Samstag, 23. September 2017

Existenzanalyse

Viktor E. Frankl:

Die Existenzanalyse stellt, angesichts der tatsächlichen Vergänglichkeit alles Seins, folgende Behauptung auf: Vergänglich sind eigentlich nur die Möglichkeiten, die Chancen zur Wertverwirklichung, die Gelegenheiten, die wir zum Schaffen oder zum Erleben - oder zum Leiden (nämlich zum rechten Leiden, zum aufrechten Leiden von wirklich Unabänderlichem, von echt Schicksalhaftem) haben: sobald wir diese Möglichkeiten jedoch verwirklicht haben, sind sie nicht mehr «vergänglich», vielmehr sind sie «vergangen››, sie sind vergangen – und das will heißen: eben in ihrem Vergangensein «sind›› sie. Denn gerade in ihrem vergangensein sind sie ja aufbewahrt, und nichts kann ihnen mehr etwas anhaben, nichts kann mehr das, was einmal geschehen, was einmal vergangen ist, aus der Welt schaffen: einmal vergangen, ist es vergangen ein für allemal und «für alle Ewigkeit» (>>Fußnote am Ende des Textes),
Jetzt sehen wir aber auch, daß und wie die Existenzanalyse dem Pessimismus des existenzphilosophischen reinen Gegen­wartsaspekts einen Optimismus der Vergangenheit entgegenhält. Ich habe die Frage, wie sich ein «Optimist der Vergangenheit» zum Pessimisten verhält, einmal an folgendem Gleichnis klar­zumachen versucht: Der Pessimist gleicht einem Manne, der vor einem Wandkalender steht und wehmütig zusieht, wie dieser Kalender - von dem er täglich ein Blatt abreißt - immer schmächtiger und schmächtiger wird. Der Optimist hingegen gleicht einem, der das Kalenderblatt, das er jeweils entfernt, fein säuberlich auf die bisher abgenommenen Blätter legt, sich auf der Rückseite Notizen macht darüber, was er an diesem Tage getan oder erlebt bat, und nicht ohne Stolz auf die Gesamt­heit dessen zurückblickt, was da alles in diesen· Blättern fest­gelegt - was alles in diesem Leben «festgelebt» ist.
Bedenken Sie doch nur einmal, was solch ein Gesichtspunkt gegenüber dem Vergangensein - wobei wir ja von nun an immer den Akzent auf «Sein» setzen! - praktisch, im Leben des Men­schen, bedeuten kann. Stellen Sie sich doch bloß einmal vor, eine Kriegerwitwe wäre verzweifelt und hielte ihr künftiges Le­ben für sinnlos, eben weil sie ihren Mann verloren und vielleicht nur ein einziges Jahr des Eheglücks erlebt hat. Was muß es ihr doch bedeuten, zu hören und zu wissen, daß sie immerhin die­ses Jahr reinen Glücks «hinter sich gebracht» hat, daß sie es hineingerettet hat ins Vergangensein, wo es geborgen ist «für alle Zeit», und daß ihr nichts und niemand mehr die Tatsache, es eben nun einmal erlebt zu haben, nehmen kann.
Nun könnte einer fragen: Wer wird nach dem Tode dieser Frau die Erinnerung an ihren Mann und an ihr Glück «leben­dig» erhalten? Dazu wäre nun folgendes zu sagen: Ob sie oder überhaupt jemand erinnernd daran zurückdenkt oder nicht, das ist ebenso unwesentlich, wie es unwesentlich ist, ob wir an etwas, was neben uns noch besteht, denken oder auf es hinblicken, oder nicht: es besteht unabhängig von unserem Bewußtsein und von dessen Zuwendung zu ihm, und so besteht nicht nur alles unabhängig von unserer subjektiven Hinwendung, sondern eben­so unabhängig besteht es auch fort. Freilich «nehmen wir nichts ins Grab mit»; aber ist die Totalität des Le­bens, das wir gelebt haben und im Sterben eben fertiggelebt haben, ist diese Totalität nicht etwas, was außerhalb aller Grä­ber bleibt, und außerhalb ihrer eben auch bleibt? Und nicht nur trotz der Vergänglichkeit bleibt, sondern eben gerade in seinem Vergangensein aufbewahrt bleibt?
   Nun, vergänglich ist alles. Gebe sich niemand der Illusion hin, daß etwa ein leibliches Wesen, das leibhafte Kind, das wir in die Welt gesetzt haben, weniger vergänglich sei als vielleicht ein großer Gedanke oder die große Liebe - der jenes Kind ent­sprungen sein mag. Vergänglich ist all dies gleichermaßen. «Das Leben des Menschen währet siebzig· Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig, und wenn es köstlich war, . dann ist es Mühe und Arbeit gewesen.» Nun: der «große Gedanke» dauert, in der Zeit, vielleicht sieben Sekunden; und wenn er gut war, dann hat er die Wahrheit enthalten. Aber vergänglich ist er, der große Gedanke, genau so und nicht mehr als das kleine Kind oder die große Liebe; vergänglich ist alles.
