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Donnerstag, 14. Juni 2018

Zum Theater

Es gibt Regisseure, die nicht eigentlich ein Stück, sondern ihren Kommentar zum Stück inszenieren.
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Es ist heute nicht aktuell, beim Theater von Verzauberung zu reden. Das Theater scheint entzaubert zu sein. Über ein Publikum oder gar über einen Kritiker, der noch die Naivität aufbringt, sich vom Theater verzaubern zu lassen, wird gelächelt. Sogar vom Schauspieler wird verlangt, sich nicht mit seiner Rolle zu identifizieren, er hat als deren gesellschaftskritischer Interpret gleichsam neben sich selber auf der Bühne zu stehen, verdoppelt sozusagen (wie macht man das?). Das Theater scheint durchschaubar geworden zu sein, intellektuell bewältigt, kapiert. Die heutige Kritik vieler Gazetten ist restlos im Bilde: Sie ist eine Ideologie. Stil- oder marxgläubig.
F. Dürrenmatt


Samstag, 6. Februar 2016

Alfred Polgar über Gesinnungstheater

ZEITTHEATER
Es wird gefordert, daß die Bühne, Spiegel und Chronik der Zeit, mithelfe, die Welt vom Übel zu erlösen. Solcher Zweck heiligt alle künstlerischen Mittel, sogar deren Abwesenheit. Theater um seiner selbst willen, sagen die radikalen Forderer, ist Mißbrauch von Zeit und Raum, Gesinnung im Haus erspart Talent, und solange die Menschendinge zum Himmel schreien, wie sie's ja leider unüberhörbar tun, hat die Bühne keine andere Aufgabe, als diesem Schrei ihre Resonanz zu leihen. Dagegen könnte niemand etwas einwenden ... würde nur vorerst ein fundamentales Mißverständnis beseitigt, dadurch hervorgerufen, daß die einen unter Theater mehr ein Kunstphänomen verstehen, die anderen mehr einen Apparat, dazu tauglich - Kunst hin, Kunst her - etliche hundert Menschen auf einmal unter bestimmten moralisch-geistigen Druck zu setzen.
DER THEATER-MACHER
Was er anrührt, wird Täuschung. Wenn sein Hauch ein gebratenes Huhn trifft, verwandelt es sich in eines aus Pappendeckel. Unter seinem Blick lassen die Menschengesichter das Antlitz von der Maske fallen. Wenn er Gott in den Bart faßt, zeigt sich dieser als angeklebt und bleibt in der Hand. Das Herzblut, das seine Figuren rötet, geht mit Vaselin weg.
Heiß und salzig entquillt dem Aug' des Dichters die Zähre,
In sein erklügeltes Stück fällt sie als Schmieröl hinab!
(Zur Überprüfung dieser Thesen eignet sich vorzüglich das Burgtheater.)
Hingegen:
DER VOLLBLUT-SCHAUSPIELER
Wie wurschtig wird sofort alles theoretische Geschwätz, wie gleichgültig, ob neues oder altes Theater, wenn ein Mensch in der lebendigen Fülle seiner Menschlichkeiten auf der Bühne steht und Geist und Gefühl der Zuschauer mühelos in jede Falle lockt, die sein Spiel ihnen legen mag. Wie fegt er mit einer Handbewegung, einem Blick, einem Lachen ganze Pakete von Prinzipien in den Müll, wo sie hingehören, und schöpft, soweit er Schöpfer ist, alles aus der Tiefe.
Ich erinnere mich an einen Burgschauspieler mit Sprachfehler und an einen anderen, der einen starken tschechischen Akzent hatte; beide waren aber politisch wahnsinnig gut vernetzt. Nun gut, heute muss man irgendeinen Akzent haben am besten einen aus Berlin oder Hamburg, um am Burgtheater ein Star werden zu können.

Sonntag, 1. Juli 2012

Mangel

Noch niemals gab es so tolle Bühnentechnik, nie so viele Möglichkeiten, noch niemals aber auch soviel Unvermögen, sie auch einzusetzen. Mangel an Phantasie und Mangel an Mut sind der Grund dafür

Samstag, 4. Februar 2012

Die Bühne + Die Josefstadt

BRIEF an "BÜHNE" und JOSEFSTADT-Direktion:

Ich bekomme die Zeitschrift "Die Bühne" unverlangt als Abonnent der Josefstadt. Bis jetzt habe ich mich immer nur über den boulevardesken Stil dieserZeitschrift geärgert – zu viele Adjektive und Superlative für meinen Geschmack. Während der vorangegangenen Chefredaktion näherte sich „Die Bühne“ manchmal bedenklich dem Niveau von „BRAVO“ (Ausgabe Hochkultur). Als ich aber aus der Jubiläumsnummer erfuhr, daß die Wurzeln der Zeitschrift in den Bekessy-Sümpfen liegen, war mir dann wieder alles klar („Karl Kraus – schau oba“)!

