Posts mit dem Label Fontane werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Fontane werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 15. März 2021

Übel Übel

 Alles läßt sich nicht zwingen, und die Kunst des Lebens läuft darauf hinaus, von zwei Übeln das kleinere zu wählen. 

Th. Fontane

Freitag, 12. März 2021

Dampfkraft

"Die Kunst der Lebensführung besteht bekanntlich darin, mit gerade so viel Dampf zu fahren, wie gerade da ist." 

"Ich bin zeitlebens ein nervenkranker Mann gewesen, und es hat auch gehen müssen und ist gegangen. Man muß die Kunst lernen und ausbilden, mit halber und viertel Dampfkraft zu arbeiten, und muß sich daran gewöhnen, immer nur stunden oder tageweis Disposition über sich zu haben. Ist man erst darauf eingefuchst, so lernt man diese guten Stunden ausnutzen und schafft durch weise Ökonomie schließlich dasselbe zusammen wie die Kraftmeier und Schlagedodrogs."

Th. Fontane

?🔅?

Und hierzu musste ich Google bis zum Äußersten (aus)reizen:

..........................

Der biedre Riese

War allein mit seiner Größe.

Sprach: »Zwei Dinge kenn' ich einzig,

Die mir einzuflößen Ehrfurcht

Sind imstande. Nämlich erstens,

Mein Charakter. Darauf zweitens,

Diese Mauer. Beide passen

Wie gegossen aufeinander,

Ganz massiv sind alle beide,

Für die Ewigkeit gegründet.

................................

Und es bebt' und wippt' und wiegte

Und es schwankt' und schwappt' und schwaumelt'

Und es kreischt', es riß, zerspliß,

Ritz an Ritz, die Mauer rings!

Und es stöhnt' und schrie und jaulte

Zeternd Schlagadodro, brüllend

Sank er in zerborstne Klüfte.

Und es schwand und starb sein Laut hin

Ins Getöse, das wild aufdrang

Aus dem neugebornen Chaos.

Schollernd, knallend, krachend, platzend

Rutschten nieder die gelösten

Eisenstücke, Eisenbalken

Quetschten sich dazwischen gellend!

Türme nickten, stürzten drüber,

Diese Balken überwuchtend,

Und sie brachen! Und hinunter

Stürzten Balken, Stücke, Türme,

Die zerrissen in dem Absturz!

Wirrsal, Strudel, Stumpfen, Qualmschutt,

Donnertosende Zerstörung,

Fiel die große Riesenmauer...




Dienstag, 23. Februar 2021

Ideale

 Wer ist denn unbedrückt? Wer sagte nicht jeden Tag: »Eigentlich eine sehr fragwürdige Geschichte«.  Es ist Torheit mit dem Im-Urwald-Umherkriechen oder In-einem- Termitenhügel-Nächtigen; wer's mag, der mag es, aber für unsereins ist es nichts. In der Bresche stehen und aushalten, bis man fällt, das ist das beste. Vorher aber im kleinen und kleinsten so viel herausschlagen wie möglich und ein Auge dafür haben, wenn die Veilchen blühen oder das Luisendenkmal in Blumen steht oder die kleinen Mädchen mit hohen Schnürstiefeln über die Korde springen.

Th. Fontane

...oder die Fiakerschimmel in der Prater-Hauptallee oder die Flugenten in der Rosenlacke oder ...



Dienstag, 16. Februar 2021

Ich sehne mich nicht mehr nach Wechsel.

"Ich sehne mich nicht mehr nach Wechsel und erkenne in friedlichem Abwickeln der Tage das höchste Glück. Zu diesem Glück gehören auch Bücher, mit denen ich längst lieber verkehre als mit den Menschen. Sie bringen mich in Berührung mit dem Besten, was die Besten besitzen, und das Gestörtwerden durch die Unleidlichkeiten unsres Geschlechts fällt fort."

Mit "Geschlecht" meinte Theodor Fontane die lieben Mitmenschen und Zeitgenossen.