Aber auch ewig ist alles. Und nicht nur das, sondern es ver­ewigt sich auch ganz von selbst. Darum brauchen wir uns gar nicht darum zu kümmern, daß «wir» es verewigen; sobald wir es nur einmal «gezeitigt» haben, sobald es von unserem Leben «gezeitigt» wurde, - verewigen tut es sich schon von selbst. Wir haben also nicht darum Sorge zu tragen, daß etwas verewigt werde; aber umso mehr tragen wir Verantwortung - Verant­wortung dafür, was alles da verewigt wird, indem es eben von uns gezeitigt wird.
Ins Protokoll der Welt «aufgenommen» wird alles, unser gan­zes Leben, all unser Schaffen, Lieben und Leiden; aufgenom­men wird es in dieses Protokoll und «aufgehoben», aufbewahrt bleibt es in ihm. Und das Protokoll der Welt ist unverlierbar; das macht den Trost und unsere Hoffnung aus. Aber es ist nicht nur unverlier­bar, sondern auch unkorrigierbar, und das ist eine Warnung und eine Mahnung an uns. Denn wenn wir sagten, daß sich nichts Vergangenes aus der Welt schaffen lasse, bedeutet das nicht eine Mahnung, es eben in die Welt zu schaffen? Und jetzt zeigt sich, daß wir nicht nur dem existenzphilosophischen Pes­simismus (der Gegenwart) einen Optimismus der Vergangenheit entgegensetzen konnten, sondern, daß wir auch, gleichzeitig da­mit, dem quietistischen Fatalismus (der Zeitlosigkeit) einen Ak­tivismus der Zukunft gegenüberstellen könnten. Denn gerade angesichts der «ewigen» Aufbewahrtheit des Seins im Vergan­gensein wird nun alles darauf ankommen, was wir, in der Gegen­wart, imAugenblick, in dieses Vergangen-Sein «hineinschaffen».
Aber was ist eigentlich dieses «Schaffen ins Sein», in dieVer­gangenheit? Es ist letztlich ein Schöpfen aus dem Nichts - aus dem Nichts der Zukunft. Und jetzt verstehen wir auch, warum alles Sein so vergäng­lich ist, warum alle Dinge so flüchtig sind: Alles ist «flüchtig» - weil es auf der Flucht ist. Auf der Flucht vor dem Nichts der Zukunft in das Sein der Vergangenheit. Wie in einem horror vacui, einem Schrecken vor dem Nichts fürchtet alles das Nichts der Zukunft, flüchtet vor diesem Nichts, und stürzt in die Ver­gangenheit und in ihr Sein. Aber vor dem «Engpaß» der Gegen­wart - da staut es sich und drängt es sich, und da «harrt alles der Erlösung» ... Der Erlösung, die ihm zuteil wird, indem es - als Ereignis - im Vergehen eingeht ins Vergangensein oder - als unser Erlebnis und unsere Entscheidung - von uns eingelassen wird in die Ewigkeit.
Der Engpaß der Gegenwart, diese enge Stelle, die vom Nichts der Zukunft hinüberführt ins (ewige) Sein der Vergangenheit, ist nun, als Grenzfläche zwischen dem Nichts und dem Sein, zu­gleich die Grenzfläche - der Ewigkeit. Daraus ergibt sich aber nicht weniger als daß die Ewigkeit, als begrenzte, eigentlich eine endliche Ewigkeit ist. Sie reicht jeweils nur bis zur Gegenwart heran. Bis zu jener Gegenwart, in der wir entscheiden, was da Einlaß findet in die Ewigkeit. So ist diese Grenzfläche der Ewig­keit, diese Grenzfläche zwischen dem Nichts der Zukunft und dem Sein der Vergangenheit, in einem damit jene Stätte, auf der in jedem Augenblick die Entscheidung fällt, was als von uns Gezeitigtes sich von selber verewigt.
Und nun sehen wir ein weiteres: Wenn man im alltäglichen Sinne von Zeitgewinn spricht, dann denkt man immer an einen Gewinn von Zeit durch Hinausschieben in die Zukunft. Wir aber wissen jetzt: wir «gewinnen Zeit» - wir gewinnen «an» Zeit, oder wir gewinnen die Zeit «für uns», indem wir etwas, statt es in die Zukunft hinauszuschieben, gerade umgekehrt in die Vergangenheit hineinretten.
Wie ist es nun aber, wenn die Sanduhr, die uns so lange als Gleichnis gedient hat, ausgeronnen ist? Wie ist es also, wenn - die Zeit verronnen ist? Wenn das Dasein demnach «geronnen ist», wenn es zur Endgültigkeit gerinnt? Dies ist der Fall im Tode.
Im Tode ist alles immobil geworden, nichts ist disponibel; dem Menschen steht nichts mehr zur Verfügung - kein Leib und keine Seele mehr ist ihm da verfügbar: es kommt zum totalen Verlust des psychophysischen Ich. Was bleibt, ist nur noch das Selbst, das geistige Selbst. Der Mensch hat also nach dem Tode kein Ich mehr - er «hat» überhaupt nichts mehr, er «ist» nur mehr: eben sein Selbst.
