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Montag, 22. August 2022

Einflüsse

 Wenn wir darin übereinstimmen, daß die ideale Methode, Wissenschaft zu lehren, darin besteht, dem Schüler die Möglichkeit zu geben, Newtons Gesetze von der Bewegung mehr oder weniger selbständig neu zu entdecken — kann man dieselbe Methode dann auch beim Vermitteln ethischer und moralischer Werte anwenden? Zunächst meinen wir unwillkürlich, daß Ethik im normalen Lehrplan nichts zu suchen hat, es sei denn, man spezialisiert sich auf Philosophie oder Theologie. Diese Antwort ist jedoch übereilt, denn bei allem, was wir in irgendeinem Fach unterrichten oder schreiben, vermitteln wir stillschweigend oder sogar ausdrücklich moralische Prinzipien und Werturteile. Der größte Aberglaube unserer Zeit ist der Glaube an die Wertfreiheit der Wissenschaft. Schon das Schlagwort Wertfreiheit beinhaltet ein  Programm und ein Credo.

Kein Schriftsteller oder Lehrer oder Künstler kann der Verantwortung entrinnen, andere zu beeinflussen, ob absichtlich oder nicht, ob bewußt oder nicht. Dieser Einfluß beschränkt sich nicht auf seine explizite Botschaft; er ist um so stärker und heimtückischer, als er größtenteils implizit ausgeübt wird - ein verborgener Verführer, dessen Lehren unbewußt aufgenommen werden,

A. Koestler

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Jedem Kenner des Menschen ist es bekannt, wie schwer es ist, Erfahrungen so zu erzählen, daß sich in die Erzählung kein Urteil einmischt. 

G. Ch. Lichtenberg


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Samstag, 12. Januar 2019

Glaube, Werte, Mächte

Glaube ist auch Glaube an die Wissenschaften, an die Medizin, an die Karriere, die beruflichen Ordnungen, die Richter, die Polizei, die Versicherungen. Das Leben des heutigen Menschen ist eine permanente Bekundung laizistischen Glaubens an manchmal viel absurdere und lächerlichere Dinge als jene, die sich von vornherein als im Mysterium begründet erklären.
Trotzdem fällt es mir im Prinzip schwer zu akzeptieren, daß eine Lehre und ein Gebotskatalog, die auf einem transzendentalen Mysterium beruhen, eine bessere Anleitung zu moralischem Handeln sein sollen. Als guter christlicher Aufklärer entdecke ich hinter den Werten die Mächte. Ich habe nichts gegen Mysterien. Aber ich fürchte die Offenbarungen. Ich fürchte das plötzliche Auftauchen und Sichanbieten eines Bedürfnisses, einer Entdeckung, einer neuen Seite der Gesellschaft, der Wissenschaft, der Kunst oder der Kultur und das ebenso schroffe Auftreten der Repression, der aggressiven Zensur abweichender Verhaltensweisen oder solcher, die einer eigenständigen Norm gehorchen, einer, die sich in ihrer Evidenz und Autonomie als wahr und rein erweist.

Claudio Martelli, italienischer Politiker (PS)

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Instanzen

"....auf wen soll man sich verlassen, wenn es darum geht, zu entscheiden, was lobenswert ist? Ich habe meine eigenen Gesetze und meinen eigenen Gerichtshof, vor dem ich mich beurteile; und ich wende mich mehr an ihn als an andere. Ich beschränke mich in meinen Handlungen nach äußerlicher Rücksicht; ich be­gehe sie nur nach meinem Urteil.  Ich dulde keine Rechtsansprüche auf mein Innenleben.
Das ist ein vortreffliches Leben, das bis ins verborgene  Innere seine Ordnung bewahrt. Jeder kann in der Posse  mitspielen und einen anständigen Menschen auf die Bühne  stellen, aber drinnen und in unserer Brust, wo uns alles er­laubt ist, wo alles verborgen ist: dort mit sich im reinen sein, darauf kommt es an.  Die nächste Stufe ist, in seinem Hause Ordnung zu halten, in seinen Alltagshandlungen, über die wir niemandem Rechenschaft schulden, in denen es keine Verstellung und keine Künstelei gibt." 
Montaigne
"Ich bin mein eigenes Gesetz, meine eigene Autorität."
Franzl Wokurka, zitiert von P. Watzlawick


Tuo tibi iudicio est utendum.  
Cicero.
"Wie fang ich's nach der Regel an? Ihr stellt sie selbst und folgt ihr dann!"
R. Wagner, Meistersinger


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Zeit meines Lebens bestimmten übergeordnete Instanzen mein Handeln, Denken und Fühlen, weil ich von deren Bewertungen abhängig war.  Ex post, heute und in Zukunft erkenne ich als bewertende und verpflichtende Obrigkeiten nur mehr an (in der Reihenfolge des Auftretens):
  • meine verstorbene Mutter
  • mich selbst, so lange ich (bei klarem Verstand) lebe.
  • meine verstorbene Frau
  • meine Katze, so lange sie lebt;=)
Natürlich füge ich mich in die Konventionen meiner Umgebung, um das Zusammenleben nicht zu erschweren, die Harmonie nicht zu stören, die gegenseitige Achtung nicht zu verletzen. Aber in diesem Rahmen handle und denke ich frei und unbeschwert von den alten Richtlinien. Ich missioniere nicht und lasse mich nicht missionieren.  Ich rechtfertige mich nicht (mehr).
Den mir Nahestehenden will ich Gutes tun, soweit es in meiner Macht steht oder zumindest Schlechtes von ihnen abwenden. Ich will die Welt nicht verbessern (oder gar retten), sie aber auch nicht verschlechtern. Der finalen Unterjochung durch das Geriatrie-Imperium entgeht sowieso kaum einer. Alles endet einmal, auch die Freiheit. Jedoch, wenigstens die
"Gedanken sind zollfrei, aber man hat doch Scherereien." (Karl Kraus)
"Das Schwerste ist: Sich nicht zu rechtfertigen." (F. Dürrenmatt)

Siehe auch-----> ttp://kumpfus.blogspot.co.at/2008/01/grbel.html ------------------------------------------------------

Dazu noch ein Zitat von Martin Walser:
"Hegel liefert diesem Selbstbewusstsein in seiner ‘Phänomenologie des Geistes‘  die Analyse: Das Selbstbewußtsein durch Anerkanntsein. Das Selbstbewusstsein des Herrn existiert „nur als ein Anerkanntes“. Erst der Knecht macht den Herrn zum Herrn. Was der Knecht tut, ,,ist eigenes Tun des Herrn“."
und eines von Schopenhauer:
"Diesertwegen wird es zu unserm Glücke beitragen, wenn wir beizeiten die simple Einsicht erlangen, daß jeder zunächst und wirklich in seiner eigenen Haut lebt. nicht aber in der Meinung anderer, und daß demnach unser realer und persönlicher Zustand, wie er durch Gesundheit, Temperament, Fähigkeiten, Einkommen, Weib, Kind, Freunde, Wohnort usw. bestimmt wird, für unser Glück hundertmal wichtiger ist, als Was es andern beliebt, aus uns zu machen."