAZ, 16.02.15)
Das Gewaltpotential von Religionen steht nach den Anschlägen in Paris und Kopenhagen im Zentrum der Aufmerksamkeit und prägt die Wahrnehmung des Islams. Aber die anderen Weltreligionen stehen nicht zurück. 
Von Gerd Althoff, Thomas Bauer und Perry Schmidt-Leukel
Als Saladin mit dem Kampf gegen die Kreuzfahrer beschäftigt war, verfasste der Historiker Ibn Schaddad im Jahre 1188 für ihn ein Buch mit dem Titel „Die Vorzüge des Dschihad“. Das Buch ist keine Aufstachelung zum Kampf, sondern ein juristisches Werk, in dem ausführlich diskutiert wird, was im Krieg alles erlaubt ist und was nicht, bis hin zur Frage, ob man Pferde der Feinde töten darf. Saladin hat das Buch studiert und sich als frommer Mann, der er war, auch an die Regeln gehalten, was viel zu seinem Ruf als besonnener Herrscher beigetragen hat.
Hieran zeigt sich die zweischneidige Konsequenz der oft erwähnten Tatsache, dass der Religionsstifter des Islams selbst Kriege geführt hat. Einerseits machten es die Feldzüge des Propheten relativ einfach, kriegerische Handlungen gegen Nichtmuslime zu rechtfertigen, andererseits verlangt das Vorbild des Propheten aber auch, Regeln und Grenzen einzuhalten, die man aus dessen Verhalten im Krieg ableiten kann. Dies führte früh zu einer Verrechtlichung des Krieges. Dabei war es nicht genug, einzelne Koranstellen herauszupicken. Bekanntlich finden sich im Koran sowohl versöhnliche als auch kriegerische Passagen. Hinzu kommen Hadithe, also mehr oder weniger zuverlässige Überlieferungen über die Taten und Aussprüche des Propheten, welche die koranischen Stellen erklären und ergänzen, aber selbst wiederum nicht frei von Widersprüchen und Unklarheiten sind.
Die Rechtsgelehrten und Theologen versuchten nun über tausend Jahre, aus diesen Überlieferungen unter möglichst sorgfältigem und durchaus kritischem Umgang mit den Texten ein Recht zu formen, das den Dschihad in all seinen Aspekten regelt. Das Wort „Dschihad“, dessen Grundbedeutung „Anstrengung, Bemühung“ ist, wird schon im Koran in verschiedenen Bedeutungen verwendet. Spätere Theologen stellen den gewaltlosen, spirituellen Aspekt („Bemühen um die rechte Religionsausübung“) in den Vordergrund. Bei den Juristen ist aber, wie auch an mancher Koranstelle, durchaus der Krieg gemeint (wobei die häufige Übersetzung als „Heiliger Krieg“ sinnlos ist und kein arabisches Pendant hat).
Juristische Dschihad-Handbücher wie das des Ibn Schaddad gibt es viele. Die einzelnen Regelungen weichen je nach Rechtsschule und Autor voneinander ab, zeichnen sich aber insgesamt durch das Bestreben aus, Gewalt zu zügeln und in rechtliche Bahnen zu leiten. Tatsächlich ist das islamische Kriegsrecht wohl das erste der Welt, das den Feinden explizit Rechte einräumt und Nichtkombattanten schützt.
Dieses islamische Recht der Art der Kriegsführung (ius in bello), das vieles vom modernen Kriegsvölkerrecht vorwegnimmt, hat sicherlich oft deeskalierend gewirkt. Das klassisch-islamische „Recht zum Krieg“ (ius ad bellum) erscheint dagegen heute auch Muslimen als problematisch und ist vielfach neu interpretiert worden. Geschichtlich hat es sich allerdings kaum ausgewirkt. Muslimische Herrscher haben ebenso oft lang dauernden Frieden mit nichtmuslimischen Staaten gehalten, wie sie Krieg gegen muslimische geführt haben. Die Expansion des Osmanischen Reiches etwa war keineswegs religiös motiviert, standen doch schon am Anfang Kriege gegen Herrscher, die ebenso gute Muslime waren wie die Osmanen selbst, und hatte man später doch im katholischen König von Frankreich einen treuen Verbündeten.