Und wenn man behauptet, im Sterben sehe der Mensch, etwa der im Gebirge abstürzende Kletterer, sein ganzes Leben wie in einem Filmraffer in unheimlicher Schnelligkeit nochmals vor sich ablaufen, dann könnten wir jetzt sagen: im Tode ist der Mensch der Film selbst geworden. Er ist nunmehr sein Leben, sein gelebtes Leben; er ist seine eigene Geschichte, sowohl die ihm geschehene als die von ihm geschaffene. Und so ist er auch sein eigener Himmel und seine eigene Hölle, je nachdem.
So· gelangen wir aber auch zu der Paradoxie, daß die eigene Vergangenheit des Menschen die eigentliche Zukunft ist, die er zu gewärtigen hat (Der lebende Mensch hat Vergangenheit und hat Zukunft; der Sterbende hat keine Zukunft mehr, sondern nur mehr Vergangenheit, der Tote aber ist seine Vergangenheit.)
 Im Tode hat der Mensch zwar kein Leben, aber dafür ist er es. Und daß es das gewesene Leben ist, das er nunmehr «ist», das kann uns nun nicht mehr stören; wissen wir doch, daß das Gewesensein die sicherste Form von Sein über­haupt ist.
Dieses Gewesensein aber ist recht eigentlich ein Gewesensein im Sinne des Perfectum - und keineswegs mehr etwa des Im­perfectum. Denn das Leben ist ja jetzt vollendet - erst als voll­endetes «ist» es ja. Während also im Laufe der Zeit, im Verlauf des Lebens, ähnlich wie beim Hindurchlaufen der Sandkörner durch die enge Stelle der Sanduhr, immer aufs neue immer nur einzelne faits accomplis in die Vergangenheit eingehen, istjetzt, nach dem Tode, das ganze Leben, die Lebenstotalität, eingegan­gen ins Vergangensein - als par-fait accompli.
Aber dies führt uns zugleich zu einer zweiten Paradoxie, und einer doppelten noch dazu: Denn wenn wir davon sprachen, daß wir etwas in die Welt schaffen, indem wir es in das Sein der Ver­gangenheit hineinschaffen, dann ist es erstens der Mensch selbst, der sich in die Welt schafft, er setzt «sich selbst» in die Welt; und zweitens wird er nicht mit seiner Geburt in die Welt gesetzt, sondern er setzt sich selber in die Welt erst im Tode.
Wenn wir aber bedenken; daß es ja das Selbst ist, das er im Tode (selber) in die Welt setzt, dann werden Wir über diese Paradoxie nicht mehr erstaunt sein. Denn das Selbst «ist» ja eigentlich nicht, es «wird» doch immer erst. Es kann somit gar nicht anders «sein» denn als gewordenes, eben als fertig gewor­denes. Und fertig geworden ist es erst - im Augenblick des Todes.
Freilich, vom alltäglichen Menschen wird der Tod immer wieder mißverstanden. - Wenn der Wecker ratscht und uns aus dem Traum aufschreckt, dann erleben wir, noch im Traum be­fangen, den «Weckreiz» wie einen furchtbaren Einbruch in die Traumwelt, und wir wissen nicht, daß uns der Wecker zu un­serem eigentlichen Sein, zur Tagwelt aufweckt. Ergeht es nun dem Sterbenden nicht ähnlich? Erschrecken wir Sterbliche nicht ebenfalls vor dem Tode? Mißverstehen nicht auch wir, daß und inwiefern er uns zu einer eigentlicheren, realeren Realität un­serer selbst erweckt?
Und die zärtliche Hand, die uns aus dem Schlaf weckt - mag ihre Bewegung noch so zärtlich sein: wieder erleben wir nicht ihre ganze Zärtlichkeit, nein, wir empfinden sie wie einen schrecklichen Einbruch in unsere Traumwirklichkeit, sobald sie versucht, unseren Schlaf hinwegzuscheuchen; auch den Tod, der unser Leben fortnimmt von uns, erfahren wir im allgemeinen wie etwas Furchtbares, - das an uns geschieht, und wir ahnen kaum, wie gut er es mit uns meint.
Wir sagten vorhin, der Tod würde vom alltäglichen Menschen mißverstanden; das ist zu wenig gesagt: die Zeit wird miß­verstanden. Denn wie steht der durchschnittliche Mensch zur «Zeit»? Er sieht nur das Stoppelfeld der Vergänglichkeit - aber er sieht nicht die vollen Scheunen der Vergangenheit. Er will, daß die Zeit stillstehe, auf daß nicht alles vergänglich sei; aber er gleicht darin einem Manne, der da wollte, daß eine Mäh­- und Dreschmaschine stille steht und am Platz arbeitet, und nicht im Fahren; denn während die Maschine übers Feld rollt, sieht er - mit Schaudern - immer nur das sich vergrößernde Stoppelfeld, aber nicht die gleichzeitig sich mehrende Menge des Korns im Innern der Maschine. So ist der Mensch geneigt; an den vergangenen Dingen nur zu sehen, daß sie nicht mehr da sind; aber er sieht nicht, in welche Speicher sie gekommen. Er sagt dann: sie sind vergangen, weil sie vergänglich sind - aber er sollte sagen: vergangen sind sie; denn: «einmal» gezeitigt, sind sie «für immer» verewigt.

