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Dienstag, 5. April 2022

Sinn ist Ordnung

 Lichtenberg:

Eine große Rede läßt sich leicht auswendig lernen und noch leichter ein großes Gedicht. Wie schwer würde es nicht halten, eben so viel ohne allen Sinn verbundene Wörter, oder eine Rede in einer fremden Sprache zu memorieren. Also Sinn und Verstand kömmt dem Gedächtnis zu Hülfe. Sinn ist Ordnung und Ordnung ist doch am Ende Übereinstimmung mit unserer Natur. Wenn wir vernünftig sprechen, sprechen wir nur immer unser Wesen und unsere Natur. Um unserm Gedächtnisse etwas einzuverleiben suchen wir daher immer einen Sinn hineinzubringen oder eine andere Art von Ordnung. Daher Genera und Species bei Pflanzen und Tieren, Ähnlichkeiten bis auf den Reim hinaus. Eben dahin gehören auch unsere Hypothesen, wir müssen welche haben, weil wir sonst die Dinge nicht behalten können. Dies ist schon längst gesagt, man kömmt aber von allen Seiten wieder darauf. So suchen wir Sinn in die Körperwelt zu bringen. Die Frage aber ist, ob alles für uns lesbar ist. Gewiß aber läßt sich durch vielen Probieren, und Nachsinnen auch eine Bedeutung in etwas bringen was nicht für uns oder gar nicht lesbar ist. So sieht man im Sand Gesichter, Landschaften usw. die sicherlich nicht die Absichten dieser Lagen sind. Symmetrie gehört auch hieher. Silhouette im Dintenfleck pp. Auch die Stufenleiter in der Reihe der Geschöpfe, alles das ist nicht in den Dingen, sondern in uns. Überhaupt kann man nicht genug bedenken, daß wir nur immer uns beobachten, wenn wir die Natur und zumal unsere Ordnungen beobachten.



Mittwoch, 30. August 2017

Einstellungssache

"An mich wendet sich ein alter praktischer Arzt; vor einem Jahr ist ihm seine über alles geliebte Frau gestorben, und über diesen Verlust kann er sich nicht hinwegsetzen. Ich frage den schwerst deprimierten Patienten, ob er sich überlegt habe, was geschehen wäre, wenn er selbst früher als seine Frau gestorben wäre. ,,Nicht auszudenken“, antwortete er, ,,meine Frau wäre verzweifelt ge-
wesen.“ Nun brauchte ich ihn nur darauf aufmerksam zu machen: ,,Sehen Sie, dies ist Ihrer Frau erspart geblieben, und Sie haben es ihr erspart, freilich um den Preis, daß nunmehr Sie ihr nachtrauern müssen.“ Im gleichen Augenblick hatte sein Leiden einen Sinn bekommen: den Sinn eines Opfers. Am Schicksal konnte nicht das geringste geändert werden; aber die Einstellung hatte sich gewandelt! Das Schicksal hatte ihm abverlangt, sich von der Möglichkeit, durch Lieben Sinn zu erfüllen, zurückzuziehen; aber die Möglichkeit war ihm geblieben, sich auch diesem Schicksal zu stellen, sich richtig einzustellen."

V. E. Frankl

Montag, 12. September 2016

Hat die Welt einen erfaßbaren Sinn?