Nun stellen Sie sich in Ihrem Editorial entschlossen hinter die Direktion der Josefstadt, die sich „entschlossen hat, dem Thema Vergangenheitsbewältigung im Frühjahr einen eigenen Schwerpunkt zu widmen“.

Darf ich mir die Frage erlauben, WESSEN Vergangenheit hier eigentlich bewältigt werden soll? Ihre eigene kann ja wohl nicht gemeint sein, weil Sie doch kaum vor den 50-iger-Jahren geboren und somit über jeden Verdacht erhaben sind. Diejenigen aber aus Ihrem Leserkreis, welche die Nazizeit bewußt erlebt und mitgemacht haben, sind weit in den Achtzigern; dieser überlebende Rest ist als Zielgruppe doch schon sehr klein und hat wohl schwerere Sorgen als diesen Ihren Schwerpunkt. Oder wollen Sie die Vergangenheit der Toten bewältigen?

Bleibt als Rest also nur meine Altersgruppe, heute so rund um den Siebziger: Haben die in den Jahren 38-45 Geborenen Ihrer Ansicht nach bereits als Kleinkinder soviel verwerfliches Gedankengut unbewußt aus der Muttermilch oder aus der Luft in sich hineingesogen, daß sie jetzt Ihrer Bewältigungs-Therapie bedürftig sind?

Als Jahrgang 1943 muss ich allerdings gestehen, daß ich (wie viele andere meiner Generation) in meiner Jugend und danach mich v. a. der Bewältigung der Zukunft gewidmet habe; daß daraus eine Gegenwart geworden ist, die den jetzigen Generationen nicht mehr gefällt, ist sehr zu bedauern, hat allerdings m. E. andere Gründe als eine unbewältigte Vergangenheit, für die man ja doch wohl erst nach der Kindheit verantwortlich gemacht werden kann. Aber schon immer waren die Väter schuld.

Ich bin es wirklich leid, andauernd via Zeitungspapier, Bühnenbretter, Radio und TV moralische Standpauken aufgedrängt zu bekommen – hauptsächlich deswegen, weil ich die Bevölkerungsgruppe der Künstler und Journalisten (ganz so wie die Politiker) ganz einfach nicht als moralische Instanzen akzeptiere; dazu habe ich zuviel Kontakte in diese Welt gehabt. Für mich beginnt die Anständigkeit in meinem familiären und beruflichen Umfeld, und nur wer das halbwegs „hinkriegt“, hat für mich die Berechtigung, sich zum Sittenrichter über andere aufzuschwingen.

Montag, 10. Oktober 2011

Bloßfüssig

Auf dem modernen Theater ist es üblich, die klassischen Rollen, die man früher als "jugendliche Naive" bezeichnete, von magersüchtigen Girlies spielen zu lassen, und praktisch immer bloßfüssig, das soll wohl "Natürlichkeit" vermitteln. Dazu sind sie meist behangen mit einem dünnen Fähnchen, die hervortretenden Ecken sind ihre Knochen, selten der Busen.
Dazu kommt noch, daß die meisten dieser Jungstarlets nicht sprechen können; sie haspeln ihren Text so herunter, wie die meisten Jugendlichen heute auch sprechen, verschlucken Silben etc. - eine Art akustischen Twittern, kommt mir vor.
Lernt man an den Schauspielschulen nicht mehr Sprechen oder ist es einfach nicht modern?
Manchmal hat man einfach den Eindruck, daß es andere Qualitäten sind, die diesen Darstellern - weiblich und männlich - zu ihren Rollen verhelfen, jedenfalls nicht künstlerische, sondern möglicherweise erotische, sponsorische, ethnische, politische etc.

Mittwoch, 11. August 2010

Seh-Theater

Jetzt sind die Leute so roh geworden, daß sie im Theater nur sehen, nicht mehr hören wollen.

(Schopenhauer, Gespräche, 1847)

Gilt für die Oper sowieso, aber auch für das Theater, wo auf Sprechkultur kein Wert mehr gelegt wird.