Fußnote: Was zu Ende ist, ist endgültig zu Ende; aber es ist eben auch end­giiltig: in seinem Zu-Ende-sein bleibt es gültig, und insofern bleibt es auch - bestehen. Die Einstellungswerte aber sind die ein­zigen, deren Verwirklichung buchstäblich noch bis zum letzten Augenblick möglich ist; denn buchstäblich bis zum letzten Augen­blick ist es dem Menschen möglich, zum Schicksal sich ein-, sich um­zustellen - zu allem Schicksal, und so denn auch zum schicksalhaft gewordenen (weil fertig gewordenen) Lebensganzen. So und nur so ist es auch zu verstehen, daß Menschen zu der Auffassung gekom­men. sind, das ganze Leben lasse sich auch noch rückwirkend durch eine einzige große Reue in einem einzigen kleinen Moment, eben «im letzten Moment», sühnen, weihen, sinnvoll machen.


Montag, 18. September 2017

Entlarvung

"....Sigmund Freud hat einmal in einem Brief an die Prinzes­sin Bonaparte gemeint, ,,im Moment, da man nach Sinn und Wert des Lebens fragt, ist man krank; man hat nur eingestanden, daß man einen Vorrat von unbefriedigter Libido hat." Nun, ich per­sönlich glaube eher, daß man dann nur eines bewiesen hat, näm­lich, daß man wirklich Mensch ist. Denn kein Tier hat jemals die Frage nach dem Sinn seines Daseins gestellt. Nicht einmal eine der Graugänse von Konrad Lorenz. Aber den Menschen, den quält diese Frage. Dennoch ist das nicht das Symptom einer Neurose, vielmehr sehe ich es für eine menschliche Leistung an, und zu ihr gehört nicht nur, nach dem Sinn des Lebens zu fragen, sondern auch, einen solchen Sinn in Frage zu stellen.

Aber selbst, wenn es in einem Einzelfall wirklich so sein sollte, daß der Schöpfer eines literarischen Werkes richtiggehend krank ist - vielleicht sogar an einer Psychose leidet und nicht etwa nur an einer Neurose-, spricht dies auch nur im geringsten gegen Wert und Wahrheit seines Werkes? Ich glaube nicht. Zweimal zwei ist vier, auch wenn's ein Schizophrener behauptet. Und ge­nauso glaube ich, daß es dem Wert von Hölderlins Dichtung und der Wahrheit von Nietzsches Philosophie keinen Abbruch tut, wenn ersterer an einer Schizophrenie erkrankt war und letz­terer an einer Gehirnparalyse. Vielmehr bin ich überzeugt davon, daß die Namen jener Psychiater, die ganze Bücher geschrieben haben über die Psychosen dieser „Fälle", zu einer Zeit längst vergessen sein werden, zu der die Werke von Hölderlin und Nietzsche noch gelesen werden.

