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Dienstag, 20. September 2016

Genie und Charakter

"Wagner gilt nicht nur als paradigmatischer Fall für die Unvereinbarkeit von Genie und Charakter,er hat sie auch als erster begriffen. In den Tagebüchern Cosiına Wagners findet sich ein Eintrag von Richard Wagners eigener Hand, und zwar in der dritten Person, als habe er diese Selbstauskunft gern ihr zuschieben wollen:"
»Er klagte über die Nötigungen seiner künstlerischen Bestimmung,
dadurch, daß er ihnen gehorche, seine moralischen Anlagen unausgebildet lassen zu müssen: nebenbei könne er nichts tun, oder alles fiele schlecht aus; ganz moralischer Mensch sein heiße aber sich ganz aufopfern.«
M.Gregor-Dellin

P.S.: Und so bleibt einem, der erkannt hat, dass er kein Genie ist, nur übrig, wenigstens ein moralischer Mensch zu werden.


"Demnach darf niemand dem Dichter vorschreiben, daß er edel und erhaben, moralisch, fromm, christlich, oder dies oder das sein soll, noch weniger ihm vorwerfen, daß er dies und nicht jenes sei. Er ist der Spiegel der Menschheit und bringt ihr was sie fühlt und treibt zum Bewußtsein."

A. Schopenhauer

Mittwoch, 23. Juni 2010

Dichterweisheit

Sokrates:
"Von ihren Gedichten also diejenigen vornehmend, welche sie am vorzüglichsten schienen ausgearbeitet zu haben, fragte ich aus, was sie wohl damit meinten, auf daß ich auch zugleich etwas lernte von ihnen. Schämen muß ich mich nun freilich, ihr Männer, euch die Wahrheit zu sagen: Dennoch soll sie gesagt werden:Um es nämlich geradeheraus zu sagen, fast sprachen alle Anwesenden besser als sie selbst über das, was sie gedichtet hatten. Ich erfuhr  also auch von den Dichtern in kurzem dieses, daß sie nicht durch Weisheit dichteten, was sie dichten, sondern durch eine Naturgabe und in der Begeisterung, eben wie die Wahrsager und Orakelsänger. Denn auch diese sagen viel Schönes, wissen aber nichts von dem, was sie sagen; ebenso nun ward mir deutlich, erging es auch den Dichtern. Und zugleich merkte ich, daß sie glaubten, um ihrer Dichtung willen auch in allem übrigen sehr weise Männer zu sein, worin sie es nicht waren. Fort ging ich also auch von ihnen mit dem Glauben, sie um das nämliche zu übertreffen wie auch die Staatsmänner."
(«Apologie» 21 e-22 c / 1, 13.)

Montag, 12. März 2007

Rosenkavalier

Gestern Abend Staatsoper "Rosenkavalier" unter Adam Fischer, welchen ich immer mehr zu schätzen beginne, mit einem neuen, jungen "Ochs" (W. Bankl) - recht zufriedenstellend, auch die Damen Denoke, Garanca hervorragend.

Manche bezeichnen diese Oper als Kitsch, Kunsthandwerk. Mag ja sein, aber dann auf höchster Stufe. Natürlich beherrschte R. Strauß alle Technik-Tricks, um Effekte, Gefühle, Rührung nach Belieben zu erzeugen. Wenn er vormittags sein Komponier-Tagewerk absolviert hatte, ging er am Nachmittag bekanntlich ungerührt seinen Skat dreschen... Aber bei Mahler z. B. spüre ich das raffinierte Kunsthandwerk deutlicher durch - trotz der dargestellten aufgewühlten Leidenschaften.

Mich stört das überhaupt nicht. Irgendwann nach der Pubertät muss man ja drauf kommen, dass alle Kunst zuerst einmal aus Handwerk besteht. Inhalt kann sich ohne Form nicht gültig und bleibend verfestigen. Mit dem Alter steigt meine Skepsis gegenüber jener Kunst, die nur aus "Inbrunst" geboren wurde. Ich sehe den Künstler als einen 'oil-drilling-engineer', der dem Gold der Erde durch Röhren den Weg an die Oberfläche bahnt.

Was man auch nicht zu spät ablegen sollte, ist die Auffassung, dass Künstler und Werk auch moralisch gleichzusetzen seien. Gerade bei einigen meiner liebsten Künstler musste ich das "schmerzvoll" einsehen (R. Wagner, B. Brecht, Th. Mann u. a.) - und auch bei Künstler-Kollektiven wie die Wr. Philharmoniker. -

Natürlich auch das eine ganz "unmoderne" Auffassung:

Ein Kunstwerk nur für sich allein
Ist wertlos; es muss sein
Gewickelt in Gesinnungs-Stoff
Samt einem Beipack 'making of'.