Montag, 15. März 2010

Öffentlichkeit

Joseph Roth sagt, daß "...die Öffentlichkeit allmählich die Menschheit zu ersetzen beginnt".
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Deshalb ist auch wahre Menschlichkeit nicht mehr gefragt, nur mehr die "öffentliche Wirkung" der Menschlichkeit.

Mittwoch, 10. März 2010

Klimawandel (Montaigne)

Es ist sehr leicht, auf Postulaten Gedankengebäude jedweder Art zu errichten, denn kraft einer solchen die Regeln festlegenden Vorgabe lassen sich die übrigen Teile widerspruchsfrei zusammenfügen. Auf diese Weise finden wir unser Denken wohlbegründet und argumentieren stets treffend, nehmen unsere Lehrmeister in unserm Glauben doch von vornherein all den Raum in Anspruch und Besitz, den sie brauchen, um uns hernach welche Schlüsse auch immer plausibel zu machen - nicht anders, als es die Mathematiker mit ihren Axiomen tun. Unser Zustimmen und Gutheißen gibt ihnen freie Hand, uns bald links, bald rechtshin zu ziehen, bis wir nach ihrer Pfeife Pirouetten drehn. Wer immer unsren Glauben an seine Postulate zu gewinnen weiß, ist unser Herr und Gott.

Jenen, die mit Postulaten in den Kampf ziehen, muß man deren jeweilige Umkehrung ins Gesicht postulieren - hat doch jedes von Menschen verlautbarte Postulat soviel Gültigkeit wie irgendein andres, solang der Verstand keinen Unterschied zwischen ihnen feststellt. Deshalb muß man sie samt und sonders auf die Waage legen, vornehmlich die allgemeinen und solche, die uns tyrannisiern.

Sich sicher zu wähnen ist ein sichres Zeichen äußerster Unsicherheit
- und Torheit dazu;

Montaigne II/12 (Übersetzung H. Stilett)

Jenseits

Falls die Freuden, die du mir für das künftige Leben versprichst, von gleicher Art sind, wie ich sie hienieden empfunden habe, sind sie nicht unvergänglich. Selbst wenn all meine fünf Sinne vor Wonne überflössen und meine Seele von aller Glückseligkeit ergriffen würde, die sie sich zu wünschen und zu erhoffen vermag, wäre das immer noch nichts (denn wir wissen ja, wie schwach und unzulänglich ihre Kräfte letztlich sind).
Bleibt darinnen etwas nur, das mein,
kann nichts Göttliches darinnen sein.
Wenn es sich um nichts anderes handelt als das, was uns auch unsre jetzige Seinsweise ermöglicht, zählt es nicht.
Alles Glück der Sterblichen ist sterblich.
Solang uns etwa das Wiedersehn mit unseren Eltern, unseren Kindern und unsren Freunden im Jenseits noch zu rühren noch zu ergötzen vermag - solang wir noch an solchen Freuden hängen, bleiben wir im Bereich der irdischen und endlichen Güter.

Montaigne, Essais II/12

Montag, 8. März 2010

Philosophen

Warum haben denn keineswegs nur Aristoteles, sondern auch die meisten andern Philosophen es darauf an,gelegt, schwerverständlich zu schreiben, wenn nicht, um der Nichtigkeit des Gegenstands ein Ansehn zu geben und die Neugier unsres Geistes beschäftigt zu halten, indem sie ihm als Futter solch hohle und abgefleischte Knochen hinwerfen, auf daß er an ihnen herumnage? Kleitomachos erklärte, aus den Schriften des Karneades habe er niemals erkennen können, welcher Meinung er sei. Warum ist Epikur in seinen Werken dem Leichtverständlichen ausgewichen?

Warum tat Heraklit das gleiche (weswegen er der Dunkle genannt wurde)?
Die Schwerverständlichkeit ist ein Falschgeld, dessen sich die Gelehrten wie die Taschenspieler bedienen, damit die Nichtigkeit ihrer Kunst nicht ans Licht komme - und von
der menschlichen Dummheit wird es gern als gültiges Zahlungsmittel angenommen:
Der Ruhm des dunklen Heraklit glänzt allerorten
besonders in den hohlen Köpfen,
denn sie wähnen verborgne Klarheit
hinter rätselhaften Worten.
Clarus, ob obscuram linguam, magis inter inanes, Omnia enim stolidi magis admirantur amantque Inversis quae sub verbis latitantia cernunt.
Montaigne, Essais II/12

Wahrheit

Stets ist dem Wahren Unwahres beigemischt, und beide ähneln sich derart, daß es kein sicheres Kriterium für ein zustimmendes Urteil gibt.

Cicero in: Montaigne, Essais II/12

Hi sumus qui omnibus veris falsa quaedam adjuncta esse dicamus, tanta similitudine ut in iis nulla insit certe judicandi et assentiendi nota.

Nach dem umgekehrten Prinzip verfahren Politiker (und Journalisten), wenn sie der Unwahrheit stets ein Quentchen Wahrheit beimischen.

Mittwoch, 3. März 2010

Brandstetter

Bisher habe ich Alois Brandstetter sehr geschätzt und ich tue es noch. Geärgert habe ich mich nur, als ich zuletzt "Almträume" las. Er entblödet sich darin nicht, ausführlich und mehrfach darüber zu berichten, daß er sein Landhaus bei Pichl einem kurdischen Asylanten überlassen hat. Schön und ehrenvoll für ihn, aber warum breitet er das seitenweise aus? Was will er uns damit sagen? Daß er nicht so ist wie wir Zöllner dahinten....?
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Und was soll das Wort "leider", wenn er über den Antisemitismus vergangener Jahrhunderte berichtet? Er selber schreibt an anderer Stelle, daß man die Vergangenheit nicht mit dem Wissen der Gegenwart beurteilen darf.
Antisemitismus war im 19. JH und früher ein Kavaliersdelikt, siehe Fontane, Wagner; deren begeistertsten Anhänge waren nicht selten selber Juden, die offensichtlich dabei nichts fanden. Wir können das heute nicht verstehen, dabei sollten wir es belassen.

Empathie

Empathie hat Saison. Es ist süß und ehrenvoll, den ganzen Schmerz der Welt mit-zu-erleiden. In diesem Zusammenhang einige Beobachtungen, ohne daß ich einen kausalen Zusammenhang postulieren will.
  • Es scheint, daß die Empathie stärker wird mit der Distanz zum Objekt.
  • Häufig konnte ich beobachten, daß sie durchaus konform gehen kann mit rüder Behandlung der Nahestehenden, die man vielleicht als Teil seiner selbst sieht und spürt; vielleicht lieben die Empathiker insgeheim sich selbst nicht so sehr; aber lieben muss man ja.
  • Gerne wird bei der tätigen Ausübung der Empathie auf die Ressourcen von anderen zurückgegriffen, besonders gerne auf jene von Partnern, ob diese die empathischen Gefühle teilen oder nicht.
  • Die meisten beschränken sich auf Gute Worte und fordern von anderen die Guten Werke
  • In der Öffentlichkeit ist es gang und gäbe, daß man unausgesprochen die Mithilfe von anderen für die Mildtätigkeit verlangt, die man selber gerne ausüben will.
  • Soweit gut, wenn man selber auch was dazu beiträgt und nicht nur die anderen in die Pflicht nimmt.

Demokratie

"Es ist ein Unglück, so weit gekommen zu sein, daß als der beste Prüfstein der Wahrheit die Menge der Gläubigen gilt, in einem Gewimmel, in dem die Zahl der Narren die der Weisen um ein so Vielfaches übertrifft. "

Montaigne