In letzter Zeit ist es Mode geworden, Literatur nicht nur psychiatrisch zu beurteilen, sondern im besonderen auf unbe­wußte Psychodynamik hin, die ihr zugrunde liegen mag. So kommt es denn, daß die sogenannte Tiefenpsychologie ihre Hauptaufgabe im Entlarven verborgener beziehungsweise ins Unbewußte verdrängter Motivationen erblickt. Dies gilt selbst­verständlich auch von der literarischen Produktion. Was dabei herauskommt, wenn das Werk eines Dichters auf die Prokru­stes-Couch gelegt wird, mögen Sie an einer Buchbesprechung er­messen, die eine amerikanische Zeitschrift einem zweibändigen Werk über Goethe widmete, dessen Verfasser einer der promi­nentesten Psychoanalytiker ist: ,,Auf den 1538 Seiten porträtiert uns der Autor ein Genie mit den Kennzeichen rnanisch-depressiver, paranoider und epileptoider Störung, Homosexualität, In­zest, Voyeurismus, Exhibitionismus, Fetischismus, Impotenz, Narzißmus, Zwangsneurose, Hysterie, Größenwahn usw. Der Autor scheint sich fast ausschließlich auf die dem Kunstwerk zu­grunde liegende Triebdynamik zu beschränken. Er will uns glau­ben machen, Goethes Werk sei nichts als das Resultat prägenita­ler Fixierungen. Sein Kampf gelte nicht etwa einem Ideal, der Schönheit, irgendwelchen Werten, sondern in Wirklichkeit der Überwindung vorzeitigen Samenergusses." -  Hab' ich Ihnen zu­viel versprochen? Wie weise war doch Freud selbst, wenn er ein­mal meinte, eine Zigarre müsse nicht immer als Penis-Symbol gedeutet werden, sondern könne einmal auch wirklich eine Zi­garre bedeuten.

Ich möchte sagen, das Entlarven muß irgendwo haltmachen, und zwar genau dort, wo der Psychologe mit einem Phänomen konfrontiert ist, das sich einfach deshalb nicht weiter entlarven läßt, weil es echt ist. Wenn ein Psychologe aber auch dann noch nicht aufhört zu entlarven, dann entlarvt er noch immer etwas, aber was er dann entlarvt, ist sein eigenes unbewußtes Motiv, und das ist, das Menschliche im Menschen zu entwerten.

Man fragt sich nur, was dieses Demaskieren so attraktiv macht? Nun, es scheint für den Spießer ein Genuß zu sein, zu hören, daß Goethe auch nur ein Neurotiker war, ein Neurotiker wie du und ich, wenn ich so sagen darf. (Und wer sich von Neurose 100prozentig frei weiß, werfe den ersten Stein.) Irgendwie tut es anscheinend auch wohl, wenn einem gesagt wird, der Mensch sei nichts als ein nackter Affe, nichts als der Kriegsschauplatz von Es, Ich und Überich, nichts als der Spielball von Trieben, das Produkt von Lernprozessen, das Opfer sozio-ökonomischer Bedingungen und Umstände oder sogenannter Komplexe.

Mir will scheinen, als ob das Demaskieren, das ihnen der Re­duktionismus mit seiner stereotypen Phrase „nichts als" vorex­erziert, vielen Leuten eine ausgesprochen masochistische Freude bereitet. Dazu kommt noch, daß es, wie der Londoner Psychiater Brian Goodwin sagt, ,,den Leuten wohltut, wenn man ihnen ein­redet, sie seien nichts als dies oder jenes, genauso, wie die Leute glauben, ein Medikament, das wirksam sein soll, muß scheußlich schmecken".

Die Sprache normaler Menschen ist gegen­standsbezogen, sie weist über sich selbst hinaus. Mit einem Wort, Sprache ist ausgezeichnet durch ihre Selbst-Transzendenz. Und dasselbe gilt von menschlichem Dasein ganz allgemein. Mensch-Sein ist immer auf etwas gerichtet, das nicht wieder es selbst ist - auf etwas oder auf jemanden, auf einen Sinn, den da ein Mensch erfüllt, oder auf anderes menschliches Sein, dem er da begegnet."