Dienstag, 19. Januar 2021

Maaß

 .»Aber in allem entscheidet das Maaß«

Fontane

Samstag, 14. November 2020

Richtiges

.....daß er ein sehr abgeschlossener, bewußter, eigensinniger Herr ist, der sich nicht fördern und entwickeln, sondern weil er das Richtige bereits zu haben glaubt, dies sein »Richtiges« à  tout prix durchdrücken will. Solche Personen kann ich bis zu einem gewissen Grade anerkennen, aber ich kann nicht mit ihnen leben. Personen, denen irgend etwas absolut feststeht, sind keine Genossen für mich; nichts steht fest, auch nicht einmal in Moral und Gesinnungsfragen und am wenigsten in sogenannten Thatsachen. Taufregister sind sprichwörtlich falsch. 

Fontane

Mittwoch, 23. September 2020

Solche Hitze

"Solche Hitze bringt mich um und ist für mich gleich bedeutend mit völliger Brachlegung meiner leiblichen und geistigen Kräfte."

Th. Fontane (wer sonst?) Ein Hitzehasser wie ich.....


Donnerstag, 17. September 2020

"Tugendboldschaft"

 ...ist eine Wortschöpfung von Th. Fontane. 

Noch besser:

"Tugendpriester und Gesinnungstrampel"

oder

"Gesinnungstüchtige Großmäuligkeit"

Da befallen mich aber sofort heftigste Assoziationen!

Und gleich noch was Schönes:

"…. ist es gar nichts, aber journalistisch-moralisch angesehn, wenn sich diese beiden Adjektiva so dicht nebeneinander vertragen"

👀

Diese Verb-Schöpfung ist auch merkenswert:

"Zu den Merkwürdigkeiten, gehört auch, daß sich der Sprechanismus als Bekehrungsopfer immer solche aussucht, die auf bestimmten Gebieten eine größere oder kleinere Autorität sind. So daß man von ihm sagen darf: er hat sich nıe mit Kleinigkeiten abgegeben, er ist wählerisch, noblesse oblige. Er sucht sich seinen Mann, und wenn er ganz echt ist, so wird er einen Generalstäbler über die Fehler, die bei Mars-la-Tour gemacht wurden, und Mommsen über Geschichtschreibung bestandpunkten...."

Montag, 23. Dezember 2019

Das ist Fontane!

 Daß diese verstehende Güte bei Fontane nicht weichliche Veranlagung, sondern auch von ihm mühsam errungene Weisheit ist, das zeigen seine Briefe, die oft genug voll Bitterkeit sind. Aber die Bitterkeit führt eben zu nichts, die Mahnung heißt »verstehe, steh’ darüber«. 
 Er teilt keine Prädikate aus. Er läßt sie einfach handeln, so wenn Bodo die lange Fahrt zum Bahnhof macht, um der alten Gärtnersfrau den im Scherz versprochenen Kranz aufs Grab zu legen, oder der alte Graf den Wagen anhält, um Stine den Platz neben sich anzubieten, oder die Familie des bei St. Privat gefallenen Hauptmanns sich tapfer durchs Leben schlägt, oder der alte Stechlin seine letzten Gespräche mit dem Gendarmen führt. 
Wenn er die Überspannung des Standesgefühls zu tadeln hat, so läßt er Effi von ihrem Mann nur die paar Worte sagen: »er war so edel, wie ein Mann sein kann, der ohne rechte Liebe ist« 
R. Berbig, Fontäne Blätter

Freitag, 8. September 2017

Fontane und die Endogenität

Fontane und das Rätsel der Endogenität.
von Horst Gravenkamp.