Samstag, 8. November 2008

Burgtheater

Wie man liest, ist das Burgtheater in finanziellen Schwierigkeiten. Wundert mich nicht. Einen erfolgreichen Kurs zwischen den Forderungen des FAZTAZWAZ-Feuilletons samt Lokal-Filialen (mit seinen Gratiskarten) und dem Geschmack der einheimischen, zahlenden Abonnenten zu steuern erfordert ein Geschick, das einem Kulturfunktionär selten gegeben ist; und man kann auch nicht von ihm verlangen, die übersättigten Kritiker zu vergrämen, werden die schönsten Intendatenposten doch de facto vom Groß-Feuilleton vergeben, weil ein Politiker ja keine Zeit hat, um ins Theater zu gehen und sich auf die "Fachleute" verlassen muß. Außerdem ist schlechte Presse das Letzte, was er brauchen kann.

Ich wäre ja dafür, die Theatersubventionen stark zu kürzen: Ich würde für's Leben gern dabei zusehen, wie alsbald und grandios die Regietheaterblase zerplatzen würde. Aber es würde ja wieder nur das Theaterfußvolk treffen, wie immer, wenn abgewickelt, abgebaut, freigestellt, verschlankt, umgetopft wird. Die "Macher" würden es sich schon wieder richten und wieder irgendwo oben schwimmen.

Früher ein eifriger Burgtheater-Besucher, gehe ich jetzt nur mehr selten hin. Ich habe es satt, mmer diese Angst haben zu müssen, daß sich plötzlich irgendjemand unmotiviert die Kleider vom Leib reisst, um uns entweder seinen magersüchtigen Corpus oder seinen brie-farbenen Schmerbauch zu zeigen. Wenn im Original eine Liebesbezeigung poetischer Natur wie etwa ein Kuß steht, so muß heute daraus ein zumindest angedeuteter Geschlechtsverkehr werden u. zw. n allen möglichen van-de-Velde-Positionen. Die armen Dichter früher durften ja nicht zeigen, was sie eigentlich darstellen wollten - sagen uns die Regisseure. Überhaupt muss uns die moderne Regie erst erklären, was der Autor mit seinen beschränkten Mitteln einfach nicht optimal rübergebracht hat. Andeutungen sind für den heutigen Menschen schlichtweg nicht konkret genug, dafür würde man ja Phantasie brauchen! Wo kämen wir denn hin, wenn sich jeder Zuschauer seine eigenen Gedanken machen würde!
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Und dann die jungen Damen auf dem Theater, die sind ja generell ganz schlecht ernährt und haben dadurch offensichtlich so wenig Resonanzboden, daß sie nicht laut sprechen können, ohne zu schreien oder zu kreischen, falls Emotionen "rübergebracht" werden sollen. Sprechtechnik würde ja helfen, aber das wäre zutiefst unzeitgemäß. Handwerkliche Qualitäten haben sie offensichtlich nicht - welche dann, fragt man sich. Wahrscheinlich haben sie die richtige Gesinnung. Heute noch "Burgtheaterdeutsch" zu verlangen, finde ich übertrieben, aber ich würde zumindest gerne verstehen, was auf der Bühne gesprochen wird (ich höre laut HNO "wie ein Luchs"). Wenn ich norddeutschen Slang hören will, kann ich das im Privat-Fernsehen bei den Seifenopern billiger haben.

Daß ich nichts generell gegen deutschen Schauspieler habe, zeigt meine Hochachtung für Darsteller wie Gert Voss, Martin Schwab und einige andere mehr, die akzentfreies, schönes Deutsch sprechen können, von anderen darstellerischen Fähigkeiten zu schweigen. Auch in der Geschichte waren es immer wieder deutsche Schauspieler (z.B. Hugo Thimig), die das Burgtheater prägten, ganz ohne "Verwienerung".

