Freitag, 23. Februar 2018

Ärgernis

"Das öffentliche Ärgernis ist ein Teil der Öffentlichkeitsarbeit unserer Künstler."
A. Brandstetter

Ob er dabei an Thomas Bernhard gedacht hat?

Mittwoch, 21. Februar 2018

Schaden

"Benvenuto Cellini macht die vortreffliche Bemerkung, Schaden mache nicht klug, weil der neue sich immer unter einer verschiedenen Form ankündige. Dieses kenne ich recht gut aus eigner Erfahrung."
Lichtenberg

Das Böse ist ein Meister der Verkleidung, am liebsten trägt es die Maske des Guten.

Dienstag, 20. Februar 2018

Innviertler Zechen

Ein Text von Alois Brandstetter, Überwindung der Blitzangst.
Wie mir meine Mutter berichtet hat, haben mein Vater und seine Brüder als Söhne eines großen Bauern bei ihrer Zeche, den sog. "Stoabömlern" eine bedeutende aktive Rolle gespielt.
"Früher spielten im Leben der Innviertler die sogenannten Zechen eine wichtige Rolle. Es handelte sich bei den Zechen um Vereinigungen junger, heiratsfähiger Männer nach Art alter Blutsbruderschaften, Schutz- und Trutzbünden, deren Mitglieder einander durch Abstammung oder Ausübung desselben Berufes nahestanden, und die sich darüber hinaus durch einen Treueschwur fest zusammenschlossen.
Die Zechen traten vor allem auf Festen in Erscheinung, deren Verlauf sie in ihrer Art gestalteten. Es genügte, wenn ein Angehöriger einer fremden Zeche einem Einheimischen ein unrechtes Wort sagte oder auch nur ein Mädchen, über das eine andere Zeche die Hand hielt, um den Tanz bat, daß die Ehre der einen Zeche als verletzt galt und nach Genugtuung verlangte. Was dann zu geschehen pflegte, beschäftigte jahrein, jahraus die Bezirksgerichte von Ried im Innkreis, Braunau und Schärding. Wegen der Häufigkeit entsprechender Schlägereien und Händel warteten die Richter nicht selten die Rache einer unterlegenen Zeche auf dem nächsten Kirchweihfest ab, um mehrere Einzelaktionen zusammenfassen und im Zusammenhang verhandeln zu können. Waren die Urteile schließlich gesprochen, setzten die streitenden Parteien ihren Kampf oft gleich auf der Straße vor dem Gerichtsgebäude fort oder begannen ihn aufs neue, vor den Augen der Justiz. Von einem abgeschlossenen Verfahren oder einem beigelegten Streit konnte man unter diesen Umständen kaum sprechen. Vielmehr liefen Kampf und Rechtsprechung nebeneinander her, wobei wechselweise eins das andere hervorrief und weitertrieb. ·
Die Zechen kämpften im freien Stil miteinander. Es gab keine Konventionen, was das Arsenal der benützten Waffen betraf, wenn sich auch einzelne Zechen auf den Gebrauch bestimmter Instrumente und Praktiken spezialisiert hatten. So waren beispielsweise die Brüder der Zeche von Kopfing für den geschickten Umgang mit dem Krückerl, dem Kurzgeweih junger Rehe, bekannt und gefürchtet. Ihre Opfer sahen besonders übel aus. Bei anderen Zechen wieder stand das Schnappmesser, Veitel genannt, in Ansehen. Auch Schlagringe, ja selbst Dolche und Krummsäbel fanden Verwendung. Einige dieser Geräte konnten auf eine lange Tradition zurückblicken. und spielten bereits im Dreißigjährigen Krieg und in den Bauernkriegen eine Rolle im Brauchtum des Landes. Wenn der Kampf dem Höhepunkt zustrebte, wurde in der Regel alles eingesetzt, was gerade greifbar war, auch Geschirr, Bratpfannen, ausgehängte Fenster, abgeschlagene Henkel von Bierkrügen, der Handlauf des Stiegengeländers, Ofenrohre, Stuhlbeine, die Instrumente der Musikkapelle, Lampenschirme und Kruzifixe.
Ähnlich wie die Fehden der germanischen Männerbünde hatten auch die Schlägereien der Innviertler Zechen sakralen Charakter. Das fand nicht zuletzt seinen Ausdruck darin, daß die Tätlichkeiten von Flüchen’ und Verwünschungen· der Kontrahenten sowie von Seufzern und Stoßgebeten der zusehenden Mädchen begleitet wurden. Immer wieder wurden Jesus, Maria, Joseph und alle Heiligen angerufen, zwischendrein auch die Namen der im Kampf Liegenden. Wer jemals Zeuge dieser herzhaften bajuwarischen Liturgie war, der weiß, was die Theologen meinen, wenn sie von einer leidenden, einer streitenden und einer triumphierenden Kirche sprechen. Bis hin zum Zweiten Weltkrieg gestalteten die Zechen das gesellschaftliche Leben des Innviertels. Damals übertrug ein Sohn diese Landes ihren Stil auf die hohe Politik, womit er kein geringes Aufsehen in der Welt erregte." 
Nach dem zweiten Weltkrieg, also in meiner Kindheit, gab es noch Versuche, das Zechenwesen wieder aufleben zu lassen, aber es reichte dann eigentlich nur mehr zu Wirtshausraufereien. Ich kann mich noch erinnern, dass manchmal nach großen Bauernhochzeiten einige junge Männer in der Umgebung mit verbundenen Köpfen herumliefen. Übrigens hat Brandstetter eine der wichtigsten Waffen nicht erwähnt: Bier- bzw. Maßkrüge.