Nun hat es Kriegsrecht aber an sich, dass es schwer durchsetzbar ist. Als Sultan Selim I. im Widerspruch zum islamischen Recht 1517 das Mamelukkenreich eroberte, wurde er dafür genauso wenig zur Rechenschaft gezogen wie Bush, Rumsfeld und Konsorten für ihren Überfall auf den Irak 2003 mit all seinen desaströsen Folgen für die Region.
Für den Islam kommt hinzu, dass die klassische Rechtsauslegung mit ihrer hohen Ambiguitätstoleranz, also ihrer Fähigkeit, unterschiedliche, ja widersprüchliche Auslegungen der normativen Schriften zu akzeptieren, in der Moderne ins Hintertreffen gekommen ist. Genauso wie sich in der Kriegsführung der „absolute Krieg“ (Clausewitz) durchgesetzt hat, der weder durch Religion noch durch einen Ehrenkodex gemildert wird, sind im Islam ehemals marginalisierte Richtungen mächtig geworden, die die vermeintlichen „Haarspaltereien“ der klassischen Juristen ablehnen und eine ideologisierte und oft gewaltaffine Form der Religion propagieren.
So macht der „Islamische Staat“ (IS) aus dem klassischen Islam in etwa das, was Pol Pot aus Karl Marx gemacht hat. Insofern haben Terror und Gewalt von Al Qaida und dem IS also sehr wohl mit dem Islam zu tun, auf den sie sich berufen. Dabei rechtfertigen sie den Krieg teilweise mit traditionellen Argumenten. Sie erklären aber auch – gegen alle Tradition – alle Muslime, die nicht der eigenen Gruppe angehören, zu „Ungläubigen“ und ignorieren die gewaltbegrenzenden Regeln des klassischen Kriegsrechts. An deren Stelle tritt der „absolute Krieg“ der Moderne. Vom klassischen Islam sind sie damit genauso weit entfernt wie vom Islam, wie er heute von der überwältigenden Mehrheit der Muslime geglaubt und praktiziert wird.
Wenn also die Beschwichtigungsformel der jüngeren Vergangenheit, Terroranschläge von Muslimen hätten nichts mit ihrer Religion zu tun, durch die intensive Diskussion der jüngsten Ereignisse zumindest in die Defensive geraten ist, dann stellen sich Fragen auch für das Christentum. Die heiligen Texte aller drei monotheistischen Religionen enthalten Passagen, die wörtlich genommen die unnachgiebige Vernichtung von Gottesfeinden, Gottesfrevlern und -lästerern fordern, dies als Befehl Gottes an seine Auserwählten deklarieren und verheißen, dass diesbezüglicher Eifer durch Gott reich belohnt werde. Diese Texte wurden nicht nur von wirren Außenseitern ohne exegetische Kenntnisse benutzt, sondern häufig von professionellen, aber radikalen Vertretern der Religion selbst aufbereitet und angeboten.