Montag, 11. Februar 2008

Regie-Theater

Aus: Wolfgang Schlüter, Anmut und Gnade:
"Die plane inszenatorische Verdoppelung des Schäbigen, diese antiauratische bloße Abbildlichkeit des Alltäglichen und gewalttätig Realen, all diese Popmusik-Einlagen, Blutkübel und Video-Projektionen sind tautologisch. So eine Bühnenwelt büßt an Provokation ein, was sie an correctness gewinnt. Sie fühlt sich bemüßigt, sagen wir: Hans Sachsens deutschnationales Pathos zu entlarven - und entmündigt damit das Publikum, indem sie Interpretation mit Didaktik verwechselt, lästig am Ärmel zupft und mit der Verdunkelung des Erwartungshorizontes der Zuschauer deren Bestes preisgibt - ihre Imaginationskraft. "
Siehe auch:
In meiner Jugend waren Bearbeitungen und Kürzungen literarischer Werke gang und gäbe, heute sind sie verpönt, jeder Germanist wühlt sich in die Archive, um ja die Urfassungen und vielleicht auch noch deren Varianten aufzuspüren und zu publizieren. Ob das beim Theater auch wieder einmal kommen wird?

Mittwoch, 15. August 2007

Poesie

"Es gibt kein Kunstwerk ohne Poesie".

Die gegenwärtige Kunstwelt, allen voran das Theater, ist heftig darum bemüht, diese Behauptung Theodor Fontanes zu widerlegen.

Aber der Trost kommt auch von ihm:

"Das einfach Schöne hält aus."

Montag, 7. Mai 2007

Liaisons dangereuses

Gestern in der Josefstadt "Gefährliche Liebschaften": Kein Perrier, sondern Sodawasser.
Vielleicht bin ich voreingenommen, aber mir scheint H. Föttinger besser als Direktor denn als Schauspieler: Mir kommt es immer so vor, als wüsste er nicht, wohin mit seinen Armen - so steckt er sie halt in die Tasche. Aber auch M. Maertens steht ja im Burgtheater immer so lasch und schlapp in der Gegend herum, das soll wohl absolute Lässigkeit andeuten - und Antipathos. Pathos ist ja absolut verpönt im heutigen Theater, aber ich bin der Meinung, daß es ohne ein wenig Pathos auf der Bühne nicht geht.
Andrea Jonasson hatte außer rauchiger Stimme, verruchtem Schreiten, langer Zigarette und langen Beinen nicht viel zu bieten, vielleicht hat sie auch der Regisseur in Stich gelassen, es ist halt nicht jeder ein Giorgio Strehler.
Ich habe vor langer Zeit das Buch gelesen und später auch den Film mit Glenn Close und John Malkovich gesehen - das knisterte und prickelte, u. a. auch deshalb weil Sex nur angedeutet wurde. Es ist ein kapitales Mißverständnis des heutigen Theaters, dass Zuschaustellung von Fleisch auf der Bühne Erotik vermitteln soll oder leichtgeschürzte Barfüssigkeit Natürlichkeit. Und ohnehin müssen sich meistens nur die weiblichen Chargen ausziehen, außer ein Star hat auch eine überdurchschnittlich exhibionistische Veranlagung.

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Peter Stein im Spiegel 19/2007: "Das Nicht-Konventionelle ist seit 25 Jahren die Konvention. Diese Tatsache setzt unsere jungen Regisseure derart unter Stress, dass sie reinen Quark machen, irgendwas zeigen darüber, was sie gerade unter der Vorhaut juckt".

Freitag, 16. Februar 2007

Theater II

Nochmal zum gestrigen Theaterabend mit K.M. Brandauer und "Nathan der Weise", diesmal steht nicht der ausnahmsweise befriedigende formale Aspekt im Vordergrund, sondern zum Inhalt, der mir seit meiner Jugend sehr vertraut ist. Leider hat dieser Inhalt heute keine Konjunktur, entspricht er doch nicht der gängigen Behandlungsart dieses Themas, weder auf der jüdischen noch auf der nichtjüdischen Seite. Diese ist nicht mehr von der gegenseitigen Bemühung um Verständnis, sondern nur noch durch Interessen - oder von der Angst, nicht unangenehm aufzufallen - geprägt.

Vor über 100 Jahren schrieb Th. Fontane in einer Theaterkritik: "Seit hundert Jahren lebt nun dieses Evangelium der Toleranz, seit hundert Jahren wird es gelesen, dargestellt, zitiert ... und was ist das Resultat?"

Manchen heutigen Kritikern ist die Anstrengung anzumerken, nur ja nicht vom Pfad der "political correctness" abzuweichen bzw. mit der PC-Fahne hoch in die Luft gereckt vorneweg zu marschieren.
Viel ärger allerdings ist dies ja noch beim "Kaufmann von Venedig". Man berichtet von Kritikern, die sich nach Abfassen ihrer Rezension in orthopädische Behandlung begeben mussten.