Mittwoch, 14. Februar 2018

Talkshow

 »Heutzutage kann niemand Stellung, Gesundheit, Jungfernschaft, Persönlichkeit oder den Verstand verlieren , ohne ein Buch darüber zu schreiben oder den Verlust in einer Talkshow zu bereden»
Thomas Cottle 1975

Kleine Schritte

Paul Watzlawick:
«Auch im Leben des Einzelnen scheint es nicht anders zu sein: Es sind kleine Schritte, nicht selten sogar unvorhergesehene Zufallsereignisse, die zum Ausgangspunkt wichtiger Neuentwicklungen werden können. (...) Die für viele Idealisten und Ideologen allzu bittere Pille ist: Wer das summum bonum anstrebt, setzt damit auch schon das summum malum.».
 .... und wie der englische Satiriker Samuel Butler gesagt haben soll: «Wer Gutes tun will, tue es in kleinsten Schritten; das allgemeine Gute ist die Ausrede der Patrioten, Politiker und Schurken.»

Watzlawick:
 «Alles, was sich entwickelt, wächst und blüht, geht eben in «kleinsten Schritten vor sich   - alle großen Änderungen sind katastrophisch. Nur kann man sich leider an kleinen Schritten schwer begeistern, während utopische Verheißungen zünden und die Massen in Schwung bringen».

Sonntag, 4. Februar 2018

Wahr ist

«Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners»

Heinz von Förster, Physiker

Samstag, 3. Februar 2018

Gedankenspiele

An meiner Seele mißfällt mir, daß sie das, was mir am meisten an ihr gefällt, ihre tiefsten und zugleich ausgelassensten Gedankenspiele nämlich, gewöhnlich unerwartet unternimmt, wenn ich also am wenigsten darauf eingestellt bin; so verflüchtigen sie sich plötzlich wieder, weil ich, sei es zu Pferde, bei Tisch oder im Bett, nichts zur Hand habe, um sie festzuhalten; vor allem zu Pferde, und gerade da schweifen meine Gedanken am weitesten. 
Montaigne

Donnerstag, 18. Januar 2018

Hypermoral

Man lese und staune: Diese beiden Artikel erschienen am 13. 1. 2018 im STANDARD, ja, im