"...heute können wir die Diagnose endogene Depression bereits aus dem Erscheinungsbild in der Krankheitsphase stellen. Wir können diese Diagnose noch zusätzlich stützen, wenn wir Näheres über die Primärpersönlichkeit des Patienten in gesunden Tagen und über weitere Depressionen in seiner eigenen und in seiner Familienanamnese erfahren. Zu Fontanes Zeit war die endogene Depression den Ärzten noch ein Rätsel (mit Scheinlösungen). Fontane ist der Lösung dieses Rätsels näher gekommen als seine Ärzte. Das vollzieht sich in einer langsamen Entwicklung, die hier zunächst noch einmal in Kürze nachgezeichnet werden soll.
Seine schwere Verstimmung von 1858 hat Fontane wiederholt und mit Nachdruck auf seine Lebensumstände in London zurückgeführt. Als ihm aber entgegengehalten wird, daß diese Begründung nicht stichhaltig sei, muß er zugeben (››das Schrecklichste«!), daß diese »nüchterne Auffassung«, daß also die Ursache seiner seelischen Störung in seinem Inneren liege, vielleicht richtig ist. Der Feststellung »Euer Wille hat sich die Nachtmütze aufgesetzt« widerspricht er nicht, das »Hilf dir selbst«  aber kann er nicht akzeptieren: Das sei »das bekannte „fliege !“ an den, der keine Flügel hat«, eine schlagende Formulierung für die Willenslähmung, die auch in anderen Briefen dieser Zeit ihren Ausdruck findet. Er bleibt aber - zumindest nach außen hin - dabei, die Londoner  Misere als Ursache seines Gemütszustandes zu bezeichnen, der  jedoch auch für ihn etwas anderes ist als eine ››normale« Reaktion: »Es ist ein wirklicher, guter, ehrlicher Krankheitszustand«. Bezeichnenderweise fällt das Wort Krankheit wieder bei seiner offenbar endogenen Depression von 1877: ››Nun aber kam Krankheit«,  »krank zum Auslöschen«. Er ist sich auch nicht mehr so sicher über ausschließlich äußere Ursachen seines Krankheitszustandes: »Ein halbes Dutzend Gründe, äußere und innere«. Er nimmt auch wahr, was seine Krankheit mit der seiner Tochter  Mete gemeinsam hat: Die Machtlosigkeit gegenüber einer aus inneren Ursachen entstehenden Störung, den episodischen Charakter und die gute Prognose der Krankheitsphasen.
Wir nehmen die Depression von 1892 noch einmal in den Blick und erinnern uns dabei des Briefes an Friedlaender vom 4. April 1892: »Ich bin in ziemlich freudloser Stimmung; 7/ 8 ist Krankheit, aber das letzte Achtel, und vielleicht auch noch mehr, ist doch in Wirklichkeiten begründet«. Die »Wirklichkeiten der Außenwelt«, die er früher als Ursache seiner Depressionen eingesehen hatte, spielen jetzt für ihn nur noch eine untergeordnete Rolle. Das gilt auch für die weiteren Briefe dieser Zeit, in denen von ››Wirklichkeiten« als ursächlichem Faktor nie mehr die Rede ist, aber immer wieder von Krankheit. Eine weitere Auffälligkeit: Die ››Neurasthenie« als Diagnose Dr. Willes, der sich Prof. Hirt offenbar angeschlossen hat und von der Fontane gehört haben muß, hat er in den Briefen nie erwähnt. Das ist vermutlich so zu deuten, daß er diese Diagnose nicht akzeptiert hat, daß er also »ungebührliche Belastung des Nervensystems« (u. a. »übermäßige geistige Arbeiten«, »öfter wechselnde Gemüthsbewegungen«) als Krankheitsursache nicht gelten ließ. Er hat seine Krankheit als Folge der am Anfang stehenden Influenza angesehen, auch dann noch, als im Mai und sogar noch im ]uni 1892 die Influenza längst abgeklungen sein mußte. 
An der Vorstellung von der Influenza als Ursache seiner Krankheit von 1892 hält er auch in späteren Jahren fest, wie wir seinem Brief  an Moritz Lazarus vom 5. Januar 1897 entnommen haben. Ein weiterer Hinweis darauf, daß Fontane sich seine Krankheit nur als ganz überwiegend körperlich verursacht vorstellen konnte. Was dem Patienten Fontane als innere Ursache seiner Krankheit zunehmend deutlich wird, bleibt seiner Umgebung verborgen. Das muß zu Spannungen führen.
Wir müssen uns dabei vor Augen führen, wie sehr die Angehörigen eines solchen Kranken mitzuleiden haben: »ich fühle, ich bin euch zur Qual«, sagt Fontane (Emilie an den Sohn Friedrich am 7. ]uli 1892). Ein »schwerer Traum« ist für Frau Emilie die Krankheit ihres Mannes (Emilie Fontane an Friedlaender am 15. September). Als »die ganz aufgezelırte arme Frau«  beschreibt Fontane Emilie am 13. August (an W. Hertz) ….
 »Der Zustand ist elend und die Kraft von Frau und 'Tochter hin, auch ihre Geduld. Ich bin Quängelpeter  u. Egoist, Du lieber Gott, die Krankheiten sind verschieden in ihrer Wirkung aufs Gemüth. « (An Karl Zöllner am 8. August 1892). Über solche Spannungen, die auch in der Zeit der allmählichen Genesung fortbestehen, erfahren wir einiges aus Briefen Fontanes an Friedlaender:
Am 29. September 1892: »Ich muß mich oft einen Hypochonder schelten lassen, aber es ist nicht so schlimm damit, und was wirklich hübsch ist, erfreut mich immer noch.« Am 14. Oktober 1892: »Gestern setzten mir Frau und Tochter auseinander, daß ich diese meine alten Tage auch als sehr
erträgliche, ja als sehr bevorzugte ansehen könne. [. . .] Ich gebe das zu, aber das Gefühl von Schwäche und Freudlosigkeit bleibt, das ist eben die Krankheit dran ich laborire. Des „Wollens“, 
das Sie mir aus dem väterlichen Erbschatz als Heilwort mit auf den Weg gegeben, befleißige ich mich, aber es bleibt Zwangsarbeit«.
Am 7. November bezieht sich Fontane auf einen nicht überlieferten Brief Friedlaenders vom 17. Oktober: »Es heíßt darin, es würde Personen wie Ihnen, und wohl auch mir, so vieles als ›Launen angerechnet. Gewiß ist es so und es kann auch sein, daß in dem was man uns vorwirft, "Laune" mit drunter läuft, wenn ich aber speziell auf meine diesjährigen Erlebnisse zurückblicke,
auf die, die seit Monaten und dann auf die, die seit Kurzem zurückliegen, so liegt, ich will nicht sagen die Laune, aber doch das Anfechtbare überhaupt, ganz wo anders, nämlich auf der Seite der Ankläger. Ich werde jetzt seit drei, vier Wochen mit derselben Liebe und Zärtlichkeit behandelt wie in alten Tagen, was mir natürlich sehr lieb ist, aber mitten in meinem Glück mich doch auch schmerzlich berührt. Was mich angeht, so besteht die ganze Differenz darin, daß ich im Sommer viele viele Male nicht eine Stunde geschlafen hatte und daß ich jetzt in der angenehmen Lage bin, wieder 8 Stunden oder in besonderen glücklichen Nächten auch noch eine mehr schlafen zu können. So habe ich denn auch wieder die Kraft heiter zu sein und mich der Heiterkeit andrer freuen zu können. Nichts hat sich geändert, mit Ausnahme des Kraftmaßes mit dem ich so zu sagen frühmorgens ins Feld rücke. Mein Charakter ist unverändert geblieben, ich bin, wenn Egoist, noch gerade so egoistisch wie früher, ich bin auch nicht heldenmäßiger geworden, ich kann nur wieder schlafen und konnte es im Sommer nicht. Meine Widerstandskraft war hin, das war mein ganzes Verbrechen, darum Räuber und Mörder«.
Es spiegelt sich hier ein Konflikt wider, der bei endogenen Depressionen häufig ist: Die Angehörigen betrachten das, was eigentlich Krankheit ist, als Charakterdefekt. Sie erheben daher Vorwürfe und appellieren an den Willen. Der Kranke wird durch solches Fehlverhalten, verbunden mit zeitweiligem Entzug von Liebe und Zärtlichkeit, »schmerzlich berührt«. 
Natürlich hat Fontane gewußt, daß ihn auch die Medizin seiner Zeit in seiner Krankheit im Stich lassen mußte. Im Brief an Friedlaender vom ıo.]anuar 1893 erinnert er sich der eigentlich angenehmen äußeren Bedingungen seines Sommeraufenthaltes 1892 und fährt dann fort: »Trotzdem war es wochenlang so schrecklich, daß mir die Stätte verleidet ist. Ich schiebe die Hauptschuld auf den ärztlichen Satz: ›Ich sei nur nervenkrank, alle solche Kranke ließen sich gehn und quälten in egoistischer Weise ihre Umgebung, weshalb solche Kranke scharf angcfaßt werden müßten; bei gutem Willen heilten sie sich (auf rnoralischeın Wege) selber. Es ist möglich, daß solche Sätze auf viele derartige Kranke passen, auf mich paßten sie nicht. Ich mußte ganz anders behandelt werden und hatte den vollsten Anspruch darauf. Auf Mohrenwäsche lasse ich mich übrigens nicht ein, es mag also bei der alten Anschauung verbleiben; nur dazu gebe ich mich nicht her, diese
Anschauung auch meinerseits zu theilen«. Den »ärztlichen Satz« versieht er noch mit einer Fußnote: »Der vorcitirte Satz rührt nicht von [Dr.] Wille her, sondern ist die ganz allgemeine Auffassung, ich bestreite diese auch nur in Anwendung auf jeden Einzelfall«. Und wenn dann im Brief vom 12. Mai 1893 (wieder an Friedlaender) das Wort »grausam« fällt, dann erinnern wir uns der »elektrischen Behandlung«, der Mitteilung der Fehldiagnose ››Hirnanämie « an den Schwerkranken,  der drohenden Abschiebung in eine ››Nervenheilanstalt« und der "drastischen" Äußerung des behandelnden Arztes Dr. Wille. »Auf meinen Spaziergängen im Thiergarten steigt dann auch der vorige Sommer als Gesammtbild wieder vor mir auf. [. . .] Was ich damals in vielen Gesprächen mit Ihnen nur vermuthungsweise ausgesprochen habe, das steht mir jetzt ganz fest: die ganze Behandlung war falsch, schablonenhaft, grausam. Es ist gewiß ganz richtig, daß es bei Nervenkranken einen hochgradigen Kranken-Egoismus giebt, ich habe diesen Kranken-Egoismus aber sicherlich nicht gehabt, sondern habe mich umgekehrt in dieser schweren Zeit besser benommen, als zu irgend einer andern Zeit. «"