V. E. Frankl: "Was sagt der Psychiater zur modernen Literatur?". Vortrag, gehalten auf Einladung des Internationalen PEN-Clubs am 18. November 1975 in englischer Sprache unter dem Titel „A Psychiatrist Looks at Literature"

Siehe auch:  https://kumpfuz.blogspot.co.at/search?q=Psychologismus

Sonntag, 10. September 2017

Gar nichts weißt du

Man sagt, es es sollte heissen: "....dass ich nicht weiß".
Der Wortlaut: 
»Denn es ist ein Dünkel, etwas zu wissen, was man nicht weiß. Und wollte ich behaupten, daß ich um irgend etwas weiser wäre, so wäre es um dieses, daß, da ich nichts weiß, es auch nicht glaube zu wissen.«

Freitag, 8. September 2017

Meine Katze hat Zeit

"Meine Katze hat Zeit. Die Zeit ist ihr angeboren und einverleibt wie ihr Fell, ihre Ohren, ihre Krallen, ihre zeitlos schönen Augen. Ihre Zeit ist immer nur Gegenwart, und innerhalb dieser Gegenwart der Augenblick. Nur auf diesen Augenblick konzentriert sie ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihre Gelüste. Sie denkt weder vor noch nach; sie lebt jetzt, nur jetzt. Jetzt liegt sie in ihrem Sessel und schläft; zumindest in diesem, in ihrem Augenblick."  
"Ich glaube, meine Katze kennt keine »Warums«. Was gestern gewesen ist, interessiert sie nicht mehr; was morgen kommt, ist ihr gleichgültig. Sie weiß nicht, was Zeit ist. Ich muß mir die Zeit nehmen, einteilen, stehlen; manchmal vertreibe ich mir die Zeit, manchmal vergeude ich sie, manchmal mache ich mir die Zeit bewußt. Die Zeit und ich, wir leben getrennt voneinander, und obwohl ich oft sage, ich hätte keine Zeit, weiß ich dennoch sehr genau, daß nicht ich Zeit habe, daß die Zeit vielmehr mich hat.
Werner Koch
Zur Illustration der real existierenden Herrschaftsverhältnisse:

Fontane und die Endogenität

Fontane und das Rätsel der Endogenität.
von Horst Gravenkamp.