Für den Fall, dass die Links nicht mehr gültig sind, hier ein paar Auszüge:
_______________________________________________________________________
Philosoph Alexander Grau: "Hier prallen Milieus aufeinander" INTERVIEW WALTER MÜLLER 14. Jänner 2018.
Der Philosoph Alexander Grau ortet in den westlichen Gesellschaften eine neue Lust an der Empörung, kombiniert mit einer meinungsbildenden "Hypermoral". Dies führe zu Vereinfachung, Ideologisierung – und letztlich Intoleranz. Mitunter bedarf es bloß eines Stichwortes, eines Namens, und das Netz fällt in Schnappatmung: #MeToo, Felix Baumgartner, Andreas Gabalier – und schon geht's rund in der Posting- und Twittercommunity. Der deutsche Essayist und Philosoph Alexander Grau ortet etwas Genüssliches an diesem Phänomen der kollektiven Erregung, eine "Neue Lust an der Empörung". Alexander Grau befindet, eine "Hypermoral" habe Platz gegriffen, und dieser "Hypermoralismus" sei zu einer Leitideologie, zum meinungsbildenden Monopol geworden.
 "Alle anderen Erwägungen werden diskreditiert, sogar technische, wissenschaftliche oder ökonomische Probleme werden zu moralischen Fragen umgedeutet." Der moralische Diskurs verfüge über ein "enormes Emotionalisierungspotenzial". Indem er Gefühle mobilisiere, entlaste er zugleich vom Nachdenken. Moralische Normen bildeten "das Wohlfühlbecken, in dem die Seele des modernen Menschen munter planscht". Und dieser grassierende Moralismus trage nicht nur zu einer intellektuellen Vereinfachung, sondern auch zu einer "extremen Ideologisierung" bei.
.....Manche Soziologen gehen davon aus, dass sich unsere westlichen Gesellschaften weiter tribalisieren: also sich zu Stämmen rückorganisieren, wobei diese "Stämme" dann keine Stämme im gewöhnlichen Sinne sind, sondern Milieus, die anhand ökonomischer, kultureller, weltanschaulicher, ästhetischer oder religiöser Merkmale Cluster bilden. Wie friedlich solche tribalisierten Gesellschaften sind, wird erheblich vom Wohlstand abhängen. Unter ökonomischem Druck werden solche Gesellschaften sehr schnell unfriedlich, die Empörungsschraube zieht enorm an. Wohlstand hingegen macht tolerant und liberal. Allerdings steht zu befürchten, dass vor dem Hintergrund der auf uns zukommenden ökonomischen Wandlungsprozesse die soziale Unzufriedenheit steigen wird.  
 ....................
Nur Intellektuelle glauben, dass Intellektuelle die Welt verändern.
.....................
Gesellschaften, die traditionellen Moralvorstellungen verpflichtet sind, neigen zu einem Ethos, zu persönlicher Zurücknahme und Entsagung. Die Alltagsmoral war stark bestimmt von einer Haltung des Verzichts. Das darf man nicht verklären. Das war auch Ausdruck des ökonomischen Mangels und einer Klassengesellschaft, in der eben 90 Prozent der Menschen in einer dienenden Funktion waren. Unsere moderne Wohlstandsgesellschaft hat sich von diesem Ideal des Dienens und Verzichtens entfernt. Nicht in der Aufopferung erkennt der Mensch der Moderne seine Erfüllung, sondern in der Selbstverwirklichung. Das idiosynkratische Leben selbst wird zum Ideal und erfordert eine Moral der Offenheit. Niemand darf ausgegrenzt werden, die Selbstverwirklichungsgesellschaft hat alles zu tolerieren. Wer dem widerspricht, hat mit massiven Sanktionen zu rechnen. Ein durchaus autoritärer Zug. 
