Samstag, 16. Januar 2010

Guter Gesell Göweil

Zwar habe ich die Seite 2 der WienerZeitung nie richtig ernst genommen (abgesehen von links unten), aber es ist für mich immer ein besonderes Stück Humor, wenn Journalisten den Politikern moralische Zensuren erteilen. Sie sehen sich selber offensichtlich als moralische Instanzen, was andererseits aber auch das Eigenbild der Politiker ist. In den Augen der Bevölkerung mag dies etwas anders aussehen.

Besonders pikant wird es wenn der Journalist von der Politik installiert wurde.

Im übrigen bin ich es leid, beim Aufschlagen einer Zeitung, beim Einschalten von Radio oder Fernsehen jedesmal mit arigonalen Schlagzeilen bzw. Spitzenmeldungen traktiert zu werden; diese Art permanenter Tugend-Zwangsernährung empfinde ich als Zumutung.

Ein Außenstehender, der Österreich nur aus Medien und zeitgenössischer Literatur kennt, muß ja unweigerlich zur Ansicht kommen, daß die Masse der österreichischen Bevölkerung (ironischerweise die demokratische Mehrheit) einen ganz tiefen moralischen Standard hat, ihre Politiker zudem auch noch unfähig sind und nur Journalisten und Schriftsteller die Fahne der Sittlichkeit hierzulande hoch halten.

Dienstag, 12. Januar 2010

Philantropie

Warum bei so vielen Menschen die Nächstenliebe mit dem Quadrat der Entfernung zum Nächsten wächst, ist leicht erklärt: Wer einem wirklich "nahe steht", beeinträchtigt womöglich (und meist auch tatsächlich) die eigene "Bewegungsfreiheit". Und da Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung in der heutigen Gesellschaft die allerhöchsten Ziele sind, ist Nähe auf jeden Fall konflikt-trächtig - und Distanz beruhigend.

Und da man auch den Gutmenschen ein aktives Liebes-Bedürfnis nicht absprechen kann, ist ihre Menschenliebe darauf angewiesen, sich ihre Menschenliebes-Objekte aus jenen Kreisen zu holen, die ihre Kreise nicht stören können.

In dem Maße, wie die private Anständigkeit an Stellenwert verliert, gewinnt die öffentliche Moral an Bedeutung. Und wie immer mit den Damen und Herren Redakteuren "an vorderster Front". Selber leben sie nach einem ganz eigenen, privaten "Moral-STANDARD", werfen sich aber äußerst gern zum Richter über andere und über die öffentliche Moral auf.

Hier fällt mir Fontane ein, wie er sich in einem Brief an seinen Sohn Theodor über die Journalisten beschwert , welche seine "Irrungen und Wirrungen" als "Hurengeschichte" abqualifiziert hatten: "Empörend ist die Haltung einiger Zeitungen, deren illegitimer Kinderbestand weit über ein Dutzend hinausgeht (der Chefredakteur immer mit dem Löwenanteil) und die sich nun darin gefallen, mir "gute Sitte" beizubringen. Arme Schächer!"


und Lichtenberg: "Arschwische mit Motto's."
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Apropos STANDARD: Wer wissen will, wie Gutmenschen wirklich gestrickt sind, schaue sich im STANDARD-Internet-Forum um. So viel Verachtung und Hass für Andersdenkende wird man kaum sonstwo versammelt finden - aber natürlich viel besser formuliert als etwa auf rechten Haß-Seiten.

Sonntag, 10. Januar 2010

Macht

"...wer sein eigenes Leben zu opfern bereit ist, wird stets Herr über das eines anderen sein"

lese ich bei Montaigne und möchte hinzufügen: Am besten ist es natürlich, andere dazu zu bringen, daß sie mehr oder weniger freiwillig ihr Leben für eingeimpfte religiöse oder politische Überzeugungen opfern.
So hat Macht-gewinn und -erhalt immer funktioniert.

Freitag, 8. Januar 2010

Offengelegt


"Ich sage Ihnen ganz offen ..." - da konnte man sicher sein, daß er lügt oder trickst.
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Ich sage , "daß Ihr mit aller Biederkeit - der ärgste aller Spitzbuben seid"!

Donnerstag, 7. Januar 2010

Satire

»Die Tyrannen dieses Planeten werden durch die Werke der
Dichter nicht gerührt, bei ihren Klageliedern gähnen sie,
ihre Heldengesänge halten sie für alberne Märchen, bei
ihren religiösen Dichtungen schlafen sie ein,
nur eines fürchten sie: ihren Spott.«

F. Dürrenmatt

Sonntag, 3. Januar 2010

Neuerungen bei Ö1

Wenn ich den Artikel in der WZ richtig gelesen und verstanden habe, so bedeutet das ein Zurückdrängen von Musik- zugunsten von Sprachbeiträgen; eine Tendenz, die ich auch bei deutschen Kultursendern beobachte. Redakteure bevorzugen nun einmal die Devise „prima la parola, dopo la musica“ . Im Falle des ORF kommt neben der erwarteten Einsparung wohl auch noch hinzu, daß sich mit Sprache seine historische Mission als moralische Anstalt besser verwirklichen läßt als mit „nichts-sagender“ Musik.

Da ich aber nun einmal andere Lieferanten für Moral bevorzuge, wird halt ganz einfach weniger Ö1 gehört.

Globale Furcht als Religionsersatz

Leserbrief an die SN zum Artikel "Globale Furcht als Religionsersatz "(31.12.09)
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In meiner Jugend, also in den 50-er Jahren, war die Furcht vor dem Untergang des Planeten durch die Atombombe durchaus noch rational begründbar, aber auch schon damals erklärte man Wetterkapriolen (also unerklärliche „Himmelserscheinungen“) gerne mit der „Bombe“.
Und wer in einem religiösen, klerikalen Umfeld groß geworden ist, dem ist auch nicht neu, daß man riesige Gedankengebäude und (in sich durchaus stringente) wissenschaftliche Theorien auf nicht bewiesenen und nicht beweisbaren Grundannahmen („Axiomen“) aufbaut und daß jeglicher Skepsis mit – im besten Fall - Unverständnis begegnet wird.
Der seriöse Skeptiker sagt ja nicht: „S‘ is alles net wahr“ sondern „s‘ is net alles wahr“. Modellrechnungen für die Zukunft können aber niemals Wahrheit wiedergeben, sondern immer nur Wahrscheinlichkeit und sie müssen diese, wenn sie seriös sind, mit einem Wahrscheinlichkeitsgrad versehen. Dieser wird aber immer unterdrückt, wohl weil dadurch der erhoffte Wirkungsgrad sowohl der Untergangsdrohung wie auch der darauf aufgebauten Heilslehre leiden würde.

Freitag, 1. Januar 2010

Montaigne

Zum Start des Neuen Jahres habe ich mir (antiquarisch) die 3 Bände von Montaignes Essais besorgt. Hatte vorher eine Auswahl aus dem Insel-Verlag in einer stark altertümelnden Übersetzung, aber dafür mit den antiken Original-Zitaten in Latein oder Griechisch (nebst Übersetzung). Die neue Ausgabe (Übersetzung Hans Stilett) ist zwar sehr viel leichter lesbar, aber die Zitate sind nur in Übersetzung enthalten und leider auch ohne Quellenangabe, was ich als starken Mangel empfinde.

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Im Übrigen bin ich froh, daß die ganze "Feiertagerei" wieder vorüber ist. Diese Mischung aus Euphorie und Elegik ist mir zutiefst zuwider - und daher unbekömmlich.