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Sonntag, 1. Dezember 2024

Mitreiser

 Schön langsam wird mir eines meiner Hobbies verleidet: Das Eisenbahnfahren - speziell in den Fernzügen. Das vorwiegend  moralisch höher getaktete Mitreisepublikum geht mir zunehmend auf die Nerven. Die östlichen Touristen mit ihren riesigen Reisenkoffern sind zwar von asiatischer Rücksichtlsosigkeit, aber in den seltesten Fällen laut, außerdem versteht man sie eh nicht. Sehr laut hingegen sind Damenkränzchen auf Tour - da helfen nur mehr Kopfhörer. 

Wirklich zuwider sind mir aber jene Zeitgenossen, die offenbar aus ideologischen und zeitgeistigen Gründen mit der Bahn fahren: Natürlich kommen sie mit last-minute Reservierung per INTERNET, fressen begeistert Müsli und Knäckebrot, zuzeln hingebungsvoll an ihrer Fruchtmolke und trinken vorbildhaft aus einer Edelstahl- oder Leichtmetalltrinkflasche. Ich mit meiner PET-Flasche samt (horribile dictu) prickelndem Inhalt möchte in die Polster versinken, eine Dose Bier traue ich mir sowieso nur mehr in Regionalzügen aufzumachen. 

Sie sind ja im Kopf alle so nonkonform und unabhängig - aber folgen in der Praxis total konform den banalen Einflüssen der sozialen Medien und ihren Mode-Diktaten.

Freitag, 25. Oktober 2019

Follower of fashion

...wir müssen der Mode die Schleppe tragen, wenn wir eingelassen sein wollen, sie mag so schwer oder so unrein sein als sie will. Haben wir ja einen Gedanken, so darf er nicht so wie er ist ausgegeben werden, um ihn nicht überall ausgeschossen zu sehen, muß er das Gepräge der Zeit haben.

Ich mag immer den Mann lieber, der so schreibt, dass es Mode werden kann, als den der so schreibt, wie es Mode ist.

Lichtenberg

Sonntag, 8. September 2019

Ich bin ein Genie!

"Der gewöhnliche Kopf ist immer der herrschenden Meinung und der herrschenden Mode konform, er hält den Zustand in dem sich alles jetzt befindet für den einzig möglichen und verhält sich leidend bei allem. Ihm fällt nicht ein, daß alles von der Form der Meublen bis zur feinsten Hypothese hinauf in dem großen Rat der Menschen beschlossen werde, dessen Mitglied er ist.
Er trägt dünne Sohlen an seinen Schuhen, wenn ihm gleich die spitzen Steine die Füße wund drücken, er läßt die Schuh-Schnallen sich durch die Mode bis an die Zehen rücken, wenn ihm gleich der Schuh öfters stecken bleibt. Er denkt nicht daran, daß die Form des Schuhs so gut von ihm abhängt, als von dem Narren, der sie auf elendem Pflaster zuerst dünne trug. Dem großen Genie fällt überall ein: könnte auch dieses nicht falsch sein?
Er gibt seine Stimme nie ohne Überlegung. Ich habe einen Mann von großen Talenten gekannt, dessen ganzes Meinungs-System, so wie sein Meubeln-Vorrat, sich durch eine besondere Ordnung und Brauchbarkeit unterschied, er nahm nichts in sein Haus auf, wovon er nicht den Nutzen deutlich sah, etwas anzuschaffen, bloß weil es andere Leute hatten, war ihm unmöglich. Er dachte, so hat man ohne mich beschlossen, daß es sein soll, vielleicht hätte man anders beschlossen, wenn ich mit dabei gewesen wäre. Dank sei es diesen Männern, daß sie zuweilen wenigstens wieder einmal schütteln, wenn es sich setzen will, wozu unsere Welt noch zu jung ist."
G. C. Lichtenberg

Das ist fein! Da werde ich taxfrei zum großen Genie erhoben! ;=)  Habe ich doch schon seit meiner Gymnasial-Zeit mir  manchmal diese Frage gestellt und später immer öfter; aber leider immer noch viel zu selten.




Freitag, 7. November 2014

Fashions

"But the ambition to write a work which is ahead of its time and which will preferably not be understood too soon - which will shock as many people as possible - has nothing to do with art, even though many art critics have fostered this attitude and popularized it.
Fashions, I suppose, are as unavoidable in art as in many other fields. But it should be obvious that those rare artists who were not only masters of their art but blessed with the gift of originality were seldom anxious to follow a fashion, never tried to be leaders of fashion. Neither Johann Sebastian Bach nor Mozart nor Schubert created a new fashion or "style" in music....
But although fashions may be unavoidable, and although new styles may emerge, we ought to despise attempts to be fashionable. It should be obvious that "modernism" - the to be new or different at any price, to be ahead of one's to produce "The Work of Art of the Future" (the title of essay by Wagner) - has nothing to do with the things an artist should value and should try to create....
Of course I do not blame an artist or a musician for to say something new. What I really blame many of the "modern" musicians for is their failure to love great music - great masters and their miraculous works, the greatest perhaps that man has produced."

K. Popper, UNENDED QUEST

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Bias

Ich stöbere gern auf Flohmärkten nach allerlei alten Bänden, vorzugsweise Sachbüchern zu Geschichte, Literatur und Musik. Unweigerlich stößt man dabei auf Ausgaben aus der Nazizeit. Die meisten davon sind, obwohl oft im rein sachlichen Teil durchaus korrekt, wegen der eingewobenen zeitbedingten - wohl oft der Zensur geschuldeten - Kommentare und Führerlobpreisungen, heute kaum mehr lesbar.

Als es die DDR noch gab, war ich einige Male dort und besuchte gerne Buchhandlungen zu demselben Zweck wie oben erwähnt; auch in  Ungarn konnte man damals ostdeutsche Bücher sehr preisgünstig erwerben. Auch hier dasselbe Phänomen: Wenn es sich nicht gerade um mathematische Werke oder um Klassiker handelte, war alles mit marxistisch-leninistischen Floskeln und Wendungen derart durchsetzt, dass einem die Lektüre verleidet wurde.

Und wie ist es heute, bei uns? Fast alle Themen werden in Politische Korrektheit eingekleidet, überall wird das zeitgeistige Grundgewürz dazugegeben. Die meisten können es schon nicht mehr herausschmecken.
Ich bin überzeugt, dass die meisten der heutigen "Historiker" in ein paar Jahrzehnten nicht mehr lesbar sein werden.

Meine These ist, dass es sich immer um dieselbe Art von Köchen handelt, die stets dem Zeitgeschmack entsprechend kochen. Ändern sich die Zeiten, ändern sich die Gewürze - und diese unterliegen der Mode.