Noch bis vor wenigen Jahrzehnten bestanden sehr rigide Vorstellungen davon, wie man sich zu benehmen hat. Man nannte das Erziehung. Mit dieser Vorstellung moralischer Sittlichkeit hat die Kulturrevolution der 1960er- und 70er-Jahre aufgeräumt. Traditionelle Moralvorstellungen galten plötzlich als spießige Einengung und Ausdruck autoritärer, emanzipationsfeindlicher Herrschaftsstrukturen. Doch niemand möchte ohne Moral leben. Menschen brauchen eine normative Orientierung. Und die Gewissheit, zu den Guten zu zählen.  Die Moral wurde einfach aus dem Privaten ins Politische entsorgt, damit wurde zugleich das Politische moralisch. Insbesondere im Milieu der progressiven Linksliberalen ersetzte man die traditionelle Sittlichkeit durch einen abstrakten Humanismus, besser: Humanitarismus. Der hat einen erheblichen Vorteil: Seine moralischen Normen haben mit der persönlichen Lebensführung wenig zu tun. Er erlaubt es, hedonistisch und zugleich hoch moralisch zu leben, denn schließlich bin ich für Nachhaltigkeit, gegen Ausbeutung, für soziale Gerechtigkeit und gegen Diskriminierung. Das kostet weder Mut noch persönliche Anstrengungen. Gerade deshalb ist es so reizvoll. 
____________________________________________________________________
Der Terror der TugendboldInnen 
ESSAY CHRISTOPH PRANTNER 14. Jänner 2018
Reflexe statt Gedanken, Borniertheit statt Differenzierung, Infantilität statt Intellektualität: wie gut gemeinte ideologische Patronage den Menschen das Denken und die Freiheit austreiben will............. Die ruhige, unvoreingenommene Diskussion von Sachverhalten, das Denken als Diskurs – beides scheint nicht mehr mehrheitsfähig zu sein. Stattdessen wird in intellektuellen Armenspeisungen mit der großen Kelle ein wohlfeiler "Humanitarismus" ausgegeben, der niemandem wehtut, am wenigsten dessen eifrigen Proponenten selbst. Sich "betroffen" machen, ein ausgeprägter Opfernarzissmus grassiert allenthalben. Denn wer sich selbst "betroffen" macht, stellt die eigene Position außer Zweifel. Dass tatsächliche Opfer dadurch zumindest beschämt werden könnten, ist ein leichtfertig in Kauf genommener Kollateralschaden. Wo verurteilt statt abgewogen wird, darf man eben nicht zimperlich sein. Immerhin dient die sportlich angetragene Selbstgerechtigkeit ja einem durchaus erstrebenswerten Ziel, nämlich der Komplexitätsreduktion in einer weitgehend unüberschaubar gewordenen Welt. Auf den allerkleinsten Nenner gebracht könnte das wohlmeinende Motto dieser moralischen Patronage lauten: Kinderchen, lasst euch doch an der Hand nehmen, wir führen euch unbeschadet durch das finstere Tal des Lebens. Flugs wird die Ideologie Einzelner so zur allgemeinen Moral erklärt. .... Dass in einer solchen Wahrnehmungsmatrix jeder Versuch der Differenzierung zwingend zum moralischen Makel werden muss, steht im kleingedruckten Teil des Lebens, den die eifrigen TugendboldInnen nicht gelesen haben. Und so kommt es, wie es kommen muss: Mit reflexhafter Borniertheit und blindwütigem Furor versuchen sie, den Menschen die Freiheit auszutreiben – die Freiheit, anders zu denken, andere Positionen einzunehmen, und, das ist ein wesentliches Merkmal des Erwachsenwerdens, die Freiheit, Ambivalenzen und Unzulänglichkeiten gegen den Terror der Eindeutigkeit auszuhalten. 
_____________________________________________________________________
Ich fürchte nur, dass gerade bei Standard-STANDARD-Lesern das alles verlorene Liebesmüh' ist, weil bei ihnen Selbstkritik zur Selbstaufgabe führt. So bleibt ihnen das verwehrt, was E. Fromm so beschreibt:
„Ein Mensch empfindet zum ersten Mal, daß er eitel ist, daß er Angst hat, daß er hasst, während er in seinem Bewußtsein geglaubt hatte, bescheiden, mutig und liebevoll zu sein. Die neue Einsicht schmerzt ihn vielleicht, aber sie öffnet eine Tür; sie ermöglicht ihm, ein Ende damit zu machen, auf andere das zu projizieren, was er in sich selbst verdrängt.“