Mittwoch, 12. Juli 2017

Nasses Stroh

Durch Zufall bin ich auf folgendes Buch gestoßen:
Horst Gravenkamp: „Um zu sterben muss sich Herr F. erst eine andere Krankheit anschaffen“,
Wallstein Verlag, Göttingen 2004 ISBN 9783892447009,
Broschiert, 144Seiten, 16,00 EUR
Leider kostet es inzwischen das Doppelte und wird nicht nach Österreich geliefert, aber irgendwie werde ich schon daran kommen, zur Not über eine Freundin in Heidelberg.
Hier eine Besprechung: 
„Ich bin von dem allem so sehr durchdrungen, dass ich darüber, am liebsten in einer Medizinischen Zeitschrift, mich auslassen möchte, um vor groben Fehlern zu warnen; ich habe aber nicht mehr die Kraft dazu und muss hoffen, dass sich über kurz oder lang statt meiner ein Andrer findet.“ So beklagt sich Fontane darüber, dass die von ihm selbst so tief empfundene seelische Erkrankung im Jahr 1892 weder von seinen Ärzten noch von seiner Umgebung erkannt wurde. Horst Gravenkamp holt dieses Versäumnis nun nach. Anhand der Quellen, auch bisher ungedruckter, und unter Berücksichtigung der Schriften des Professors Ludwig Hirt, der Fontane 1892 untersucht hat, kommt Gravenkamp zu dem Schluss, dass der Schriftsteller unter einer endogenen Depression litt. Diese seelische Störung aus körperlicher Ursache war für Fontanes Ärzte noch nicht erkennbar. Gravenkamps Diagnose stützt sich auf frühere gleichartige Störungen, für die sich Hinweise in Werken und Briefen finden, und auf die Familienanamnese.

Der ausgebildete Internist und ehemalige Gutachter Landesmedizinaldirektor a.D., Dr.med. Horst Gravenkamp nimmt sich seiner literarischen Heroen mit dem Blick des Diagnostikers an.
Warum Fontane? Er ist in vielfacher Hinsicht ein dankbares Objekt: manischer Brief- und Tagebuchschreiber, akribischer Selbstbeobachter, durch die Apothekerlehre zugleich medizinisch vorgebildet, aber ein Mann der biedermeierlichen Medizin geblieben, der noch der antiken Vier-Temperamente-Lehre anhing und relativ wenig von den medizinischen Umbrüchen seiner Zeit mitbekam. Vor allem aber gilt uns an der Schwelle zur überalterten Gesellschaft stehend Theodor Fontane als leuchtendes Beispiel einer kraftvoll-schöpferischen Existenz bis ins hohe Alter hinein.