"...heute können wir die Diagnose endogene Depression bereits aus dem Erscheinungsbild in der Krankheitsphase stellen. Wir können diese Diagnose noch zusätzlich stützen, wenn wir Näheres über die Primärpersönlichkeit des Patienten in gesunden Tagen und über weitere Depressionen in seiner eigenen und in seiner Familienanamnese erfahren. Zu Fontanes Zeit war die endogene Depression den Ärzten noch ein Rätsel (mit Scheinlösungen). Fontane ist der Lösung dieses Rätsels näher gekommen als seine Ärzte. Das vollzieht sich in einer langsamen Entwicklung, die hier zunächst noch einmal in Kürze nachgezeichnet werden soll.
Seine schwere Verstimmung von 1858 hat Fontane wiederholt und mit Nachdruck auf seine Lebensumstände in London zurückgeführt. Als ihm aber entgegengehalten wird, daß diese Begründung nicht stichhaltig sei, muß er zugeben (››das Schrecklichste«!), daß diese »nüchterne Auffassung«, daß also die Ursache seiner seelischen Störung in seinem Inneren liege, vielleicht richtig ist. Der Feststellung »Euer Wille hat sich die Nachtmütze aufgesetzt« widerspricht er nicht, das »Hilf dir selbst«  aber kann er nicht akzeptieren: Das sei »das bekannte fliege !“ an den, der keine Flügel hat«, eine schlagende Formulierung für die Willenslähmung, die auch in anderen Briefen dieser Zeit ihren Ausdruck findet. Er bleibt aber - zumindest nach außen hin - dabei, die Londoner  Misere als Ursache seines Gemütszustandes zu bezeichnen, der  jedoch auch für ihn etwas anderes ist als eine ››normale« Reaktion: »Es ist ein wirklicher, guter, ehrlicher Krankheitszustand«. Bezeichnenderweise fällt das Wort Krankheit wieder bei seiner offenbar endogenen Depression von 1877: ››Nun aber kam Krankheit«,  »krank zum Auslöschen«. Er ist sich auch nicht mehr so sicher über ausschließlich äußere Ursachen seines Krankheitszustandes: »Ein halbes Dutzend Gründe, äußere und innere«. Er nimmt auch wahr, was seine Krankheit mit der seiner Tochter  Mete gemeinsam hat: Die Machtlosigkeit gegenüber einer aus inneren Ursachen entstehenden Störung, den episodischen Charakter und die gute Prognose der Krankheitsphasen.
Wir nehmen die Depression von 1892 noch einmal in den Blick und erinnern uns dabei des Briefes an Friedlaender vom 4. April 1892: »Ich bin in ziemlich freudloser Stimmung; 7/ 8 ist Krankheit, aber das letzte Achtel, und vielleicht auch noch mehr, ist doch in Wirklichkeiten begründet«. Die »Wirklichkeiten der Außenwelt«, die er früher als Ursache seiner Depressionen eingesehen hatte, spielen jetzt für ihn nur noch eine untergeordnete Rolle. Das gilt auch für die weiteren Briefe dieser Zeit, in denen von ››Wirklichkeiten« als ursächlichem Faktor nie mehr die Rede ist, aber immer wieder von Krankheit. Eine weitere Auffälligkeit: Die ››Neurasthenie« als Diagnose Dr. Willes, der sich Prof. Hirt offenbar angeschlossen hat und von der Fontane gehört haben muß, hat er in den Briefen nie erwähnt. Das ist vermutlich so zu deuten, daß er diese Diagnose nicht akzeptiert hat, daß er also »ungebührliche Belastung des Nervensystems« (u. a. »übermäßige geistige Arbeiten«, »öfter wechselnde Gemüthsbewegungen«) als Krankheitsursache nicht gelten ließ. Er hat seine Krankheit als Folge der am Anfang stehenden Influenza angesehen, auch dann noch, als im Mai und sogar noch im ]uni 1892 die Influenza längst abgeklungen sein mußte. 
An der Vorstellung von der Influenza als Ursache seiner Krankheit von 1892 hält er auch in späteren Jahren fest, wie wir seinem Brief  an Moritz Lazarus vom 5. Januar 1897 entnommen haben. Ein weiterer Hinweis darauf, daß Fontane sich seine Krankheit nur als ganz überwiegend körperlich verursacht vorstellen konnte. Was dem Patienten Fontane als innere Ursache seiner Krankheit zunehmend deutlich wird, bleibt seiner Umgebung verborgen. Das muß zu Spannungen führen.
Wir müssen uns dabei vor Augen führen, wie sehr die Angehörigen eines solchen Kranken mitzuleiden haben: »ich fühle, ich bin euch zur Qual«, sagt Fontane (Emilie an den Sohn Friedrich am 7. ]uli 1892). Ein »schwerer Traum« ist für Frau Emilie die Krankheit ihres Mannes (Emilie Fontane an Friedlaender am 15. September). Als »die ganz aufgezelırte arme Frau«  beschreibt Fontane Emilie am 13. August (an W. Hertz) ….
 »Der Zustand ist elend und die Kraft von Frau und 'Tochter hin, auch ihre Geduld. Ich bin Quängelpeter  u. Egoist, Du lieber Gott, die Krankheiten sind verschieden in ihrer Wirkung aufs Gemüth. « (An Karl Zöllner am 8. August 1892). Über solche Spannungen, die auch in der Zeit der allmählichen Genesung fortbestehen, erfahren wir einiges aus Briefen Fontanes an Friedlaender:
Am 29. September 1892: »Ich muß mich oft einen Hypochonder schelten lassen, aber es ist nicht so schlimm damit, und was wirklich hübsch ist, erfreut mich immer noch.« Am 14. Oktober 1892: »Gestern setzten mir Frau und Tochter auseinander, daß ich diese meine alten Tage auch als sehr