Diese Thematik aus der Perspektive des Christentums in die laufende Diskussion einzubringen ist aber nicht ganz einfach, weil es einerseits reiche Belege aus vielen Phasen der christlichen Kirchengeschichte gibt, wie man Gewalt im Dienst und Auftrag der Kirchen etwa mit biblischen Texten legitimierte und so die Bereitschaft von Kriegern und Soldaten zum Töten steigerte, weil dies Gottes Wille sei. Andererseits ist evident, dass die Kirchen in der Gegenwart diese Praxis weitestgehend zugunsten einer Betonung der friedlichen und friedensstiftenden Rolle der Religion aufgegeben haben. Damit scheint man, ob gewollt oder nicht, Muslimen vorzuhalten, dass Vertreter ihrer Religion heute die Fehler wiederholten, die Christen längst hinter sich gelassen hätten.
Es ist aber angesichts der jahrhundertelangen Verfolgung sogenannter Ketzer und Häretiker, der Judenpogrome, der Kreuzzüge oder auch der Schwertmission, die im Auftrag oder mit Billigung der Kirche durchgeführt wurden – von der Gewalt der christlichen Konfessionen untereinander ganz zu schweigen –, nicht überflüssig, in der gegenwärtigen Diskussion auch an christliche Irrwege bei der Rechtfertigung von Gewalt zu erinnern und vor allem darauf hinzuweisen, dass sie nicht selten auf ganz ähnlicher Nutzung heiliger Texte gründeten, wie sie heute von radikalen Muslimen praktiziert wird. Ein Beispiel mag für viele andere stehen.
Im Christentum wurden heilige Texte mit großem Aufwand an Gelehrsamkeit aktiviert, als das sogenannte Reformpapsttum unter Führung Gregors VII. (1073 bis 1085) in Auseinandersetzung mit dem salischen Königtum seine Stellung und seinen Geltungsanspruch in Kirche und Welt neu zu begründen suchte. Gegen Eingriffe dieses Königtums in die Kirche legitimierte man die Suprematie der geistlichen Gewalt und beanspruchte eine Stellung der Kirche „als Herrin, nicht als Magd“ des Königtums. In dieser Situation „fand“ man Geschichten, die die Verpflichtung aller Menschen zum Gehorsam gegenüber dem päpstlichen Stuhl legitimierten und gleichzeitig Ungehorsam als Häresie einstuften, gegen die mit Gewalt vorzugehen gottgewollt sei.
Kronzeuge für die Legitimität dieser Forderungen wurde etwa der Prophet Samuel, der Gottes Befehle an König Saul überbracht hatte, die Amalekiter vollständig zu vernichten, einschließlich der Frauen und Kinder und aller Viehherden (1 Sam 15, 22 ff.). Als Saul den gegnerischen König verschonte und nur gefangen nahm, erzürnte das Gott gewaltig, und er verwarf den König. Samuel machte Saul klar, dass Gott Gehorsam am wichtigsten sei und er Ungehorsam als Götzendienst, als Häresie werte. Dann schlug er eigenhändig den gefangenen feindlichen König mit einem Schwert „in Stücke“. Mit dieser Geschichte führte Papst Gregor VII. ganz wesentlich seinen Kampf gegen König Heinrich IV.
Kronzeugen wurden auch die Leviten, die beim Tanz der Israeliten um das Goldene Kalb (Exodus 32) dem Befehl des Moses („Her zu mir, wer zum Herrn gehört“) folgten und in einer Nacht dreitausend ihrer Verwandten und Freunde erschlugen, weil sie Gott beleidigt hatten. Die Geschichte gab Vorbild und Legitimation, wie man mit Ungehorsamen umzugehen hatte. Sie wurde in den Streitschriften der Zeit immer wieder aufgerufen. Kronzeuge war schließlich auch der Israelit Pinhas, der Unzucht Treibende mit einem Speer auf ihrem Lager durchbohrte (Numeri 25). Gott gab dafür ihm und seinen Nachkommen das ewige Priestertum, weil er sich für ihn „ereifert“ hatte.