Fontane selbst sah das anders. Schon zum 60. Geburtstag überfielen ihn Anwandlungen von Nutzlosigkeit, das Gefühl, ein gebrechlicher Mann geworden zu sein. Eine Einschätzung, die sich von da an regelmäßig wiederholte. Seine Selbstwahrnehmung weicht dabei krass von der heutigen medizinischen Beurteilung ab. Wenn Fontane als Siebzigjähriger klagt, nicht mehr schnell genug die Treppe (65 Stufen) hoch zu kommen und bloß mehrstündige - statt ganztägige - Wanderungen durch die Mark Brandenburg unternehmen zu können, dann attestiert ihm Horst Gravenkamp „außerordentlich günstige Ergebnisse“ in seiner Altersgruppe. Intuitiv scheint der Dichter dies sehr wohl gewusst zu haben, denn seine steif gewordenen Generationsgenossen nannte er spöttisch „Rückenmärker’’ und zählte sich durchaus nicht zu ihnen.

Doch Fontanes Gebresten - ewige Klagen über Krankheit und totale Arbeitsunfähigkeit - lagen auch nicht auf rein somatischem Gebiet. Horst Gravenkamp rekonstruiert, von der längsten Lebens- und Schaffenskrise im Jahre 1892 ausgehend, eine endogene Depression. „Endogen“ heißt, dass es nicht an mangelnder Willenskraft gelegen hat, wenn Fontane das dunkle Seelental monatelang nicht verlassen konnte, sondern an bis heute nicht ganz verstandenen körperlichen Ursachen. Für die Medizin seiner Zeit war dies ein Buch mit sieben Siegeln, es gab falsche Schuldzuweisungen bei gleichzeitig unwirksamen Therapien.

Fontane hatte Glück im Unglück, widersetzte sich manch ärztlichem Rat und merkte instinktiv, dass die oft verordnete Ruhe kontra indiziert war, weil sie die Verzweiflungsschleifen der Depression noch vertiefte. Zusätzlich zu den inneren Leiden litten die Kranken an mangelndem Sozialprestige. Ihre Krankheit wurde als Simulantentum bewertet, wie der Titel gebende Ausspruch eines Arztes andeutet: „Um zu sterben, muss sich Herr F. erst eine andere Krankheit anschaffen.“ In der Fremdwahrnehmung, nämlich im Falle seiner ebenfalls depressiven Tochter Mete, hat es Fontane freilich ähnlich gesehen.

Eine verzweifelte Liebesgeschichte kommentiert er sarkastisch: „Wo dergleichen vorkommt, da fehlt entweder eine Schraube oder sie ist an bestimmter Stelle überschraubt.“ Gestorben ist der Dichter wirklich an einer anderen Krankheit, freilich nicht an jener, die er zeitlebens mit Verve bekämpfte: Kein Tag, scheint es, an dem Theodor Fontane nicht erkältet gewesen wäre.


Zugluft als biographisches Dauerthema, und der riesige Schal, der das ganze Gesicht vermummte, macht Fontane nicht nur im feuchtkalten London, sondern auch in Berlin zum Gespött der Passanten.
Die schließlich letale Herzkrankheit findet dagegen kaum Erwähnung. Als Erklärung greift Horst Gravenkamp auf den Demutsbegriff des 19. Jahrhunderts zurück, in dem die Medizin gegen Koronarerkrankungen nichts tun konnte: „Es gibt so vieles“, schrieb Fontane an seine Tochter, „dem wir machtlos gegenüber stehen und dies, wenn es das Schrecklichste wäre, muss mit möglichst guter Manier getragen werden.“ So starb der greise Dichter im September 1898 manierlich am unausweichlichen Herzstillstand - und nicht an einem Schnupfen.