Wie lange müssen wir alle fehlgehen, bis wir schließlich nicht noch mehr desselben tun, in der Annahme, daß dieses Tun die einzig mögliche Alternative ist, sondern die Annahme selbst in Frage stellen? Wie lange müssen wir vergeblich suchen, bis wir nicht mehr glauben, noch nicht an der richtigen Stelle gesucht zu haben, sondern uns fragen, ob es das Gesuchte überhaupt gibt? 
 KARL KRAUS fand die Antwort im Prinzip, daß er, wenn er zwischen zwei Übeln zu wählen habe, keines der beiden wählt. Und noch viel schöner ist der merkwürdig tröstliche Satz, den der Engländer CHESTERTON aus POPEs Werk zitiert:  »Gesegnet sei, der da nichts erwartet, denn er soll herrlich überrascht werden«. Und CHESTERTON schreibt weiter: »Es ist eine der Millionen schmerzhafter Wahrheiten, daß wir nichts wissen, bis wir nichts wissen« ; hier ergibt sich eine grundsätzlich neue Situation, in der die Frage wegfällt und mit ihr die Notwendigkeit einer Antwort. Es erweist sich nun, daß das Suchen, die Frage, das Problem ist....
Hat die Welt einen erfaßbaren Sinn? Wenn ja, welchen, und was ist daraus zu lernen? .....ich glaube, daß eines nun doch klar ist: Der Sinn, den wir erhalten, hängt von der Sinnfrage ab, die wir stellen. Die Sinnfrage selbst aber kann sich keinen Sinn geben; sie ist nicht ihr eigener Sinn, sie ist leer in dem Augenblick, in dem sie auf sich selbst zurückfragt. In anderen Worten: Solange die Frage nach dem Sinn des Sinnes nicht gestellt wird, kann die Welt als widerspruchsfrei erlebt werden, doch selbst das ist nicht notwendigerweise der Fall. 
 Der am Unsinn der Welt Verzweifelnde ist ... weiterhin in der Illusion verfangen, daß es einen Sinn geben muß, es ihn aber nicht gibt. Dadurch erst wird für ihn die Welt und das Leben unerträglich. Und daraus erhellt auch die Absurdität und die gegenteilige Wirkung der in bester Absicht (selbst von Psychiatern) immer wieder versuchten »Aufmunterung« des Patienten. Dieser Tragik bar dagegen ist die Bemerkung des Königs in Alice im Wunderland, der nach dem Lesen des unsinnigen Gedichts des Weißen Kaninchens zur erleichterten Schlußfolgerung kommt:             
 »Wenn kein Sinn darin ist, so erspart uns das eine Menge Arbeit, denn dann brauchen wir auch keinen zu suchen«.
Was uns das Phänomen der Rückbezüglichkeit meines Erachtens lehrt, ist, daß die Welt weder einen Sinn noch keinen Sinn hat, daß die Sinnfrage sinnlos ist. Was die Welt nicht enthält, kann sie auch nicht vorenthalten. Die Welt hat einen Eigenwert, der letztlich unser eigener ist. Die Zen-Meister sollen auf die Frage nach dem rechten Weg zur Erleuchtung geantwortet haben, daß man, solange man Satori (悟り)sucht, es nicht haben kann.
Und Graf DÜRCKHEIM (1954) berichtet: Als er Altmeister Suzuki einmal »mit Bezug auf das vom Menschen immer gesuchte und ihn ja doch stetig um- und durchflutende Sein fragte, ob es etwa so sei, wie der Fisch, der nach dem Wasser sucht, antwortete er mit leisem Lächeln: »Es ist noch mehr. Es ist so, wie wenn das Wasser nach dem Wasser sucht«. Der Taoismus spricht vom wu-wei , der absichtlichen Absichtslosigkeit.
Über die enigmatische Hintergründigkeit des KAFKA-Romans Der Prozeß bestehen zahllose Deutungen .....  doch scheint die Antwort in der Schlußbemerkung des Geistlichen in der Kathedrale enthalten zu sein. Nachdem er vergeblich versucht hat, Josef K. mit der Parabel vom Türhüter zu helfen, drückt er die Sinnlosigkeit von K.s Suche nach dem Sinn schließlich in einer einzigen, ganz klaren Bemerkung aus: »Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst, und es entläßt dich, wenn du gehst.« Josef K. hört, aber versteht nicht und geht an seiner Suche nach endgültiger Gewißheit zugrunde. 

Paul Watzlawick, Münchhausens Zopf 

Dienstag, 15. März 2016

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https://twitter.com/kumpfuz/status/709646123296821248

Anregungen durch V.E.Frankl:
  • Sinn kann nicht gegeben, sondern muß gefunden werden
  • Sinn muß gefunden, kann aber nicht erzeugt werden.
  • Sinn muß aber nicht nur, sondern kann auch gefunden werden. 
  • Das Leiden hat einen Sinn, wenn Du selbst ein anderer wirst.

Auch, wenn ich ein schlechterer Mensch werde?


Donnerstag, 22. März 2007

Sinngebung

"Dem Leben einen Sinn geben" - das heißt doch wohl, daß es sonst keinen hat.