erträgliche, ja als sehr bevorzugte ansehen könne. [. . .] Ich gebe das zu, aber das Gefühl von Schwäche und Freudlosigkeit bleibt, das ist eben die Krankheit dran ich laborire. Des „Wollens“, 
das Sie mir aus dem väterlichen Erbschatz als Heilwort mit auf den Weg gegeben, befleißige ich mich, aber es bleibt Zwangsarbeit«.
Am 7. November bezieht sich Fontane auf einen nicht überlieferten Brief Friedlaenders vom 17. Oktober: »Es heíßt darin, es würde Personen wie Ihnen, und wohl auch mir, so vieles als ›Launen angerechnet. Gewiß ist es so und es kann auch sein, daß in dem was man uns vorwirft, "Laune" mit drunter läuft, wenn ich aber speziell auf meine diesjährigen Erlebnisse zurückblicke,
auf die, die seit Monaten und dann auf die, die seit Kurzem zurückliegen, so liegt, ich will nicht sagen die Laune, aber doch das Anfechtbare überhaupt, ganz wo anders, nämlich auf der Seite der Ankläger. Ich werde jetzt seit drei, vier Wochen mit derselben Liebe und Zärtlichkeit behandelt wie in alten Tagen, was mir natürlich sehr lieb ist, aber mitten in meinem Glück mich doch auch schmerzlich berührt. Was mich angeht, so besteht die ganze Differenz darin, daß ich im Sommer viele viele Male nicht eine Stunde geschlafen hatte und daß ich jetzt in der angenehmen Lage bin, wieder 8 Stunden oder in besonderen glücklichen Nächten auch noch eine mehr schlafen zu können. So habe ich denn auch wieder die Kraft heiter zu sein und mich der Heiterkeit andrer freuen zu können. Nichts hat sich geändert, mit Ausnahme des Kraftmaßes mit dem ich so zu sagen frühmorgens ins Feld rücke. Mein Charakter ist unverändert geblieben, ich bin, wenn Egoist, noch gerade so egoistisch wie früher, ich bin auch nicht heldenmäßiger geworden, ich kann nur wieder schlafen und konnte es im Sommer nicht. Meine Widerstandskraft war hin, das war mein ganzes Verbrechen, darum Räuber und Mörder«.
Es spiegelt sich hier ein Konflikt wider, der bei endogenen Depressionen häufig ist: Die Angehörigen betrachten das, was eigentlich Krankheit ist, als Charakterdefekt. Sie erheben daher Vorwürfe und appellieren an den Willen. Der Kranke wird durch solches Fehlverhalten, verbunden mit zeitweiligem Entzug von Liebe und Zärtlichkeit, »schmerzlich berührt«. 
Natürlich hat Fontane gewußt, daß ihn auch die Medizin seiner Zeit in seiner Krankheit im Stich lassen mußte. Im Brief an Friedlaender vom ıo.]anuar 1893 erinnert er sich der eigentlich angenehmen äußeren Bedingungen seines Sommeraufenthaltes 1892 und fährt dann fort: »Trotzdem war es wochenlang so schrecklich, daß mir die Stätte verleidet ist. Ich schiebe die Hauptschuld auf den ärztlichen Satz: ›Ich sei nur nervenkrank, alle solche Kranke ließen sich gehn und quälten in egoistischer Weise ihre Umgebung, weshalb solche Kranke scharf angcfaßt werden müßten; bei gutem Willen heilten sie sich (auf rnoralischeın Wege) selberEs ist möglich, daß solche Sätze auf viele derartige Kranke passen, auf mich paßten sie nicht. Ich mußte ganz anders behandelt werden und hatte den vollsten Anspruch darauf. Auf Mohrenwäsche lasse ich mich übrigens nicht ein, es mag also bei der alten Anschauung verbleiben; nur dazu gebe ich mich nicht her, diese
Anschauung auch meinerseits zu theilen«. Den »ärztlichen Satz« versieht er noch mit einer Fußnote: »Der vorcitirte Satz rührt nicht von [Dr.] Wille her, sondern ist die ganz allgemeine Auffassung, ich bestreite diese auch nur in Anwendung auf jeden Einzelfall«. Und wenn dann im Brief vom 12. Mai 1893 (wieder an Friedlaender) das Wort »grausam« fällt, dann erinnern wir uns der »elektrischen Behandlung«, der Mitteilung der Fehldiagnose ››Hirnanämie « an den Schwerkranken,  der drohenden Abschiebung in eine ››Nervenheilanstalt« und der "drastischenÄußerung des behandelnden Arztes Dr. Wille. »Auf meinen Spaziergängen im Thiergarten steigt dann auch der vorige Sommer als Gesammtbild wieder vor mir auf. [. . .] Was ich damals in vielen Gesprächen mit Ihnen nur vermuthungsweise ausgesprochen habe, das steht mir jetzt ganz fest: die ganze Behandlung war falsch, schablonenhaft, grausam. Es ist gewiß ganz richtig, daß es bei Nervenkranken einen hochgradigen Kranken-Egoismus giebt, ich habe diesen Kranken-Egoismus aber sicherlich nicht gehabt, sondern habe mich umgekehrt in dieser schweren Zeit besser benommen, als zu irgend einer andern Zeit. «"

Im Gegenteil

„Das Gegenteil von schlecht muss nicht gut sein - es kann noch schlechter sein.“
Paul Watzlawick

Montag, 4. September 2017

Zauber der Phantasie

"...es ging mir wie denen, die sich auf die Reise begeben, um mit eignen Augen eine Stadt ihrer Sehnsucht zu schauen, und sich einbilden, man könne der Wirklichkeit den Zauber abgewinnen, den die Phantasie uns gewährt."
Marcel Proust

Mittwoch, 30. August 2017

Rollenspiel

"Die meisten unserer Unternehmungen sind Gaukelpossen.
 »Die ganze Welt spielt Komödie.« (Petronius) 
Wir sollen unsere Rolle gehörig spielen, aber nie vergessen, daß es nicht unsere Kleider sind."
Montaigne, Essais


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