Für den Schriftsteller Theodor Fontane (1819 bis 1898) galt ein Grundsatz: „Krankheitsgeschichten sind langweilig.“ -  Krankheiten spielen deshalb in seinem Werk kaum eine Rolle. Anders in seinem Leben: Fontane hatte nicht nur seit seiner Jugend einen Herzfehler, sondern durchlitt auch mehrfach Phasen schwerer Depressionen, die seine Schaffenskraft komplett lahm legten. Dies hat der Göttinger Mediziner Horst Gravenkamp ermittelt. Anhand von Briefen und anderen zeitgenössischen Quellen sowie mit Hilfe einer Familienanamnese hat er die Krankheitsgeschichte des Schriftstellers untersucht. „Mann des ewigen Cachenez“ wurde Theodor Fontane genannt, weil er stets in einen Schal gehüllt war
(Aquarell von August von Heyden). 
Der Mediziner behielt zwar damals mit seiner Prognose Recht, denn der Romancier starb erst sechs Jahre später durch Herzstillstand. Doch welche akute Krankheit den Schriftsteller in dieser Zeit quälte, erkannte er ebenso wenig wie die anderen Ärzte, bei denen Fontane in Behandlung war.
Der Titel seines Buches - „Um zu sterben muß sich Herr F. erst eine andere Krankheit anschaffen“ - ist das Zitat eines Arztes, der Fontane im Jahr 1892 während einer lang andauernden Krankheitsphase behandelt hatte. Mehrere Monate lang litt Fontane unter einer ihm unerklärlichen Mattigkeit, Apathie, Antriebsschwäche, Freudlosigkeit, Gefühlsverarmung, Schlafstörungen und einer fast totalen Willenslähmung. Der sonst so umtriebige Autor und geistvolle Plauderer war nicht wiederzuerkennen. Welche Krankheit ihn so beeinträchtigte und veränderte, wußte Fontane nicht.
Ende des 19. Jahrhunderts sei die medizinische Forschung noch nicht in der Lage gewesen, die Krankheit richtig zu diagnostizieren, berichtet Gravenkamp. Heute sei das Krankheitsbild bekannt:
Sowohl die Symptome als auch der Verlauf der Erkrankung seien typisch für eine endogene Depression.
Depressive Phasen hatte Fontane auch schon früher gehabt, etwa 1858 bei seinem Aufenthalt in England. Er fand für seinen Zustand ein prägnantes Bild: „Ich bin wie nasses Stroh, die besten Zündhölzer wollen nicht recht helfen - es brennt nicht.“ Auch eine andere Äußerung Fontanes weist nach Gravenkamps Ansicht auf die Kardinalsymptome der endogenen Depression hin: „Wenn ich meinem Arzte ein Bilde meines Zustandes geben sollte, ich könnte ihm nichts andres sagen als wie - der innerliche Mensch ist gelähmt.“ 
Auch Fontanes Tochter Martha (Mete) habe vermutlich unter einer manisch-depressiven Erkrankung gelitten, berichtet Gravenkamp. Fontane bezeichnete das Leiden seiner Tochter als „Nervenpleite“.
Fontane empfand die „Trübsinns-Apathie“, die ihn mehrfach befiel, vor allem deshalb als bedrohlich, weil sie seine Schaffenskraft lähmte. Seinen Herzklappenfehler, Folge eines rheumatischen Fiebers in seiner Jugend, nahm er dagegen als Schicksal hin, das er „in guter Manier“ ertrug. Gegen andere Krankheiten versuchte er sich jedoch mit aller Macht zu wehren.
Der Romancier hatte eine ständige Angst vor Zugluft und Erkältungen. Zu jeder Jahreszeit war er deshalb in einen Schal gehüllt, um sich vor Schnupfen und Husten zu schützen. Wegen dieses Spleens galt er als „Mann des ewigen Cachenez“. Seine Furcht vor Erkältungen ging so weit, daß er sie auch in seinen Werken thematisierte und damit gegen seine eigenen Grundsätze verstieß. So kommen mehrere seiner Romanfiguren durch eine Erkältung zu Tode. Effi Briest ist das berühmteste Beispiel: Sie wird am Ende durch „die Nachtluft und die Nebel, die vom Teich her aufstiegen“, auf das Krankenlager geworfen und stirbt.

(Heidi Niemann)
________________________
Ein weiterer Ausspruch von Th. F.: "Oh diese Ventilationsenthusiasten!"

Dienstag, 13. Juni 2017

McGuffin III

 "Es geht nicht ohne Hilfskonstruktionen"
Th. Fontane
"...wer immer in einer Wüste Sahara lebt, der kann ohne Fata Morgana mit Palmen und Obelisken und all dergleichen gar nicht existieren. Fata Morgana, sag’ ich. Wenn es dann, wenn man näherkommt, auch nichts ist, so hat man doch eine Stunde lang gelebt und gehofft und hat wieder Courage gekriegt und watet gemütlich weiter durch den Sand. Und so sind denn die Bilder, die so trügerisch und unwirklich vor uns gaukeln, doch eigentlich ein Glück"
Th. Fontane, Die Poggenpuhls 
"Eigentlich ist es ein Glück, ein Lebenlang an einer Sehnsucht zu lutschen; einige sagen ja sogar, das ganze Leben sei nur dazu da, sich das Ferne, das Unbestimmte zu wünschen."