Dieses Verhalten wurde im elften Jahrhundert immer wieder bemüht, wenn man den Kampf gegen unkeusche Kleriker intensivierte und den Zölibat durchzusetzen versuchte. Die geistige Aufrüstung aber führte zu vielen realen Kämpfen und Schlachten, die mit größerer Grausamkeit und Erbitterung geführt wurden als „normale“ Fehden in der christlichen Gesellschaft. Sie führten überdies zu Strafaktionen wie den „Ketzerkreuzzügen“ und eröffneten für längere Zeiträume der Kirche ein breites Spektrum legaler Anwendung von Gewalt in ihrem Auftrag.
Was hier mit wenigen Schlüsselbelegen kaum mehr als angedeutet werden kann, hatte viele Vorstufen und ebenso massive Nachwirkungen, die sich weit über die Glaubenskämpfe der christlichen Konfessionen hinaus zeigen lassen. In der gegenwärtigen Situation scheint es aber wichtiger, zu fragen, wie viel Gemeinsamkeiten die legitimierenden Berufungen auf heilige Texte haben, die „Eiferer“ in den monotheistischen Religionen zur Legitimation von Greueltaten in Geschichte und Gegenwart nutzten, und wie man ihrer verqueren Logik gemeinsam entgegentreten kann. Die gemeinsame Arbeit an dieser Frage könnte helfen, dem Willen zum Zusammenrücken der Vernünftigen eine stabile Grundlage zu geben.
Hängt aber, wie von David Hume und Jan Assmann behauptet, das religiöse Gewaltpotenzial ursächlich am Monotheismus? Eine romantisierende Wahrnehmung von Hinduismus und Buddhismus scheint dieses Urteil zu bestätigen. Unbestritten gilt in beiden Religionen Gewaltlosigkeit als hohes Ideal, und es finden sich etliche friedensförderliche und pluralitätsfreundliche Elemente. Doch es gibt auch eine andere Seite, wie etwa am Krieg zwischen den mehrheitlich buddhistischen Singhalesen und den mehrheitlich hinduistischen Tamilen in Sri Lanka, an den schweren gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Buddhisten und Muslimen in Thailand, buddhistischen Übergriffen auf Muslime in Myanmar und Sri Lanka, der Spaltung Indiens in das muslimische Pakistan und das überwiegend hinduistische Indien oder der antichristlichen und antiislamischen Politik der Hindutva-Bewegung deutlich wird. Bevor islamistische Dschihadisten das Selbstmordattentat einführten, praktizierten es buddhistische Kamikaze-Piloten aus Japan und hinduistische Kämpfer der tamilischen Liberation Tigers of Tamil Eelam.
In Hinduismus und Buddhismus hängen religiöse Legitimationen von Gewalt nicht am Monotheismus, sondern an der auch in den nichtmonotheistischen Religionen keineswegs abwesenden Unterscheidung von „wahr“ und „unwahr“. Religiöse Wahrheit und ihre Erkenntnis sind von zentraler Bedeutung für Heil und Erlösung des Menschen, und so geht es – im Interesse des Menschen – darum, diese Wahrheit vor jeglicher Bedrohung zu schützen. Ähnlich wie im modernen säkularen und politischen Gewaltdiskurs sind auch im klassischen religiösen Diskurs Legitimationen von Gewalt häufig defensiver Natur: Gewalt wird gerechtfertigt, wo sie zum Schutz religiöser Güter (und damit zum Wohl des Menschen) als unvermeidlich erscheint.
In Hinduismus und Buddhismus ist das schützenswerte Gut der dharma – wobei damit im Hinduismus primär auf die göttliche Ordnung (einschließlich der damit verbundenen gesellschaftlichen Ordnung) und im Buddhismus auf den vom Buddha gelehrten Heilsweg verwiesen wird. Gerade in dieser Hinsicht haben sich beide Religionen häufig als wechselseitige Bedrohung erlebt, was bis in die Gegenwart (so in Sri Lanka) nachwirkt.
