Mittwoch, 24. Mai 2017

Zeit leben

Lange Zeit leben und kurze Zeit leben: durch den Tod wird das ganz einerlei. Denn Dinge, die nicht mehr sind, sind weder kurz noch lang.
Montaigne
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Im Tod schüttelt man das Joch der Zeit ab, man fällt aus ihr heraus - dorthin, wo man schon vor der Geburt war. Zeit ist also gleichbedeutend mit Leben und - wenn man Einstein folgt - auch eine Illusion.  Aber wessen?

Dienstag, 9. Mai 2017

Besinnung auf die Freiheit

"Es ist ungewiß, ob der Tod uns erwartet; erwarten wir ihn überall! Die Besinnung auf den Tod ist Besinnung auf die Freiheit. Wer sterben gelernt hat, der hat das Dienen verlernt. Sterben zu wissen befreit uns von aller Unterwürfigkeit und allem Zwang. Das Leben hat keine Übel mehr für den, der recht begriffen hat, daß der Verlust des Lebens kein Übel ist." 

Montaigne

Donnerstag, 4. Mai 2017

Was geschieht, ist gut

Nicht immer feindlich nach allem fassen; einmal sich alles geschehen lassen und wissen: Was geschieht, ist gut. Auch der Mut muß einmal sich strecken und sich am Saume seidener Decken in sich selber überschlagen.

R. M. Rilke, Cornet



Freitag, 28. April 2017

Vorbilder

In Rußland war der Staat, in den Vereinigten Staaten die schrankenlose Freiheit heilig. Sie sind es immer noch. Rußland trotzte sein Reich in zäher Eroberung den Mongolen und den Turkvölkern ab, bis es schließlich China umklammerte; die Vereinigten Staaten eroberten einen Kontinent durch das Faustrecht ihrer Trapper und ihrer Wirtschaftspioniere. Die Ideale einer Nation rächten sich, Iwan der Schreckliche und Rockefeller sind nicht ungestraft Vorbilder, ebensowenig wie Bonnie and Clyde. So nimmt man denn in Rußland die Regierung demütig hin, und in den Vereinigten Staaten glaubt man immer noch an den Selfmademan, ohne sich darum zu kümmern, ob er sein unermeßliches Vermögen legal oder illegal verdiente. Um diese Frage kümmern sich nur Hollywood-Filme, mit der Anmerkung freilich, die Personen seien frei erfunden.

F. Dürrenmatt

Sonntag, 23. April 2017

Wirklichkeit

"Der Wirklichkeit ist mit Logik nur zum Teil beizukommen......Ein Geschehen kann schon allein deshalb nicht wie eine Rechnung aufgehen, weil wir nie alle notwendigen Faktoren kennen, sondern nur einige wenige, meistens recht nebensächliche. Auch spielt das Zufällige, Unberechenbare, Inkommensurable eine zu große Rolle. Unsere Gesetze fußen nur auf Wahrscheinlichkeit, auf Statistik, nicht auf Kausalität."
F. Dürrenmatt, Das Versprechen.

"Was die Philosophen von der Wirklichkeit sagen, ist oft geradeso täuschend, wie wenn man bei einem Trödler auf einem Schilde liest: »Hier wird gerollt «.  Käme man nun mit seiner Wäsche, um sie gerollt zu bekommen, so wäre man angeführt: denn das Schild steht da bloß zum Verkaufe."
Søren Aabye Kierkegaard

Bei allem in der Welt kommt es mehr auf die Wahrscheinlichkeit an als auf die Wahrheit selbst.

H. Heine


Donnerstag, 13. April 2017

Selbst-Transzendenz menschlicher Existenz

Wir begegnen da einem Phänomen am Menschen, das ich für fundamental anthropologisch halte: die Selbst-Transzendenz menschlicher Existenz! Was ich damit umschreiben will, ist die Tatsache, daß Menschsein allemal über sich selbst hinausweist auf etwas, das nicht wieder es selbst ist auf etwas oder auf iemanden: auf einen Sinn, den zu erfüllen es gilt, oder auf anderes menschliches Sein, dem wir da liebend begegnen. Im Dienst an einer Sache oder in der Liebe zu einer Person erfüllt der Mensch sich selbst. ]e mehr er aufgeht in seiner Aufgabe, je mehr er hingegeben ist an seinen Partner, um so mehr ist er Mensch, um so mehr wird er er selbst. Sich selbst verwirklichen kann er also eigentlich nur in dem Maße, in dem er sich selbst vergißt, in dem er sich selbst übersieht. Ist es nicht wie beim Auge, dessen Sehtüchtigkeit davon abhängt, daß es nicht sich selbst sieht? Wann sieht denn das Auge etwas von sich selbst? Doch nur, wenn es erkrankt ist: Wenn ich an einem grauen Star leide, dann sehe ich eine Wolke und damit nehme ich meine Linsentrübung wahr. Und wenn ich an einem grünen Star leide, dann sehe ich einen Hof von Regenbogenfarben rings um die Lichtquellen - das ist mein grüner Star. 1m gleichen Maße ist aber auch die Fähigkeit meines Auges, die Umwelt wahrzunehmen, geschmälert und beeinträchtigt. 
V. E. Frankl

Dienstag, 11. April 2017

Konformismus

Im Gegensatz zum Tier sagen dem Menschen keine Instinkte, was er muß, und im Gegensatz zum Menschen von gestern sagen dem Menschen von heute keine Traditionen mehr, was er soll. Nun, weder wissend, was er muß, noch wissend, was er soll, scheint er oftmals nicht mehr recht zu wissen, was er im Grunde will. So will er denn nur das, was die anderen tun - Konformismus!
V. E. Frankl