Th. Fontane 

🌄

Das Leben als einen einzigen https://de.wikipedia.org/wiki/MacGuffin zu betrachten und nicht zu verzweifeln, das ist wahre Lebenskunst.

http://www.openculture.com/2013/07/alfred-hitchcock-explains-the-plot-device-he-called-the-macguffin.html

Dienstag, 23. Dezember 2014

Differenzieren

...war in der Schule meine Sache nicht, habe es nie richtig begriffen. Umso mehr liebe ich es im richtigen Leben.

Christi Gebot: "Deine Rede sei Ja, ja, Nein, nein" kann ich nicht befolgen, denn ich betrachte leidenschaftlich gern auch die "andere Seite". Also: "Ja /Nein, aber....".

So eine Einstellung bringt natürlich jene Leute zur Verzweiflung, die gerne den Ton angeben, jede Art von Chef sowieso.

Ich halte es auch hier mit Th. Fontane (dem man ja auch "Ambivalenz" vorwirft):
"Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gäbe, wären sie langweilig"
(Aus "DerStechlin")

und:
"Personen, denen irgend etwas absolut feststeht, sind keine Genossen für mich; nichts steht fest, auch nicht einmal in Moral und Gesinnungsfragen und am wenigsten in sogenannten Tatsachen. Ein leidlich gescheites Individuum kann eigentlich gar nicht fanatisch sein."

Montag, 26. August 2013

Alt und Neu

 „Einen Brunnen graben just an der Stelle,wo man gerade steht. Innere Mission in nächster Nähe, sei’s mit dem Alten, sei’s mit etwas Neuem.‘ — ,Also mit dem Neuen‘, sagte Woldemar und reichte seinem alten Lehrer die Hand. —Aber dieser antwortete: ,Nicht so ganz unbedingt mit dem Neuen. Lieber mit dem Alten, soweit es irgend geht, und mit dem Neuen nur, soweit es muß.“

Th. Fontane, der Stechlin

Donnerstag, 20. September 2012

Sonnenanbetung

"Von allen Religionen die fernste ist mir die Sonnenanbetung" 

schrieb Th. Fontane,
und an anderer Stelle sinngemäß von der positiven Wirkung eines Regentages (mit Matsch auf den Strassen) auf das Gemüt...finde die Stelle leider nicht wieder.

Dienstag, 12. Juni 2012

Nachtrag zu Grass

Die Reaktionen auf Grassens Israelgedicht erinnern mich daran, wie die holländischen Zeitungen damals über Fontane herfielen, als er es in seiner Ballade "Die Balinesenfrauen von Lombok" wagte, die christlich verbrämte imperiale Kolonialpolitik ("Kattun-Christentum") zu kritisieren:
Der Tenor der Kritik war auch damals, dass das Gedicht einfach schlecht sei.
Na ja - und mit schlechten Gedichten braucht man sich ja inhaltlich gar nicht beschäftigen.

Freitag, 18. Dezember 2009

Humorvolle Resignation

"Ich kann mir keine angenehmere Einstellung zum Leben denken als eine humorvolle Resignation"
W.S.Maugham.
-------
Querbeziehung zum alten Fontane und zu Montaigne!

Donnerstag, 18. Juni 2009

Fortpflanzung

"...Durschschnittsmenschen glauben sich so schnell wie möglich verewigen zu müssen, damit die Herrlichkeit nicht ausstirbt."
Fontane, Stechlin

Mittwoch, 2. Juli 2008

Humor & Leben

"Der Humor hat das Darüberstehen,das heiter-souveräne Spiel mit den Erscheinungen dieses Lebens,auf die er herabblickt, zur Voraussetzung."

"Kunst des Lebens -Leicht zu leben, ohne Leichtsinn,heiter zu sein, ohne Ausgelassenheit,Mut zu haben, ohne Übermut."

Th. Fontane

Sonntag, 22. Juni 2008

Rechner

"Wer rechnet, ist immer in Gefahr, sich zu verrechnen. Die einfache dumme Kuh trifft immer das richtige Gras."

Th. Fontane in einem Brief an O. Brahm

"Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr."

Mephistonheles in Goethe, Faust