In Indien hatte der Buddhismus den Dauerkonflikt mit dem Hinduismus nicht überlebt, bis er in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in Gestalt des radikal antihinduistischen Neobuddhismus Ambedkars neu erstand. Bereits die Bhagavadgita, einer der wohl populärsten Texte des Hinduismus, lehrt die Pflicht der Gewaltanwendung zum Schutz und zur Aufrechterhaltung der göttlichen Ordnung. Als Hindus genau diese von dem erstarkenden Buddhismus bedroht sahen, entstanden Texte wie das einflussreiche Vishnupurana, das eine völlige soziale Exkommunikation der Buddhisten nahelegt. Buddhistische Quellen bezeugen heftige Buddhistenverfolgungen. Das in der Tradition des Vishnupurana stehende spätere Kalkipurana beschreibt, wie Kalki (die zukünftige zehnte Inkarnation Vishnus) in einer eschatologischen Entscheidungsschlacht alle Buddhisten ausmerzen und damit das „goldene Zeitalter“, das „Zeitalter der Wahrheit“, einleiten wird.
Auf buddhistischer Seite finden sich Texte wie der Mahavamsa, die Chronik Sri Lankas, in der ein äußerst blutiger Sieg des buddhistischen Königs Dutthagamani (zweites/erstes Jahrhundert vor Christus) über Tausende hinduistischer Tamilen als Sieg des Buddhismus gefeiert wird. Die getöteten Tamilen, so der Text, seien als Feinde der buddhistischen Lehre keine Menschen und nicht mehr wert als wilde Tiere. Aus ihrer Tötung erwachse dem König kein schlechtes Karma, da er allein zur Ehre Buddhas und damit zum Wohl des Landes gehandelt habe. Im Mahayana-Buddhismus ist die Lehre vom „mitleidvollen Töten“ verbreitet. Auch hier geht es meist um den Schutz des Buddhismus vor Andersgläubigen. Den Feind zu töten gilt nach dieser Lehre als ein Akt des Mitleids, da der Feind durch seine Tötung davor bewahrt wird, sich weiteres schlechtes Karma zuzuziehen.
Heute finden sich hinduistische und buddhistische Gewaltlegitimationen nicht selten im Hinblick auf Muslime. Die nationalistische Hindutva-Bewegung hat neben dem Materialismus Muslime und Christen als die gegenwärtig größten Feinde der göttlichen Ordnung ausgemacht. Die neohinduistische Lehre, wonach alle Religionen Wahrheit enthalten, müsse – so eine in der Hindutva-Bewegung häufig anzutreffende Argumentation – vor dem Absolutismus des Christentums und des Islams geschützt werden, so dass man diesen beiden Religionen in Indien keinen Raum gewähren dürfe. Auf paradoxe Weise wird hier im Namen legitimer religiöser Pluralität eine extrem intolerante Religionspolitik begründet.
Wie die abrahamitischen Religionen sind also auch die östlichen Religionen im Hinblick auf ihr friedensförderliches und konfliktstiftendes Potential ambivalent. Gewaltbegründung ist jedenfalls weder ein Alleinstellungsmerkmal des Islams noch des Monotheismus. Es ist auch keine Besonderheit von Religion. Nur zu gut können auch säkulare Ideologien analoge Begründungsstrategien liefern. Ob eine Welt ohne Religion friedlicher wäre, ist daher mehr als fraglich. Erforderlich ist, gerade auch im innerreligiösen Diskurs, eine nüchterne Analyse und kritische Sensibilisierung für die jeweiligen gewaltproduzierenden und -legitimierenden Mechanismen.

Dienstag, 13. Mai 2014

Abbild Gottes

Gen 1,27Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.

Manche, die sich für gescheit halten, sehen das genau umgekehrt.
Wie wäre es, wenn beides wahr wäre?

Sonntag, 29. November 2009

Klimawandel 2

Dass sich die Lehre vom Klimawandel immer mehr zu einer Religion entwickelt ("Klimawandelismus"?) sieht man auch daran, dass die katholische Kirche, immer sehr um die Ökumene bemüht, ebenfalls die Klima-Glaubenssätze unhinterfragt akzeptiert und verwendet.

Es geschieht jetzt nichts anderes, als was Religionen immer schon mit Religiosität gemacht haben. Aber immerhin geht es ja in jedem Fall um den Himmel. An den religiösen Himmel mag der morderne Mensch nicht mehr glauben, dafür umso mehr an unerklärliche Himmelsphänomene, die er sich anmaßt, durch Messung vollständig erklären zu können, nicht nur gegenwärtig, sondern auch gleich für die Zukunft.

Ist wirklich so ein großer Unterschied, wie sich die Alten die Welt da droben erklärten und wie wir das Universum zu verstehen glauben ?

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Keine Klasse von Stümpern wird von den Menschen mit größerer Nachsicht behandelt als die prophetischen. 
Lichtenberg 

Dienstag, 23. Oktober 2007

Klimawandel IV

Die Bewegung "Klimawandel" zeigt alle Merkmale einer neuen Religion: Bei "Strafe des Himmels" in Zukunft muß man alle Äußerungen der Propheten glauben, sich in der Gegenwart schön linientreu verhalten, sonst wird man hier und heute kaltgestellt oder verbellt.
Und für viele "Priester" ist das eine wunderbare Gelegenheit, sich öffentlich bemerkbar (und wichtig) zu machen. Die alten Religionen führen ja in Europa zunehmend ein Nischendasein, außer wenn ein ganzes Land Papst wird oder ein religiöses Groß-Ereignis "news"-verwertbar ist. Selbst die PC-Gutmensch-Antifa-Holocaust-Selbststilisierungs-Masche hat ja mittlerweile wegen allgemeiner Überstrapazierung stark an öffentlicher Attraktivität und Verwertbarkeit eingebüßt.
Damit eines klar ist: Nicht die Tatsache des Klimawandels bestreite ich, sondern die edlen Absichten der falschen Propheten mit ihren allzu durchsichtigen Katastropenszenarien. Grundverdächtig ist ja ohnehin, dass so viele Mächtige (Politiker&Publizisten) auf diesen Zug aufspringen - einerseits ist da was zu holen (Aufmerksamkeit und viel Geld), aber vor allem läßt sich mit der Klimakeule herrlich Macht auf die Menschen ausüben - genauso, wie es die kirchlichen Hierarchien immer schon gemacht haben. Und so schließt sich der Kreis.

Sonntag, 22. April 2007

Gerhard Polt und die Biermösl-Blasn

OFFENER BRIEF.

Sehr geehrter Hr. Polt!
Als langjähriger Fan habe ich mich schon sehr auf die Radio-Übertragung von der Ybbsiade gefreut und besitze fast alle Ihre "Werke". Leider war ich diesmal etwas enttäuscht, vielleicht lag es aber auch am Publikum. Das österreichische Publikum hat vielleicht nicht die richtige Antenne für die spezifisch bayerische Hinterfotzigkeit, die landeseigene Hinterfotzigkeit ist mehr wienerisch, also tschecho-slowakisch-hungrisch geprägt. Ich selber stamme aus dem Innviertel - alt-niederbayrisches Stammland sozusagen - und habe drei Jahre meiner Jugend in Bayern verbracht. Die Zeitungskritik nachher erinnerte sich typischerweise nur an den "Neger, der nicht ganz herpasst" - mit Verlaub nicht eine Ihrer stärksten Pointen.
Was mich aber wirklich geärgert hat, war die Nummer der Well-Brüder, in der man u. a. religöse Lieder verballhornte: "Oh Maria hilf" usw. Satire und Religion ist ein heikles Gebiet: Ich bin nicht generell der Meinung, dass man sie von der Satire aussparen sollte, aber das darf niemals auf Kosten der einfachen Leute gehen. Auf die Machthaber, Machtausüber, Verführer und Ausbeuter in den Kirchen soll man schon draufhauen wie auch auf jene im übrigen öffentlichen Leben, aber die "Opfer" verspotten, das geht mir zu weit. Allzuviele Kabarettisten sind nicht frei von Hochmut und Verachtung für die "Dummen", also die Verführten und Ausgebeuteten. Das ist oft auch schwer zu trennen, weil sich viele Mächtige - speziell im religiösen Bereich - hinter ihnen verstecken; da braucht es eine ganz feine Klinge, um hier richtig hineinzutreffen. Ich weiß, die Well-Buam "san scharfe Hundt...", aber sie hauen - im Gegensatz zu Ihnen - wohl eher mit dem Beidhänder zu. Nun weiß ich nicht, wie sehr Sie für die Beiträge der Biermösl-Blasn verantwortlich sind, aber man assoziiert sie halt mit Ihnen.
Konkret habe ich an meine Mutter gedacht, die eine ganz einfache Frau war und sehr gläubig; speziell dieses Marien-Lied hat sie sehr gern gehabt. Sie hatte sehr wenig Schulbildung, aber sie war immerhin imstande, nur mit ihrer Gläubigkeit den Verlockungen der Nazis zu widerstehen - und das war in unserer Gegend nicht selbstverständlich. Selber dem religiösen Umfeld "entwachsen", hat mir das immer zu denken gegeben.
Nix für ungut!
F.K.